- 01.03.2012, 18:05:09
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Frühkindliche Pädagogik braucht mehr Aufmerksamkeit der Politik Spezialdebatte des Sonderausschusses zum Bildungsvolksbegehren
Wien (PK) - Im zweiten Teil seiner heutigen Sitzung widmete sich der
Besondere Ausschuss zur Vorberatung des Volksbegehrens
Bildungsinitiative dem Thema Vorschulische Einrichtungen und
Frühpädagogik. Die Diskussion von ExpertInnen und Abgeordneten
drehten sich um Fragen der gemeinsamen akademischen Ausbildung der
PädagogInnen, der Qualitätssicherung und der angemessenen Bezahlung
der Leistungen, die in diesem gesellschaftlich enorm wichtigen
Bereich erbracht werden. Alle diese Aspekte müssen beachtet werden,
um der frühkindlichen Pädagogik jene Wertschätzung in der
Gesellschaft zu geben, die ihr zusteht, da sie das Fundament für die
spätere Bildungskarriere legt, wie betont wurde. Man müsse daher auch
von dem Begriff der "Betreuungseinrichtung" wegkommen, um die
Einrichtungen des vorschulischen Bereichs als Bildungseinrichtung zu
verstehen und entsprechend zu schätzen. Dafür müssen aber auch mehr
Ressourcen, sowohl personell als auch finanziell, mobilisiert werden.
Das sei auch deshalb wichtig und mache sich bezahlt, weil alle
Versäumnisse in diesem Bereich sich später als weit höhere Kosten für
die Gesellschaft niederschlagen, so der allgemeine Tenor.
Es bestehe dabei eine Reihe von Problemen, in denen das Handeln der
Politik gefragt sei, wurde festgestellt. So gebe es
Schnittstellenproblematiken zwischen Elternhaus und pädagogischen
Einrichtungen, sowie beim Übergang vom Kindergarten zur Volksschule.
Ein breiter Konsens zeichnete sich auch hinsichtlich der
Notwendigkeit ab, die Kompetenzzersplitterung, welche in Österreich
besteht, zur Umsetzung der festgestellten Aufgaben zu beenden. Der
Bund werde daher eine klare Zuständigkeit in den Bereichen
Ausbildung, Qualitätssicherung sowie Dienst- und Besoldungsrecht
brauchen.
Die Bedeutung der Frühförderung muss gewürdigt werden
Bernd Schilcher legte in seinem Statement ein Plädoyer für
Frühförderung ab. Ihr Stellenwert werde in Österreich leider noch
nicht überall ausreichend erkannt und deshalb die Notwendigkeit einer
akademischen Ausbildung für FrühpädagogInnen noch nicht überall
akzeptiert. Er hob hervor, dass die frühpädagogischen Einrichtungen
wesentlicher Faktor der Sprachförderung und damit zentral für die
spätere Bildungskarriere, insbesondere auch von Kindern mit
Migrationshintergrund, sind. Es sei durch Studien erwiesen, dass die
Gesamtschule sich positiv auf den Lernerfolg auswirke und das Modell
der Ganztagsschule dabei zu bevorzugen sei. Österreich habe das große
Problem von jährlich rund 9.000 Jugendlichen, die ohne formalen
Abschluss von der Schule abgehen. Man müsse bedenken, dass die
Reparatur von Versäumnissen in diesem Bereich später sehr teuer
komme. Der Föderalismus stelle in Österreich leider ein großes
Hindernis im Bereich der Bildungspolitik dar, stellte Schilcher fest,
da er eine enorme Kompetenzzersplitterung verursache.
Heidemarie Lex-Nalis (Plattform EduCare) konzentrierte sich auf den
Status der FrühpädagogInnen, der dringend anzuheben sei. Aus dem
gesellschaftlichen Unverständnis für ihre Bedeutung resultiere, dass
die KindergartenpädagogInnen die niedrigste Ausbildung und die
niedrigsten Gehälter des gesamten Bildungsbereichs hätten und dass
auf die Kindergärten der kleinste Anteil am Bildungsbudget entfalle.
Die Ziele des verpflichtenden Kindergartenjahres und des bereits
bestehenden Bildungs-Rahmenplans seien aber ohne eine bundesweite
Koordination nicht umsetzbar.
Siegmund Stemer (Amt der Vorarlberger Landesregierung) plädierte
dafür, die Eltern stärker in die Frühpädagogik einzubeziehen. Man
müsse in den Bildungseinrichtungen weg vom Prinzip einer
Negativauslese hin zu einer Orientierung an Stärken und Potenzialen
der Kinder kommen. Eine besondere Schnittstellenproblematik ortete
Stemer im Bereich des Übergangs von den Kindergärten zur Volksschule.
Gerhild Hubmann (Amt der Kärntner Landesregierung) sagte, in der
Frage der akademischen Ausbildung aller PädagogInnen brauche man ein
schrittweises Vorgehen. Sie sei sicher erstrebenswert, aber nicht
sofort für alle umsetzbar. Wichtig sei es, die Kindergärten als erste
Bildungseinrichtungen zu verstehen, in denen die Sprachförderung
einen Schwerpunkt bildet.
Raphaela Keller (Vorsitzender der Berufsgruppe von Kindergarten und
HortpädagogInnen Wien) betonte, Bildung müsse als Bestandteil des
ganzen Lebens begriffen werden. Elementare Bildungseinrichtungen
solle man besser nicht als "vorschulisch" bezeichnen, da sie nicht
nur auf die Schule vorbereiten. Sie seien mehr als bloße
Betreuungseinrichtungen. Der gesamte Bildungsbereich - auch der so
genannte "außerschulische" - müsse in ein Gesamtkonzept Bildung
einbezogen werden. Dafür wäre ein eigenes Ministerium für Bildung
notwendig. Investitionen in die elementaren Bildungseinrichtungen
lohnen sich für die Gesellschaft später vielfach, appellierte sie.
Elfriede Wegricht (Institut für Begabungsdiagnostik und
Begabtenförderung) hob die Bedeutung der Einstellung der Eltern ihren
Kindern gegenüber hervor. Diese bereite den Boden für spätere
Bildungserfolge. Wichtig für den Erwerb der Empathiefähigkeit und
sozialer Kompetenz sei ein beständiges Gegenüber für das Kind. Im
allgemeinen werde das die Mutter bieten. Daher sei eine entsprechende
Ausbildung auch der Eltern grundlegend wichtig. Pädagogik müsse auf
Herstellung einer angstfreie Umgebung, in der Kinder ihre Talente und
Potenziale erforschen können, abzielen.
Schmied: Pädagogische Einrichtungen müssen ausgleichend wirken
Bundesministerin Claudia Schmied wies auf die Rolle der Familie hin,
wobei das Elternhaus die Bildungskarriere in Österreich immer noch
stark vorausbestimme. Hier müssen pädagogische Einrichtungen
ausgleichend wirken. Bildung verstehe sie sowohl als Bildung im
humanistischen Sinn als auch als Ausbildung. Auch die Kindergärten
müssten dabei schon als Bildungseinrichtungen verstanden werden. Was
könne nun Bildungspolitik dazu beitragen, damit sie diese Aufgabe
auch wahrnehmen können, fragte Schmied und nannte dazu fünf Punkte:
eine ausreichende Anzahl der Betreuungsplätze, die gute Ausbildung
der PädagogInnen, Qualitätssicherung, die Förderung einer
wertschätzenden gesellschaftlichen Haltung und die Beachtung des
Übergangs vom Kindergarten zur Volksschule. Hier sei festzuhalten,
dass bereits einiges geschehen sei, das Platzangebot für die Vier-
bis Sechsjährigen sei weitgehend flächendeckend vorhanden.
Wichtig werde es aber sein, dass die Vielfalt der Kinder als Chance
begriffen und sprachliche Frühförderung stärker betont werde. Alles
in allem habe eine tiefgreifende Modernisierung des Bildungssystems
begonnen. Das Bildungsvolksbegehren habe bereits viel bewirkt, das
müsse sich aber fortsetzen. Sie hoffe, dass im Bildungsbereich eine
Kultur der Wertschätzung und des Gelingens sich etablieren lasse.
Auch Eltern brauchen Unterstützung
Ausschussobmann Elmar Mayer (S) eröffnete die Runde der
Abgeordnetenbeiträge und verwies auf die Probleme, denen er in vielen
Jahren der Tätigkeit als Pädagoge begegnet sei. Es zeige sich, dass
die Defizite der Kinder, welche wenig gefördert werden, beim
Übertritt in die Volksschule immer stärker werden. Die Entwicklung,
die sich hier abzeichne, sei erschreckend, denn was im frühen Alter
versäumt wurde, könne die Schule kaum mehr beheben.
Abgeordnete Gabriele Binder-Maier (S) meinte, sie habe sich
überzeugen lassen, dass tatsächlich eine gemeinsame Ausbildung aller
PädagogInnen erstrebenswert sei. Dabei dürfe aber ihrer Meinung nach
der Praxisbezug nicht verloren gehen. Auch Eltern brauchten
Unterstützung, die Phase der Schwangerschaft biete hier viele
Ansatzmöglichkeiten. Der Schlüssel zu Änderungen liege letztlich bei
der Neuregelung der Länderkompetenzen, hier müsse man ansetzen.
Abgeordnete Katharina Cortolezis-Schlager (V) wies auf die Bedeutung
entsprechender Einrichtungen für Frühpädagogik an Hochschulen hin,
hier seien erste Ansätze gegeben. Über Grundlagenforschung und
angewandter Forschung dürfe man die Familien nicht vergessen. Zur
Qualitätssicherung meinte sie, es sollte möglich sein, eine solche
flächendeckend einzurichten. Dazu gehöre auch das entsprechende
Platzangebot für die Kinder, damit sie tatsächlich lernen und
entdecken können, sowie gute Rahmenbedingungen für die PädagogInnen.
Die Kindergärten müssten nah an den Kommunen und bei den Eltern
angesiedelt sein, forderte sie.
Abgeordneter Franz-Joseph Huainigg (V) sprach das Thema Behinderung
in Bildungseinrichtungen an. Kinder gingen mit Behinderung sehr
selbstverständlich um. Die Integration sei daher ein wichtiger Punkt.
Ein Problem stellen die Sonderschulen dar. Es zeige sich, dass die
Zahl der SonderschülerInnen bisher nie gesunken sei. Der hohe Anteil
an MigrantInnenkindern in diesen Schulen sei ein Hinweis darauf, dass
dort offenbar nicht nur Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf zu
finden sind. Hier seien die Interessen derer, die dieses System
erhalten wollen, offenbar stärker als die der Kinder, kritisierte der
Abgeordnete. Es müsse hier unbedingt etwas geschehen.
Abgeordnete Daniela Musiol (G) stellte fest, es sei sicher positiv,
dass im Ausschuss eine Aufbruchsstimmung herrsche. Sie hoffe aber,
diese schlage sich auch in Ergebnissen nieder. Die Probleme selbst
seien ja lange bekannt. So sei klar, dass die bestehende
Zersplitterung endlich durch Einführung einer Bundeskompetenz
überwunden werden müsse. Auch die gemeinsame akademische Ausbildung
der PädagogInnen müsse Realität werden. Dazu müsse der Bund aber die
entsprechenden Geldmittel einsetzen.
Abgeordnete Ursula Haubner (B) sah die Bedeutung der frühkindlichen
Pädagogik außer Streit stehen. Die Fragen, die sich für sie stellen,
betreffen die Einbindung der Eltern und die Elternbildung. In die
Qualitätssicherung müssten auch die verschiedenen Angebote der
Betreuung, wie Tageseltern, einbezogen werden. Ihre Fraktion spreche
sich auch eindeutig für eine bundeseinheitliche Kompetenz aus.
Elementare Bildung erfordert einen größeren Anteil am Budget
Eine zweite Diskussionsrunde zum Thema "elementare Bildung" leitete
Hannes Androsch als einer der Initiatoren des Volksbegehrens
Bildungsinitiative ein, indem er Vorschläge wie eine Bildungsstiftung
und das zweite verpflichtende Vorschuljahr ausdrücklich begrüßte. Die
Frage der Finanzierung sei sicherlich lösbar, zeigte er sich
überzeugt, wenn man die Effizienz der Verwaltung steigere. Hier sei
viel Geld zu holen, das nur richtig eingesetzt werden müsse. Es sei
jedenfalls wichtig, dass die gebündelte Expertise und der Impuls des
Volksbegehrens zur Umsetzung der Vorschläge führe.
Heidemarie Lex-Nalis konstatierte, die Behebung der
Kompetenzzersplitterung im Bereich der elementaren Bildung sei
vorrangig. Vorschläge für die Umsetzung der Qualitätssicherung und
der tertiären Ausbildung der FrühpädagogInnen liegen vor, sie müsse
nur umgesetzt werden.
Siegmund Stemler verwies darauf, dass neueste Erkenntnisse die Gruppe
der Vier- bis Achtjährigen als Einheit begreifen, in die aber der
Übergang zur Volksschule als schwerwiegender Einschnitt falle. Für
die PädagogInnen in diesem Bereich brauche man daher eine
einheitliche Ausbildung und durchlässige Karrieremodelle.
Gerhild Hubmann merkte an, auch bei Akademisierung des Berufs müsse
die praktische Pädagogik kindgerecht sein. Wichtig sei die
Vereinfachung der Zuständigkeiten und Kompetenzen, damit PädagogInnen
praktisch arbeiten können.
Raphaela Keller meinte, eine höhere Bewertung der Arbeitsleistung der
PädagogInnen müsse sich auch in einer besseren Bezahlung und der
Möglichkeit zur Arbeit mit kleineren Gruppen niederschlagen.
Letztlich müsse an einem kontinuierlich Bildungssystem für Kinder im
Alter von 0-12 Jahren gearbeitet werden.
Elfriede Wegricht betonte, dass die gute Ausbildung der PädagogInnen
natürlich nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten im Auge haben
dürfe. Wichtig sei die Fähigkeit zur Empathie. Die Kenntnisse von
Neuro- und Entwicklungspsychologie müssten praktisch umgesetzt
werden. Für PädagogInnen wie Eltern brauche man dabei ein Angebot an
Unterstützungen durch Fachleute.
Abgeordnete für Kompetenzänderungen im Bildungsbereich
Bundesministerin Claudia Schmied sprach die Punkte an, in denen der
Bund konkret Möglichkeiten zur Umsetzung habe. Das sei zum einen die
Weiterentwicklung der berufsbildenden höheren Schulen. Österreich
habe hier ein einzigartiges System, das weiterentwickelt werden
müsse. Derzeit seien die Lehrpläne der BMHS in Bearbeitung. Vor dem
Sommer stehe auch die Novellierung des Sprachförderungsgesetzes an.
Statt der ständigen Befristung sollte es hier endlich eine dauerhafte
Lösung geben, vor allem in Hinblick darauf, dass die Migration und
die daraus resultierende Sprachenvielfalt eine Tatsache sei, der man
sich stellen und die man auch als Chance begreifen müsse.
Abgeordneter Josef Auer (S) gab der Hoffnung Ausdruck, dass die
Umsetzung der Forderungen des Bildungsvolksbegehren erfolgreich sein
werde. Der Boden sei aufbereitet, um ans Ziel zu gelangen, werde man
auch finanzielle Mittel brauchen.
Abgeordnete Anna Franz (V) meinte, es sei zu hoffen, dass Lösungen
gefunden werden, wie die angesprochene Schnittstellenprobleme gelöst
und die verbesserte Wertschätzung der Frühpädagogik erreicht werden
könne.
Abgeordneter Walter Rosenkranz (F) meinte, es zeige sich, dass es
viele Gemeinsamkeiten gebe, die Frage werde sein, was man davon
umsetzen könne. Es werde dabei unumgänglich sein, Änderungen bei den
Kompetenzen der Landeshauptleute durchzusetzen.
Abgeordneter Harald Walser (G) zeigte sich erfreut über die sachliche
Diskussion. Die erkannten Probleme müssten nun auch angegangen
werden, ob es die bessere Bezahlung oder die Vereinheitlichung der
Kompetenzen gehe. Hier seien klare Vorgaben des Gesetzgebers
erforderlich.
Abgeordneter Rainer Widmann (B) unterstrich, dass die Debatte die
Bedeutung der Frühpädagogik und die Notwendigkeit einer
bundeseinheitliche Kompetenz klar herausgestellt habe. Er hoffe, dass
die Regierung in Zusammenarbeit mit der Opposition den Worten auch
Taten folgen lasse. (Schluss/Besonderer Ausschuss)
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