- 27.02.2012, 09:35:57
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GLOBAL 2000: Weltältestes AKW wird endlich abgeschaltet
Nicht Stress-Tests, sondern wirtschaftliche Bedenken legen Hochrisiko-Reaktoren still.
Wien (OTS) - Am Mittwoch ist endlich Schluss mit dem
Hochrisiko-Atomkraftwerk im englischen Oldbury. Nach 44 Jahren stellt
der Magnox-Reaktor 1 der ersten Generation seinen Betrieb ein. "Viel
zu spät - bereits 2008 hätte der völlig veraltete und massiv
verschlissene Reaktor seinen Betrieb einstellen sollen", sagt
Reinhard Uhrig, Atomexperte von GLOBAL 2000. "Die Schließung wurde
nur aus ökonomischen Gründen verschoben - die Nuclear Decommissioning
Authority, die den hochradioaktiven Schrott von militärischen und
zivilen Atomanlagen im Auftrag der englischen SteuerzahlerInnen
übernommen hat, braucht für den Rückbau aller Anlagen geschätzte 83
Milliarden Pfund - da ist jede verkaufte Kilowattstunde Atomstrom
willkommener Reibach, auch auf das Risiko eines großen Unfalls hin."
Die Stilllegung erfolgt jetzt auch aus ökonomischen und nicht aus
sicherheitstechnischen Gründen: Durch das nicht standardisierte
Reaktordesign der graphit-moderierten, gasgekühlten Magnox-Reaktoren
aus den 1950er- und 1960er-Jahren müssen für die AKWs dieser Baureihe
jeweils unterschiedliche Brennelemente angefertigt werden - und das
rentiert sich nicht mehr. Der Rückbau der Anlage soll laut Betreiber
möglichst spät erfolgen, um die hohen Radioaktivitätswerte zunächst
abklingen zu lassen - und damit die Kosten für einen teuren,
Roboter-gestützten Abriss zu sparen. Erst zwischen 2092 und 2101 soll
die Gegend dekontaminiert sein - weitere 90 Jahre lebt die
Bevölkerung neben den hochradioaktiven Gebäuden.
44 Jahre Störfälle und Zwischenfälle
Immer wieder kam es bei dem Oldbury-Reaktor und bei baugleichen
Magnox-Reaktoren zu Störfällen und Unfällen: 2007 gab es in kurzer
Zeit in Oldbury mehrere Zwischenfälle, bei denen zuerst durch den
Brand eines Generators und dann durch Vibrationen einer Turbine die
Reaktorschnellabschaltung von Reaktor 2 ausgelöst werden musste.
"Eine Schnellabschaltung ist vergleichbar der Vollbremsung von einem
bis zur Oberkante beladenen LKW auf der Autobahn, von 130 km/h auf 0
- immer wieder kommt es bei solchen Schnellabschaltungen zu
Störfällen, bei einem 44 Jahre alten Oldtimer kann man sich die
drohenden Gefahren vorstellen", sagt Uhrig.
Durch die hohen Temperaturen im Reaktor wurde die Masse der
Moderator-Blöcke aus Graphit, die die nukleare Kettenreaktion
steuern, bereits um ein Drittel verringert, wie Dokumente belegen,
die die englische Nuklearaufsicht unter dem "Freedom of Information
Act" veröffentlichen musste. "Wieder und wieder zeigt sich, dass hier
Sicherheitsmargen bewusst bis zur Unterkante herabgesetzt wurden und
selbst bei Auftreten von massiven Schwierigkeiten so lange die
Vorschriften verbogen wurden, bis die Reaktoren wieder weiterlaufen
durften", erklärt Uhrig.
Krebs und Leukämie
Die Magnox-Reaktoren wurden ursprünglich im Sellafield-Calder
Hall-Komplex in Nordwest-England eingesetzt - ab 1956 zur Erzeugung
von Plutonium für das englische Atomwaffenprogramm. Die dabei
entstehende Zerfallswärme musste abgeführt werden - der dabei
entstehende Strom war quasi ein Abfallprodukt. In den Reaktoren der
ersten Generation wurden Teile des Primärkreislaufs so unzureichend
abgeschirmt, dass die Bevölkerung der umliegenden Orte eine
Strahlungsleistung von über einem halben Millisievert pro Jahr allein
durch die Neutronen- und Gammastrahlung erhielt - ganz zu schweigen
von radioaktiven Stoffen, die in die Luft und ins Wasser abgegeben
wurden. "Untersuchungen von Prof. Dr. Chris Busby zeigen, dass
Chepstow, am Ufer des River Severn gegenüber den Oldbury-Reaktoren,
ein elffach erhöhtes Leukämierisiko hat - dies stimmt überein mit
Untersuchungen aus Deutschland, die für neuere AKWs ein doppelt so
hohes Leukämierisiko für Kinder in der Umgebung bestätigt haben", so
Uhrig. "Brustkrebs- und Prostatakrebsfälle der Umgebung von Oldbury
sind ebenfalls signifikant über dem englischen Durchschnitt - und das
noch bevor ein schwerer Zwischenfall oder eine Kernschmelze eintritt,
wie sie z. B. bei dem Unfall im Magnox-Reaktor Chapelcross 1967 mit
der massiven Freisetzung von Radioaktivität geschehen ist."
Stresstests legen Hochrisiko-Reaktoren nicht still
Der Endbericht der englischen Nuklearaufsicht vom Dezember 2011
empfiehlt zwar einige Nachbesserungen am Oldbury-Reaktor und anderen
noch laufenden baugleichen Reaktoren. Diese können aber erst mal
weiterlaufen, denn ein Vertreter der Nuklearaufsicht fand keine
"fundamentale Schwächen im Design und der Widerstandsfähigkeit"
selbst der ältesten Atoimkraftwerke.
GLOBAL 2000 fordert die sofortige Stilllegung aller
Hochrisiko-Reaktoren der ersten Generation sowie von Reaktoren, die
über 30 Jahre in Betrieb sind und deren Verschleiß sämtliche
Sicherheitsparameter der Anlagen konterkarieren. "Es ist völlig
unverantwortlich, hier weiter durch 'Risk for Cash'russisches
Roulette mit der Bevölkerung zu spielen", so Uhrig. "Derzeit würden
selbst Magnox-Reaktoren die europaweiten 'Stresstests'mit der Auflage
von Nachbesserungen überleben - und weiter ungestört das Leben der
Bevölkerung gefährden."
Karte der Hochrisikoreaktoren und AKWs in Europa:
http://www.global2000.at/site/de/wissen/atom/atomeuropa/article-akweu
ropa.htm
Rückfragehinweis:
GLOBAL 2000 / Friends of the Earth Austria [email protected] Lydia Matzka-Saboi: mobile: +43/(0) 699 14 2000 26 other: +43/1/812 57 30 - 26 [email protected] Nunu Kaller: mobile: +43/(0) 699 14 2000 20 other: +43/1/812 57 30 - 20 [email protected]
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