• 05.04.2012, 14:00:33
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Massive Medikamentöse Triebdämpfung bei behinderten Menschen bis Ende der 1980er-Jahre

Historische Untersuchungskommission und Opferschutz gefordert

Wien (OTS) - Wie der südtiroler Radiosender RAI-Bozen heute
meldete, wurde in Österreich von dem Kinderarzt Andreas Rett von den
60er- bis zum Ende der 80er-Jahre im großen Stil das Medikament
Epiphysan zur Triebdämpfung eingesetzt. Rett war über viele Jahre
Leiter der Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am
Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel in Wien.

Im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Innsbruck 1980
gegen die umstrittene Kinderpsychiaterin Nowak-Vogel habe Rett die
Verwendung des Medikaments Epiphysan schon zur Triebdämpfung
gerechtfertigt. Er begründete dies zu dem Zeitpunkt mit seinen
eigenen Erfahrungen über 17 Jahre beim Einsatz des Medikaments an 500
behinderten Personen.

Rett war über Jahrzehnte der einflussreichste Berater von großen
Einrichtungen der Behindertenhilfe und österreichweit der wichtigste
medizinische Berater für Eltern von sogenannten geistig behinderten
Kindern. Der Mediziner war ein Befürworter der Sterilisation von
behinderten Frauen, gleichzeitig ein vehementer Gegner schulischer
Integration.

Erst vor wenigen Jahren wurde bekannt, dass der im Jahr 1997
verstorbene Rett, Träger des großen Ehrenzeichens für Verdienste um
die Republik Österreich, in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied
der NSDAP war. Er hat auch mit dem vormaligen NS-Kindereuthanasiearzt
Heinrich Gross auf der Grundlage von Gehirnpräparaten, die von den im
Rahmen der NS-Kindereuthanasie ermordeten Spiegelgrundopfern
stammten, einen wissenschaftlichen Aufsatz verfasst.

Selbstbestimmt Leben Österreich (SLIÖ) fordert von der Stadt Wien
die Einrichtung einer historischen Untersuchungskommission und einer
Opferhotline, so wie dies die Medizinische Universität Innsbruck zur
Aufarbeitung der früheren psychiatrischen Behandlungsmethoden tut.

"Eine Aufarbeitung der Geschichte der Behindertenhilfe muss
genauso erfolgen wie die Aufarbeitung von Gewalt in unterschiedlichen
Heimen, in der Jugendwohlfahrt und der Psychiatrie", fordert Volker
Schönwiese, Vorstandsmitglied von SLIÖ. Die Schwierigkeit im Bereich
der Behindertenhilfe liege darin, dass viele Opfer von Gewalt immer
noch in den Einrichtungen leben, in denen die Gewalt stattgefunden
hat.

"Die Menschen sind von diesen Einrichtungen weiterhin vielfach
abhängig, sie können sich nicht von selbst melden und brauchen dafür
gezielte Unterstützung," erläutert Schönwiese. SLIÖ fordert deshalb
auch dringend die Einrichtung einer bundesweiten und
trägerunabhängigen Opferschutzstelle für Menschen mit Behinderungen
(vgl. dazu z.B. die Vorschläge des Berichts der Steuerungsgruppe
"Opferschutz" zur Vorlage an die Tiroler Landesregierung" vom Juli
2010 - siehe: http://www.ots.at/redirect/heimerziehung_tirol.pdf ).

Rückfragehinweis:

Selbstbestimmt Leben Österreich
   Mag. Bernadette Feuerstein
   Tel.: 0699 - 133 633 13
   
   A.Univ.-Prof. Dr. Volker Schönwiese
   Tel.: 05223- 42 8 06
   Mobil: 0676 - 61 91 775

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