• 14.05.2012, 12:55:22
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Offener Brief zur Ausstellung "Besetzt!" im Wien Museum

An den Direktor der Museen der Stadt Wien Herrn Dr. Kos per e-mail am 8.5.2012

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Dr. Kos,

bei Ihrer Ausstellung "Besetzt!" handelt es sich m.E. um ein
löbliches Unterfangen, zeigt sie doch, wie viel subversive Kraft
notwendig war und ist, um bottom-up Bedürfnisse zu artikulieren,
politischen Bewegungen zu Öffentlichkeit zu verhelfen, Raum bzw.
Räume zu schaffen.

Umso entgeisterter bin ich und zahlreiche KollegInnen und
MitstreiterInnen, dass die einzige feministische Besetzung in der
Stadt seit den 70ern in Ihrer Ausstellung keine Erwähnung findet.
1998 wurde das ehemalige Pornokino Rondell besetzt und 10 Tage und
Nächte rund um die Uhr von Künstlerinnen und Künstlern bespielt. Ziel
war die Schaffung eines Frauenraums - des feministischen Theater und
Kulturzentrums link.*frauenraum. Rund 2.000 Personen nahmen an der
Besetzung teil - als auftretende KünstlerInnen, DiskutantInnen,
ZuseherInnen, BesetzerInnen. Tausende aus dem In- und Ausland
unterstützten brieflich, per email, persönlich. Von Christine
Nöstlinger über Robert Menasse und Elfriede Hammerl, von Josef Hader
(der täglich um 1.00 Uhr Früh auftrat!) bis Marlene Streeruwitz, von
Dieter Schrage bis Elfriede Jelinek u.v.m. - alle waren sie da! Als
die Polizei zum Abzug nötigte, wurde die Besetzung des Rondell in
"fliegende Besetzungen" umgewandelt: sie fanden Wochen und Monate in
der Riemergasse vor dem Rondell statt, auf dem Ballhausplatz vor dem
Bundeskanzleramt, in der Kunstsektion, im Kulturamt der Stadt Wien,
vor dem Flughafen Wien-Schwechat und überall dort, wo
Entscheidungsträger auftauchten.

Ich denke, es ist müßig anzuführen, dass diese Besetzung eine
erfolgreiche war. Es wird bekannt sein, dass das Gendertheater
mithilfe der unaufhörlich und hartnäckig gestellten Forderungen
zahlreicher AktivistInnen, nach aufreibenden Verhandlungen mit dem
Bundeskanzleramt und der Stadt Wien, nicht im Rondell, sondern im
ehemaligen Kosmos-Kino als kosmos.frauenraum, mittlerweile
KosmosTheater, schließlich gegründet wurde. Elfriede Jelinek nahm am
15. Mai 2000 mit ihrer berühmten Rede "frauenraum" die Eröffnung
persönlich vor.

Material über die Besetzung des Rondells gibt es in Hülle und
Fülle: Zahlreiche Medienberichte, Bildmaterial, Filmaufnahmen; des
Weiteren eine von mir verfasste Diplomarbeit sowie das reich
illustrierte Buch "Das Theater mit dem Gender" von Susanne Riegler,
Hg.in Johanna Dohnal, 2010 Löcker Verlag, zum 10-jährigen Jubiläum
des KosmosTheater. In beiden Werken wird umfassend auf die Besetzung
eingegangen.

Zahlreiche Fragen stellen sich, allen voran: Warum wurde die
einzige feministische Besetzung in Wien nicht in die Ausstellung
aufgenommen? Ist den dafür Verantwortlichen bewusst, dass damit ein
für die BürgerInnen der Stadt Wien - und weit darüber hinaus -
wichtiges best-practice Beispiel für erfolgreiche
feministisch-widerständige Aktionen ignoriert wird? Gibt es im
größten Museumsbetrieb der Stadt Wien einen sensiblen Umgang mit der
weitgehend androzentrischen Kultur- und Geschichtsschreibung und
ihren auch 2012 immer noch stattfindenden Auslassungen?

Mit freundlichen Grüßen
Mag.a Barbara Klein
Intendantin KosmosTheater

Rückfragehinweis:
Mag.a Barbara Klein, Intendantin
KosmosTheater
Tel.: +43 (0)1 / 523 12 26
mailto:[email protected]

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