- 01.03.2012, 15:09:53
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Androsch wünscht sich nationale Kraftanstrengung in Sachen Bildung Erste inhaltliche Debatte über Bildungsvolksbegehren im Hohen Haus
Wien (PK) - Nach seiner Konstituierung im Februar nahm heute der
Besondere Ausschuss zur Vorberatung des Volksbegehrens
Bildungsinitiative seine Beratungen wieder auf. Im ersten Teil des
Ausschusses wurde eine Generaldebatte durchgeführt, in der sowohl die
Abgeordneten, als auch die VertreterInnen des Volksbegehrens sowie
die von den Fraktionen entsandten ExpertInnen grundsätzliche
Statements abgaben. Der zweite Teil widmete sich dann dem Thema
"Vorschulische Einrichtungen - Frühpädagogik". Ausschussvorsitzender
Elmar Mayer (S) informierte darüber, dass der Ausschuss zu weiteren
Beratungen am 16. April und am 7. Mai 2012 zusammentreten wird, wobei
die Themen "Schwerpunkte in den Bereichen Pädagogik und Bildung" bzw.
"PädagogInnenausbildung" und "Universitäten, Erwachsenenbildung" im
Mittelpunkt stehen werden.
Hannes Androsch: "Die Schulen sind Treibhäuser der Zukunft"
Der Bevollmächtigte des Volksbegehrens, Hannes Androsch, bedankte
sich eingangs für die Einladung in den Ausschuss, weil damit die
Gelegenheit bestehe, die Anliegen der insgesamt 383.724
UnterstützerInnen des Volksbegehrens ausführlich zu diskutieren und
weil dadurch auch der Respekt vor direktdemokratischen,
überparteilichen Initiativen zum Ausdruck komme.
Schon die erste Lesung im Hohen Haus habe den breiten Konsens bei
allen Parlamentsparteien über die Bedeutung der Bildung und
Ausbildung für jeden jungen Menschen erkennen lassen, sagte er. Aus
diesem Grund erhoffe er sich auch, dass den Diskussionen konkrete
Ergebnisse folgen, damit die derzeit herrschende Resignation bei den
Menschen bezüglich ihrer Einflussmöglichkeiten auf die Politik
überwunden wird. Auch wenn im österreichischen Bildungssystem
sicherlich nicht alles schlecht sei, so belegten doch zahlreiche
Untersuchungen und Studien, dass Reformen dringend notwendig sind,
betonte Androsch. Es sei besonders bedeutsam, den Veränderungen in
der Gesellschaft und Wirtschaft Rechnung zu tragen sowie die
Erkenntnisse und Erfahrungen der Neurowissenschaften, der kognitiven
Psychologie, der Erziehungswissenschaften, der
Entwicklungspsychologie etc. in die Praxis umzusetzen.
Im Zentrum aller Überlegungen müsse stehen, dass jeder junge Mensch,
egal welcher Herkunft, die gleichen Chancen erhält, um ein
erfolgreiches, selbstbestimmtes Leben zu führen. Gleichzeitig müsse
anerkannt werden, dass es sich beim Lehrerberuf um einen der
wichtigsten und schwierigsten handle und dass daher die besten
Rahmenbedingungen für die PädägogInnen geschaffen werden müssen.
Insgesamt bedürfe es einer nationalen Kraftanstrengung, die eine
Überwindung der Partikularinteressen impliziert, um ein zeitgemäßes
Bildungssystem zu entwickeln, das jeden internationalen Vergleich
bestehen könne.
ParteienvertreterInnen anerkennen Reformbedarf im Bildungssektor
Sodann stellten die VertreterInnen aller fünf Parlamentsparteien in
kurzen Wortmeldungen ihre Positionen dar, wobei sie einheitlich den
InitiatorInnen des Volksbegehrens für deren Engagement in Sachen
Bildung dankten. Durch die Behandlung der zwölf Punkte des
Volksbegehrens in einem eigenen Ausschuss wolle man zum Ausdruck
bringen, dass die Anliegen der BürgerInnen sehr ernst genommen
werden, unterstrich ausdrücklich Ausschussvorsitzender Elmar Mayer
(S).
Abgeordnete Andrea Kuntzl (S) wertete es als ersten großen Erfolg des
Volksbegehrens, dass das Thema Bildung nun so umfassend in der
Öffentlichkeit debattiert werde. Ihr ging es vor allem um die
Weiterentwicklung des Bildungssektors hin zu einem chancengerechten
System, das im Kindergarten beginnt und bis hin zur
Erwachsenenbildung reicht. Grundsätzlich dürfe die soziale Herkunft
nicht darüber entscheiden, welchen Bildungsweg ein junger Mensch
einschlägt, unterstrich sie. Kuntzl sprach sich auch gegen die zu
frühe Trennung der SchülerInnen aus, weil dies dazu führe, dass man
auf Talente verzichtet. Auch der Zugang zu den Unis müsse weiterhin
offen bleiben, forderte sie. Es gebe nämlich nicht zu viele
Studierende, sondern nur zu schlechte Bedingungen. Abgeordneter Franz
Riepl (S) setzte sich für die Ganztagsschule ein und appellierte,
nicht auf die Berufsschulen zu vergessen.
Abgeordneter Silvia Fuhrmann (V) lagen vor allem drei Punkte am
Herzen. Einerseits habe sie den Eindruck, dass viele Neuerungen noch
nicht in den Schulen angekommen sind, wie etwa die IT-Revolution oder
aktuelle Entwicklungen im Bereich der Sprachförderung. Wichtig war
ihr auch, dass es in den Schulen zu keiner Ausrichtung am
Durchschnitt kommt und dass die zentrale Rolle der PädagogInnen
anerkannt wird. Aus diesem Grund plädierte Fuhrmann auch für eine
Modernisierung der LehrerInnenausbildung und des -dienstrechts. Ihre
Fraktionskollegin Anna Franz betonte die Bedeutung der
Frühkindpädagogik, weil damit der Einstieg in die Bildungslaufbahn
begründet wird. Man müsse sich unbedingt fragen, welche Inhalte im
Kindergarten vermittelt werden sollen und dementsprechend
Ausbildungsangebote entwickeln. Abgeordnete Katharina Cortolezis-
Schlager (V) befasste sich in ihrer Wortmeldung vor allem mit der
Lehrerausbildung Neu sowie der Modernisierung des Dienstrechts.
Abgeordneter Walter Rosenkranz (F) hob in seiner Wortmeldung
insbesondere hervor, dass die Bildungsinstitutionen nur dann
erfolgreich sind, wenn sie junge Menschen hervorbringen, die
eigenständig denken und kritikfähig sind. Für ihn gelten auch noch
immer die Prinzipien des Schulorganisationsgesetzes, wonach die
Schule die Aufgabe hat, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend
nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den
Werten des Wahren, Guten und Schönen mitzuwirken. Dies hänge
natürlich sehr stark von der Qualität der LehrerInnen ab, die - laut
Jaspers - das Schicksal eines Landes mitentscheiden.
Abgeordneter Harald Walser (G) hielt Reformen im Bildungsbereich für
dringend erforderlich, da das aktuelle System sozial sehr ungerecht
sei. Seiner Ansicht nach herrscht noch immer das Matthäusprinzip -
den Reichen wird gegeben, den Armen wird genommen. Es gebe auch schon
viele Konzepte und Vorschläge, aber anscheinend fehle der Mut, diese
auch endlich in die Praxis umzusetzen, meinte er.
Abgeordnete Ursula Haubner (B) hielt es für bedenklich, dass laut
einer aktuellen Studie 75.000 junge Menschen weder eine Schule
besuchen noch eine Ausbildung absolvieren. Es gehe daher nicht nur
darum, den Bildungssektor finanziell gut auszustatten, sondern auch
zu überlegen, welche präventiven Schritte man setzen könne. Ein
Hemmfaktor sei ihrer Meinung nach auch die Struktur des heimischen
Bildungssystems, das eine Reihe von Doppelgleisigkeiten aufweise. Ihr
Fraktionskollege Abgeordneter Rainer Widmann plädierte mit Nachdruck
für eine Entideologisierung der Bildungsdebatte. Außerdem müsse die
Finanzierung von Wissenschaft und Forschung sichergestellt werden.
Macedonia: Kinder brauchen anregende Umgebung und soziale Interaktion
Ein Kind lerne nie wieder so leicht wie in seinen ersten
Lebensjahren, betonte die Kognitions- und Neurowissenschaftlerin
Manuela Macedonia (Max-Planck-Institut), die einen Vortrag zum Thema
"Frühkindliche Gehirnentwicklung und Förderung am Beispiel
(Zweit)Sprache" hielt. Ein Kind erwirbt Sprache in intensiver
Interaktion mit seiner Umwelt und seinen Bezugspersonen, wobei vor
allem die ersten Lebensjahre von entscheidender Bedeutung sind.
Verabsäumt man, das Kind mit dem notwendigen Input zu versorgen, dann
entstehen strukturelle und funktionelle Defizite im Gehirn, hob
Macedonia hervor. Dies betreffe nicht nur den Spracherwerb, sondern
auch andere kognitive Funktionen. Metaphorisch gesprochen bedeute
dies, dass die kindliche Hardware - das Gehirn - leistungsfähiger
wird, wenn man frühzeitig eine anspruchsvolle Software installiert:
"education changes the brain". Verbringt das Kind die "sensiblen
Phasen" in einer suboptimalen Situation, schwinden seine Chancen,
sein geistiges und emotionales Potential voll auszuschöpfen, warnte
die Wissenschaftlerin. Frühkindliche Förderung ermöglicht daher den
besten Start ins Leben!
Hubmann wünscht sich besseres Image für KindergartenpädagogInnen
Nach Auffassung von Gerhild Hubmann (Amt der Kärntner
Landesregierung) ist es dringend erforderlich, dass der Beruf der
Kindergartenpädagogen massiv aufgewertet wird. In diesem Zusammenhang
wünschte sie sich auch zusätzliche Anreize, um mehr Männer für diesen
so wichtigen Beruf zu interessieren. Einer Akademisierung der
Ausbildung stand sie grundsätzlich positiv gegenüber, allerdings
sollte hier behutsam vorgegangen werden. Wie schon einige ihrer
Vorredner trat sie auch für eine Entflechtung der Kompetenzen ein, um
Doppel- und Mehrfachgleisigkeiten zu unterbinden, sowie für eine
Weiterentwicklung der Lehrerausbildung und eine Modernisierung des
Dienstrechts.
Daniel Landau: Individuelle Förderung jedes Kindes notwendig
Der Pädagoge Daniel Landau (Evangelisches Gymnasium und
Werkschulheim, 1110 Wien) setzte sich vor allem dafür ein, dass
individuell auf jedes Kind eingegangen wird. Es sei leider eine
Tatsache, dass jährlich über 8.000 Jugendliche ohne Abschluss aus dem
System fallen, da ihre Stärken zu wenig gefördert wurden, erklärte
er. Ihnen fehle insbesondere die positive Zuwendung, sie verlieren
das Interesse und reagieren dann rasch mit Angst, Aggression oder
Verweigerung. Damit diesen Menschen die Zukunft nicht verschlossen
bleibt, müsse man über Gegenmaßnahmen und deren realpolitische
Umsetzung diskutieren, forderte Landau. Statt einer negativen
Selektion sollten vielmehr die Stärken und Talente der Jugend
gefördert werden.
Aus diesem Grund schlug Landau folgende Notfallmaßnahmen vor: eine
weitestgehende Neudefinition der Lehr- und Lerninhalte, eine
Überarbeitung der Art und der Bewertung der Leistungsfeststellung
sowie eine Freistellung von Mitteln aus der Schulverwaltung; diese
sollten in Brennpunktgebieten schulautonom abrufbar sein. Außerdem
regte er noch die Gründung einer österreichischen Bildungsstiftung
an, die nicht nur als Ansprechpartner fungiert, sondern auch in
Notsituationen hilft und bestimmte Projekte fördert.
Stemer: Qualität der Frühpädagogik entscheidend für Bildungskarriere
Siegmund Stemer, vom Amt der Vorarlberger Landesregierung, dankte
nochmals den Initiatoren des Volksbegehrens für ihren Einsatz, weil
damit die Bildungsdebatte einen enormen Anschub erlebt hat. Viele der
Forderungen seien absolut richtig, unterstrich er, und manche
diskussionswürdig. Keinen Zweifel gebe es jedoch daran, dass die
Frühpädagogik, die einen wichtigen Grundstein lege, aufgewertet
werden müsse. Ein wichtiges Anliegen war ihm auch, dass die
PädagogInnenausbildung vorangetrieben und das Dienst- und
Besoldungsrecht modernisiert wird. Außerdem plädierte er für eine
ergebnisverantwortliche Schulautonomie.
Wegricht: Der Boden für die Bildung muss aufbereitet werden
Elfriede Wegricht (Institut für Begabungsdiagnostik und
Begabtenförderung) wies einleitend darauf hin, dass sie einen etwas
anderen Zugang zum Thema gewählt habe und es ihr vor allem darum
gehe, dass "der Boden für die Bildung aufbereitet" wird. Um den
Kindern die Entwicklung hin zu selbstbestimmten, eigenständigen,
angstfreien Individuen zu ermöglichen, sollte vor allem die
Vermittlung von essentiellen Werten wie Empathie,
Kompromissfähigkeit, Toleranz, solidarisches Handeln, Nächstenliebe,
Gerechtigkeitssinn, Hilfsbereitschaft, Kreativität etc. im
Mittelpunkt stehen. Erst dann könnten die Kinder die Bildungsinhalte
auch aufnehmen und behalten und sich ihre Neugier ein Leben lang
bewahren.
Der Ausschuss setzte seine Beratung mit der Spezialdebatte zum Thema
Frühpädagogik fort. (Fortsetzung)
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