- 16.11.2012, 21:00:35
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Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 17.11.2012. Leitartikel von Mario Zenhäusern. "Vorwärts in die Steinzeit"
Innsbruck (OTS) - Ein Fünf-Punkte-Programm des Innenministeriums
lässt den Schluss zu, dass langfristig der Ausstieg aus der
Behandlung von Abhängigen mit Ersatzdrogen geplant ist. Die Folge
wäre mehr und nicht weniger Kriminalität.
Nahezu jeder vierte europäische Erwachsene hat in seinem Leben
bereits einmal Cannabis konsumiert. Das geht aus dem Europäischen
Drogenbericht 2012 hervor. In Österreich hat sich die Zahl der
Drogeneinsteiger bei den 14- bis 18-Jährigen nahezu verdoppelt.
Trotzdem ist die Zahl der Todesfälle in Folge von
Suchtgift-Überdosierungen hierzulande relativ stabil, sind die
Experten der "Gesundheit Österreich GmbH" zufrieden, die soeben den
Österreichischen Drogenbericht 2012 vorgelegt haben.
Das hängt wohl in erster Linie mit der besseren Betreuung der
30.000 bis 34.000 Personen zusammen, deren Drogenkonsum problematisch
ist. Zwei Drittel dieser Menschen weisen akute gesundheitliche
Probleme auf. Es ist zu befürchten, dass sich die Situation zuspitzt.
Innenministerin Johanna Mikl-Leitner will nämlich auf die steigende
Drogenkriminalität reagieren. Handlungsbedarf sieht sie u.a. im
Bereich der Substitutionstherapie. In einer Anti-Drogen-Strategie,
die sie kürzlich präsentierte, gibt sie als das Ziel vor: "Weg von
der Substitutionsbehandlung und hin zu einer viel früher greifenden
Therapie, wie zum Beispiel begleitende psychosoziale Maßnahmen." Das
wäre ein Schritt zurück in die Steinzeit der Drogenpolitik.
Nicht ganz 17.000 Frauen und Männer werden derzeit im Rahmen einer
Therapie mit Drogenersatzstoffen behandelt. Mit Erfolg, wie die
Experten der "Gesundheit Österreich GmbH" betonen: Besonders positiv
wirke sich die Substitution auf die Stabilisierung und soziale wie
gesundheitliche Rehabilitation der Betroffenen aus.
Nichts anderes wollten die "Erfinder" der Therapie mit
Ersatzdrogen bewirken. Wenn nun das Fünf-Punkte-Programm des
Innenministeriums ankreidet, dass "lediglich fünf von hundert
Substitutionspatientinnen und -patienten der Drogenausstieg
tatsächlich gelingt", klingt das wie Hohn. Vor allem in den Ohren der
Betroffenen und jener Ärzte, die sie behandeln. Die Abstinenz ist
nämlich kein primäres Ziel dieser Behandlung. Es geht darum, kranken
Menschen ein möglichst normales Leben zu ermöglichen, sie vom Druck
zu befreien, sich auf kriminellem Weg Drogen zu beschaffen, sie vor
der Gefahr zu bewahren, endgültig ins gesundheitliche und soziale
Abseits abzugleiten.
Mikl-Leitner will mit ihrem "Weg von der Substitution" auch den
Missbrauch von Ersatzdrogen unterbinden. Deswegen aber das komplette
Projekt einzustellen, wäre übers Ziel hinausgeschossen. Damit würde
sie exakt das Gegenteil dessen erreichen, was sie will: Nicht
weniger, sondern mehr Kriminalität wäre die Folge.
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