- 01.03.2012, 18:35:06
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Neue Mittelschule wird Regelschule, Hauptschule läuft 2018/19 aus Historische Reform, richtiger Schritt oder ideologisches Projekt?
Wien (PK) - Die "Neue Mittelschule" - derzeit noch Schulversuch -
tritt ab dem Schuljahr 2012/13 schrittweise bis 2018/19 an die Stelle
der Hauptschule. Die neuen Schulen werden individuelle Förderungen,
Unterricht in Schülergruppen und Teamteaching anbieten. Organisation
und Übertritt in andere Schularten regelt eine SchOG-Novelle,
Unterricht und Leistungsbeurteilung eine SchUG-Novelle - die
Zustimmung zum Regierungsentwurf inklusive Abänderungen erfolgte im
Unterrichtsausschuss mit der Mehrheit der Regierungsparteien unter
Berücksichtigung von S-V-Abänderungsanträgen mit der Verankerung des
Pflichtfachs "Ernährung und Haushalt" (1631 d.B.), womit ein
diesbezügliches Verlangen des BZÖ (1804/A [E]) miterledigt wurde, das
auf gesundheitliche Probleme der SchülerInnen infolge falscher
Ernährung reagieren wollte. Der Antrag der Grünen für eine "wirklich
neue Mittelschule" mit Unterricht auf Basis des AHS-
Unterstufenlehrplans (1762/A [E]) blieb ebenso in der Minderheit wie
ein G-Abänderungsantrag auf Fortsetzung bestehender NMS-Schulversuche
und ein BZÖ-Abänderungsantrag zugunsten des Werkunterrichts. Im
weiteren Verlauf der Ausschusssitzung beantragte die FPÖ, mehr
Personal zur Unterstützung behinderter Schüler einzusetzen, dieser
Antrag wurde dem Unterausschuss zugewiesen. Vertagt wurden FPÖ-
Anträge auf bessere Bildungsangebote für islamische Mädchen und auf
Begleitung von Kindern auf dem Schulweg durch Erwachsene.
Neue Mittelschule ersetzt Hauptschule schrittweise bis 2018
Abgeordneter Elmar Mayer (S) sah die Übernahme der Neuen Mittelschule
aus dem Schulversuch in das Regelschulwesen als einen historischen
und entscheidenden Reformschritt, mit dem erstmals seit 50 Jahren ein
neuer Schultyp mit neuen pädagogischen Inhalten geschaffen werde. Die
Neue Mittelschule - für die 230 Mio. € zusätzlich zur Verfügung
stehen - werde die Kluft zwischen AHS und Hauptschule verringern,
zeigte sich Mayer überzeugt, merkte aber zugleich an, dass für ihn
damit der Zug zur gemeinsamen Schule der 10 bis 14-Jährigen
keineswegs abgefahren sei. Die Übernahme der Neuen Mittelschule in
das Regelschulwesen sei vielmehr ein Schritt in diese Richtung. Zwei
Abänderungsanträge der Koalitionsparteien, die Abgeordneter Mayer
vorlegte, enthalten formale Korrekturen, Anpassungen und
Klarstellungen, eine - letztlich mit S-V-G-B-Mehrheit getroffene -
Ausschussfeststellung zielt auf die Absicherung der sechs
zusätzlichen Unterrichtsstunden für die Neue Mittelschule auch im
Regelschulsystem.
Abgeordneter Werner Amon (V) sprach ebenfalls von einem beachtlichen
schulreformatorischen Schritt, der eine neue Art der Pädagogik und
individuelle Förderungsmöglichkeiten statt der bisherigen
Leistungsgruppen bringe, ohne das Leistungsprinzip außer Kraft zu
setzen. Das ist eine ordentliche Schulreform, die breite Zustimmung
finden sollte, führte Amon aus.
Abgeordneter Harald Walser (G) lehnte das Gesetzespaket hingegen ab
und warnte vor einer "fatalen Fehlentwicklung". Die Neue Mittelschule
widerspreche dem, was SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern
versprochen wurde, weil die SPÖ vor der ÖVP "in die Knie gegangen"
sei, formulierte Walser. Diese Schule bringe, wenn man von den sechs
zusätzlichen Unterrichtsstunden absehe, einen Rückschritt gegenüber
der Hauptschule, kritisierte Walser und plädierte dafür, die Stärken
der Hauptschule, etwa die Förderung der manuellen Fähigkeiten der
Kinder, zu erhalten. Die den Eltern und SchülerInnen in Aussicht
gestellte Gleichstellung mit der AHS komme nicht, das wesentliche
Problem bestehe im Unterschied zwischen den Lehrplänen der Neuen
Mittelschule und der AHS Unterstufe, was den Übertritt aus einer
Neuen Mittelschule in eine AHS-Unterstufe erschwere. "So schaut die
Schule des 21. Jahrhunderts nicht aus", sagte Walser. Um Härten für
bestehende NMS-Schulversuche zu vermeiden, brachte Walser einen
Abänderungsantrag ein, der die Fortsetzung der Schulversuche bis zur
achten Schulstufe ermöglicht, blieb damit aber in der Minderheit.
Abgeordnete Anna Franz (V) entgegnete Walser mit dem Hinweis darauf,
dass das gute Modell der Neuen Mittelschule auch für die notwendige
Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schultypen sorge. Froh
zeigte sich die Rednerin über den neuen Pflichtgegenstand "Ernährung
und Haushalt", da zu viele Kinder unter Übergewicht und Diabetes
leiden.
Abgeordnete Ursula Haubner (B) sah ebenfalls kein "Jahrhundertwerk",
sondern einen Kompromiss zwischen SPÖ und ÖVP und unterstützte den
Abänderungsantrag der Grünen. Haubner sah aber auch positive
Elemente, etwa die stärkere Einbindung der Eltern und die Ergänzung
der Leistungsbeurteilung um eine schriftliche Beurteilung, zudem
stimmte sie auch der Ausschussfeststellung zur Aufrechterhaltung der
sechs zusätzlichen Unterrichtseinheiten zu. Das Problem der
unterschiedlichen Bezahlung von AHS-Lehrern und Hauptsschullehrern
sollte rasch gelöst werden, verlangte Haubner und deponierte den
Unmut vieler SchülerInnen und LehrerInnen an der Überschreitung der
oftmaligen Klassenhöchstschülerzahl von 25.
Abgeordneter Walter Rosenkranz (F) räumte ein, dass man von einer
Schulreform sprechen könne, gab aber zu bedenken, dass viele Lehrer,
Eltern und Schüler das Angebot der Neuen Mittelschule gar nicht
wollten und wandte sich gegen das "ideologische Projekt der SPÖ",
eine gemeinsame Ganztagsschule zu schaffen. Man hätte die Evaluierung
des Schulversuchs Neue Mittelschule abwarten sollen, statt sich
darauf zu verlassen, dass dieses Modell "schon funktionieren" werde.
Abgeordneter Elmar Mayer (S) zeigte sich enttäuscht wegen der aus
seiner Sicht kleinlichen Kritik der Opposition und argumentierte in
seiner Replik mit der zu erwartenden neuen Unterrichtskultur in der
Neuen Mittelschule und der besseren Chancengleichheit für die Kinder
für die Reform.
Abgeordneter Franz Riepl (S) sprach von einer Verbesserung des
Bildungssystems, die das derzeit Machbare bringe, ohne zu
verschweigen, dass man auch darüber hinaus gehende Wünsche haben
könne. Der erreichte Fortschritt rufe bei Eltern und Lehrern positive
Reaktionen hervor, sagte Riepl, der insbesondere auch die
Zusammenarbeit von Hauptschullehrern und AHS-Lehrern in einer Schule
als einen Fortschritt sah.
Abgeordnete Katharina Cortolezzis-Schlager (V) setzte auf eine
ergebnisorientierte Schulautonomie und richtete die Bitte an die
Unterrichtsministerin, die Entwicklung der Neuen Mittelschule
wissenschaftlich zu begleiten und deren Ergebnisse zu evaluieren.
Abgeordneter Stefan Petzner (B) unterstrich das Eintreten des BZÖ für
die Neue Mittelschule und für eine gemeinsame Schule der 10 bis 14-
Jährigen. Am vorliegenden Kompromiss von SPÖ und ÖVP sei die
Einbeziehung der Erziehungsberechtigten positiv, die Reform bringe
insgesamt Schritte in die richtige Richtung und eine Modernisierung,
die Neue Mittelschule bleibe als "Mischform" aber unvollendet,
weitere Reformschritte müssen folgen, sagte Petzner, der eine
teilweise Zustimmung seiner Fraktion im Plenum ankündigte.
Abgeordneter Werner Amon (V) wies darauf hin, dass sich die
vorliegende Reform an den Ergebnissen der Schulversuche orientiere
und unterstrich das Anliegen, jedem Schüler der Neuen Mittelschule
die Möglichkeit zu geben, die Ziele des AHS-Lehrplans erreichen zu
können.
Auch Bundesministerin Claudia Schmied sprach von einem guten
bildungspolitischen Schritt, dem weitere folgen sollen. Mit der Neuen
Mittelschule sei auf der Sekundarstufe etwas in Bewegung gekommen,
das positive Resonanz hervorrufe. Wichtig sei es, die Ressourcen zu
sichern, die die Neue Mittelschule für ihre Entwicklung brauche,
sagte die Ressortleiterin. Diese Ressourcen seien im Rahmen der
mittelfristigen Budgetplanung gesichert, sagte Schmied. Auch werden
keinerlei Ressourcen aus den AHS abgezogen, hielt die Ministerin
fest. Die Verordnung für die Lehrpläne der Neuen Mittelschule, die
dem Realgymnasium entsprechen, gehen demnächst in Begutachtung,
kündigte die Ministerin an, die sich unglücklich über die Anträge der
Opposition zeigte und erklärte, dass beim textilen und technischen
Werken keinerlei Stundenkürzungen vorgesehen seien. Die bestehenden
Modellversuche zur Neuen Mittelschule können weitergeführt werden,
sicherte die Ministerin zu. Der gemeinsame Einsatz unterschiedlicher
Lehrer und deren gemeinsame Fortbildung sah die Ministerin als
vorteilhaft an und kündigte die Lösung des Problems der
unterschiedlichen Bezahlung im Rahmen des neuen Dienst- und
Besoldungsrechts an. Auch werde die Neue Mittelschule weiter
evaluiert und wissenschaftlich begleitet. Eltern- Lehrer-
Schülergespräche werden positiv aufgenommen, berichtete die
Ministerin, die sich nachdrücklich zur stärkeren individuellen
Förderung der Schüler bekennt.
FPÖ drängt auf mehr Stunden für sonderpädagogischen Förderbedarf
Für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf stehen an
Integrationsschulen zu wenige LehrerInnen zur Verfügung, klagte in
der Ausschussdebatte FPÖ-Abgeordneter Walter Rosenkranz und verlangte
in einem Entschließungsantrag seiner Fraktion (1231/A(E)) einen
realistischeren und bedarfsgerechteren Zuteilungsschlüssel sowie eine
Anpassung des geltenden Berechnungsmodells für personelle Ressourcen,
wobei die FPÖ auch den Einsatz von Kräften außerhalb des
Lehrpersonals vorschlägt. - Der Antrag wurde nach positiven
Wortmeldungen von Seiten aller Fraktionen auf Vorschlag des
Abgeordneten Werner Amon (V) dem Unterausschuss zur baldigen und
ausführlichen Diskussion unter Beiziehung von Experten einstimmig
zugewiesen.
Abgeordnete Gartelgruber für bessere Ausbildung islamischer Mädchen
Auf die spezifische Ausbildungsprobleme islamischer Mädchen will FPÖ-
Abgeordnete Carmen Gartelgruber gezielter eingehen. Sie verlangte die
Aufnahme des Religionsbekenntnisses der SchülerInnen in die
Bildungsdokumentation und eine Ausbildungsdatenbank, die den
Ausbildungsweg über das nach Ende der Pflichtschule hinaus
dokumentiert. Dazu kommen spezielle Bildungs-, Berufs- und
Integrationsberatungsangebote für moslemische Mädchen und deren
Eltern (544/A[E]). - Dieser Antrag wurde nach ablehnenden
Wortmeldungen der Abgeordneten Harald Walser (G) und Stefan Petzner
(B), die sich entschieden dagegen wandten, das Religionsbekenntnis zu
einem zentralen Erhebungsmerkmal der Bildungsdokumentation zu machen
und vor einer Spaltung der Gesellschaft und der Stigmatisierung von
Menschen mit bestimmten Religionsbekenntnissen warnten, auf Vorschlag
des Abgeordneten Josef Auer (S) mit S-V-Mehrheit vertagt.
Abgeordneter Werner Amon (V) riet dazu, die mit dem Antrag
angesprochenen Probleme ernst nehmen und verwies dabei auf die
Vorbereitung integrationsfördernder Maßnahmen durch die
Unterrichtsministerin und den Integrationsstaatssekretär.
Kinder auf dem Schulweg: FPÖ für Pilotprojekt "Pedibus"
FPÖ-Abgeordnete Edith Mühlberghuber erläuterte ihren
Abgeordnetenkollegen im Unterrichtsausschuss das Schweizer Projekt
"Pedibus": Schulkinder legen ihren Schulweg in Begleitung von
Erwachsenen zu Fuß zurück, lernen Straßenverkehrsregeln und
verbessern zugleich ihr Sozialverhalten (966/A(E)). - Auch dieser
Antrag wurde mit der Mehrheit der Koalitionsparteien vertagt, nachdem
sich Abgeordneter Werner Amon (V) dafür ausgesprochen hatte, zu
erheben, welche Projekte nach diesem Schweizer Vorbild in Österreich
bereits bestehen. (Schluss)
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