- 03.04.2012, 21:00:31
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 4. April 2012 von Wolfgang Sablatnig "Wo die Soldaten der Schuh drückt"
Innsbruck (OTS) - Url.: Die Bundesheerkommission stellt zu Recht
Ausbildner an den Pranger, die militärische Befehlsgewalt mit dem
Freibrief zu Schikane und Beschimpfung verwechseln. Viel stärker
müsste sie aber strukturelle Probleme ins Visier nehmen.
Frauen beim Bundesheer? "Voll akzeptiert", sagte Paul Kiss, der
amtierende Vorsitzende der Bundesheerkommission. Rekruten mit
Migrationshintergrund? "Kein Problem beim Bundesheer."
Beschimpfungen, Schikanen? "So geht man mit jungen Männern nicht um",
sagt Kiss. Letztlich handle es sich angesichts der großen Zahl von
Personen beim Bundesheer aber um "Einzelfälle".
Ganz so in bester Ordnung dürfte beim Bundesheer aber doch nicht
alles sein. Die Zahl der Beschwerden ist - nach einem deutlichen
Rückgang 2010 - im Vorjahr wieder auf mehr als 500 und damit in den
Bereich des langjährigen Durchschnitts gestiegen. Gründe für diesen
Anstieg konnte Kiss nicht nennen.
Auskunft gibt aber die Statistik, welche die Kommission anführt.
Nicht die Rekruten - und das sind immerhin mehr als 25.000 pro Jahr -
machen das Gros der Beschwerdeführer aus.
Nein, zwei Drittel der Beschwerden im Vorjahr kamen von Zeit- oder
Berufssoldaten. Und die Hälfte ihrer Beschwerden betraf
Personalangelegenheiten, Probleme mit Zulagen, Ärger mit Versetzungen
und so weiter - also all das, was auch in jedem anderen Unternehmen
die Mitarbeiter auf die Palme treibt.
Manche Fälle zeigen einfach auch die Folgen einer Bürokratie, die zum
Selbstzweck zu erstarren droht. Da ist in Bosnien die Rettung von
verunglückten Zivilisten dadurch erschwert worden, dass die
Genehmigung für den Einsatz eines Spezialgeräts zuerst aus Österreich
einzuholen war. Da beklagen sich Soldaten am Balkan, dass sie trotz
Hitze im Dienst keine Poloshirts mehr tragen dürfen. Und sie beklagen
sich, dass nicht in allen Größen genügend Schuhe vorhanden sind.
An anderer Stelle ist davon die Rede, dass in einer Kaserne Rekruten
großzügig mit Heimschläfer-Genehmigungen versorgt worden seien, weil
Schlafplätze fehlten. In einer anderen Kaserne fehlten im
Sanitärbereich Fliesen an der Wand und waren Duschköpfe defekt.
Viele Hinweise auf strukturelle Mängel also. Und es wird schlimmer.
Das Sparpaket zwingt dem Heer die nächste Restrukturierung auf, die
Verunsicherung der Bediensteten wird steigen, das Geld für Sanierung
und Investitionen wird knapper.
Diese Probleme müsste die Kommission stärker ins Visier nehmen - ohne
dabei darauf zu verzichten, jene an den Pranger zu stellen, die
militärische Befehlsgewalt mit dem Freibrief zu Schikane und
Beschimpfung verwechseln.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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