- 02.04.2012, 21:05:53
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 3. April 2012 von Peter Nindler "Wegschauen schwächt die Gesellschaft"
Innsbruck (OTS) - Utl.: Tirol hat sich bei der Aufarbeitung der
Missbrauchsfälle seiner Verantwortung gestellt. Die Herausforderung
für Gegenwart und Zukunft ist klar: Menschen vom Rand der
Gesellschaft wieder in die Mitte zu führen.
Es sind die langen Schatten der Vergangenheit, denen sich die Kirche
und öffentliche Institutionen in den vergangenen zwei Jahren stellen
mussten. Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in den Heimen und
Internaten ist jedoch noch lange nicht zu Ende, der
Selbstreinigungsprozess hat eigentlich erst begonnen. Die
finanziellen Entschädigungen können die körperlichen und seelischen
Qualen nicht mehr lindern, sie sind lediglich eine sichtbare
öffentliche Entschuldigung der heutigen Verantwortungsträger für die
Vergangenheit.
Das Land Tirol mit Sozial-LR Gerhard Reheis an der Spitze, die
Diözese Innsbruck mit Bischof Manfred Scheuer und die Stadt Innsbruck
mit BM Christine Oppitz-Plörer haben die Verantwortung nicht
abgeschoben, vielmehr angenommen, und versucht, ein dunkles Kapitel
im Land aufzuarbeiten. Natürlich ist das immer noch zu wenig, doch
letztlich war ihr Handeln ein wichtiges Signal: nicht nur an die
Missbrauchsopfer, denen im Nachhinein nur bedingt geholfen werden
konnte, sondern auch an die Gesellschaft in Tirol. Den Schwächsten,
ob Kindern, Jugendlichen, Menschen mit Behinderungen, Migranten usw.,
muss mit Respekt begegnet und ihnen für die Zukunft geholfen werden.
Das sind die zentralen Aufgaben für kirchliche und öffentliche
Institutionen.
Die Lehren aus der Vergangenheit erschüttern: In Heimen wurden
Jugendliche vielfach ihrer Zukunft beraubt, statt Hilfe erhielten sie
Hiebe und wurden sexueller Gewalt ausgesetzt. Im späteren Leben sind
viele von ihnen gescheitert. Gezeichnet von Gewalt und Missbrauch
konnten sie sich in der Gesellschaft nicht zurechtfinden. Ihre
Kindheit und ihr Erwachsensein wurden von Gewalttätern zerstört, die
sich hinter dem Schutzmantel der Kirche und des Landes versteckt
haben.
Heute zeichnet sich eine moderne Sozialpolitik dadurch aus, mit
öffentlicher Hilfe Menschen vom Rand der Gesellschaft wieder in die
Mitte zu führen und sozial Gefährdete nicht abgleiten zu lassen.
Gleichzeitig muss die Sensibilität dafür gesteigert werden, dass das
Wegschauen ein Gemeinwesen langfristig schwächt. Wird etwa die
Behinderteneinstellungsquote in Betrieben nicht eingehalten, erfüllen
Strafzahlungen lediglich den Zweck eines Ablasshandels. Mit gelebter
Integrationspolitik hat das nichts zu tun.
Die Herausforderungen beschränken sich nicht nur auf die öffentliche
Verantwortung. Jeder Einzelne ist gefordert, ein soziales Netz im
Land mitzuknüpfen.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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