- 20.05.2012, 21:00:35
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 21. Mai 2012, von Mario Zenhäusern: "Schulische Negativ-Auslese"
Innsbruck (OTS) - Immer noch scheitern zu viele Kinder mit
nichtdeutscher Muttersprache, weil sie dem Unterricht in den
Volksschulen nicht folgen können. Nötig ist ein erweitertes Angebot
und die verstärkte Kontrolle, dass es auch angenommen wird.
In Tirols Schulen können heuer 500 von insgesamt 5000
schulpflichtigen Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache nicht
benotet werden. Grund: Sie beherrschen die deutsche Sprache nicht in
jenem Ausmaß, dass sie zumindest dem Unterricht folgen können. Die
Zahlen sind seit Jahren unverändert: 2008 gingen - bei gleich hoher
Gesamtschülerzahl - zum Schulschluss 480 Mädchen und Buben ohne
Zeugnis nach Hause.
Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Anstatt jungen Menschen das
Rüstzeug für ihre spätere berufliche Karriere in die Hand zu geben,
produzieren die Schulen auf diese Weise - ungewollt - Verlierer.
Menschen, die im beruflichen Alltag keine Chance haben und/oder
bekommen, die deshalb auch gesellschaftlich an den Rand gedrängt
werden und mangels anderer Möglichkeiten gezwungen sind, von der
Unterstützung durch den Staat zu leben.
Diese Negativ-Auslese kann nicht im Sinne der Kinder sein. Die
meisten scheitern ja nicht an ihrer mangelnden Intelligenz, sondern
an den Umständen, die ihnen den zeitgerechten Zugang zur deutschen
Sprache verwehren. Und daran, dass immer noch zu wenig Geld zur
Verfügung steht, um das Schul- bzw. Vorschulsystem entsprechend zu
adaptieren.
Die Verantwortlichen in Land und Bund wissen seit Jahren, dass es
sehr schwer ist, sprachliche Defizite im Schulbetrieb quasi nebenher
zu beseitigen. Sie wissen auch, dass das im Kindergarten besser
funktioniert, dass aber ein viel zu geringer Teil der Kinder mit
nichtdeutscher Muttersprache den Kindergarten besucht. Fazit: Wer
garantieren will, dass alle Kinder gleich welcher Muttersprache ihre
schulische Karriere mit halbwegs ähnlichen Voraussetzungen - sprich:
Deutschkenntnissen - in Angriff nehmen, muss für einen ausreichend
langen Kindergartenbesuch sorgen.
Das Land Tirol hat auf diesem Sektor schon einige Initiativen
gesetzt und will das Angebot weiter ausbauen. Sprachtests mit
Dreijährigen, mobile Sprachpädagoginnen, die sich um Härtefälle
kümmern, sowie Sprachstartklassen, die bereits im Vorschulalter
versuchen, Defizite auszugleichen, sind ein Schritt in die richtige
Richtung. Die Verantwortlichen müssen jetzt allerdings auch
sicherstellen, dass die betroffenen Familien dieses Angebot auch
annehmen. Wenn nötig, mit Druck. Sonst jammern wir noch in Jahren
darüber, dass jeden Sommer nur deshalb mehrere hundert präsumtive
Sozialhilfeempfänger unser Schulsystem verlassen, weil sie der
deutschen Sprache zu wenig mächtig sind.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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