- 02.05.2012, 08:12:52
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 2. Mai 2012 von Peter Nindler "Die Schule als Versuchskaninchen"
Innsbruck (OTS) - Dass der Urlaub für Lehrer gekürzt werden soll,
klingt angesichts von durchschnittlich fünf Wochen Erholung für
Arbeitnehmer plausibel. Doch in der Debatte um Reformen im
Schulsystem helfen solche Vorschläge wenig.
Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SP) bürstet gerne
gegen den Wind - und gegen die eigene Partei. Damit ist sie ein
erfrischender Faktor in einer sonst schon eher eingerosteten
Sozialdemokratie in Österreich. Mit ihrem Vorschlag, den Urlaub für
Lehrer drastisch zu kürzen, hat sie aber einmal mehr in ein
Wespennest gestochen. Die Lehrergewerkschaft reagierte wie gewohnt
reflexartig mit Schock. Dabei lösen Burgstallers Ideen weniger
Schockstarre als Nachdenken aus. Denn angesichts unzähliger
Diskussionsbeiträge, wie die Schule von morgen verbessert und
reformiert werden könnte, ist eine Urlaubsanpassung an das Niveau der
übrigen Arbeitnehmer derzeit sicher nicht das vorrangige Thema.
Im Wochentakt kommen neue Vorschläge auf das politische Tapet.
Vorerst gilt es jedoch, strukturelle und inhaltliche
Rahmenbedingungen zu unterscheiden, wenngleich am Ende beide
Reformansätze notwendig sind. Zuerst benötigt es ein einheitliches
Lehrerdienstrecht und dann eine gemeinsame Ausbildung mit Abstufungen
je nach Schultyp. Parallel dazu muss endlich einmal darüber Klarheit
herrschen, ob es eine Gesamtschule in Österreich geben soll oder
nicht. Lieber werden die Probleme in Österreich allerdings umschifft
als konkret angesprochen. Mit ihrem Vorstoß kreist Burgstaller um die
zentralen Fragen. Natürlich könnten Pädagogen für die Ganztages- und
Lernbetreuung in den Ferien eingesetzt werden, aber nur wenn das
System klar ist. Und dabei drängt sich die nächste Frage auf: Welches
Berufsbild haben unsere Lehrer in der Zukunft? Und sind fast vierzehn
Wochen Ferien für unsere Schüler überhaupt sinnvoll?
Burgstaller stößt in ein Vakuum vor, wo es noch nichts gibt. Der
Reformprozess im Schulsystem hat nämlich erst begonnen und stottert
noch so dahin. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, die Schule
ist zum Versuchskaninchen für die Politik geworden. Dass die
Lehrergewerkschaft am liebsten bremst, ist nichts Neues, jedoch
nachvollziehbar. Wer nicht weiß, wohin die Reise geht, bleibt am
liebsten zuhause.
Zum richtigen Reformeifer gehören letztlich Umsetzung- und
Gestaltungswille dazu. Dienstrecht und gemeinsame Ausbildung sind die
ersten strukturellen Schritte, mit der Neuen Mittelschule ist
Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SP) auch schon in der
Zielgeraden. Vielleicht ergibt sich Burgstallers Vorschlag in einigen
Jahren von selbst, wenn die Sommerferien ohnehin verkürzt werden.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung
Chefredaktion
Tel.: 05 04 03 DW 610
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