TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. Februar 2012 von Floorian Weissmann "Ohnmacht vor der Gewalt in Syrien"
Innsbruck (OTS) - Utl.: Der Konflikt zwischen dem Assad-Regime und
der Opposition wird wohl noch lange anhalten.
Und die Möglichkeiten des Auslands, darauf Einfluss zu nehmen,
bleiben eng begrenzt.
An wenigen Orten der Welt beob achten wir derzeit einen ähnlich
scharfen Kontrast von Dringlichkeit und Ohnmacht wie in Syrien. Und
nichts deutet darauf hin, dass sich daran in naher Zukunft etwas
ändert - im Gegenteil.
Nach elf Monaten Gewalt ist es zu spät für einen innersyrischen
Dialog. Präsident Assad kann sich - wenn überhaupt - nur durch noch
mehr Gewalt an der Macht halten. Nach Schätzungen der UNO sind bisher
mindestens 7000 Menschen umgekommen. Noch weit mehr Menschen wurden
verhaftet und gefoltert. Das Militär zielt auf Zivilisten und
Wohnviertel. Die Not in den umkämpften Gebieten wächst.
Derzeit sieht es weder danach aus, dass die Opposition Assad stürzen
kann; noch scheint das Regime in der Lage zu sein, den Aufstand
niederzuringen. Der Konflikt lodert damit aber nicht nur weiter wie
bisher. Sondern er verändert das Land und die Menschen und belastet
sie mit einer schweren Hypothek für die Zukunft.
Unter dem Deckel der autoritären Herrschaft lebten in Syrien
zahlreiche Volksgruppen und Konfessionen nebeneinander. Der
Machtkampf ist geeignet, diese relative Offenheit und Toleranz
nachhaltig zu zerstören. Auf der Seite der Opposition wittern
sunnitische Islamisten ihre Chance; dass internationale Hilfe
ausbleibt, spielt in ihre Hände. Im Gegenzug bindet das Regime die
nicht-sunnitischen Minderheiten an sich. Das ist die Saat für einen
Bürgerkrieg entlang konfessioneller Linien, der die geopolitisch so
brisante Region als Ganzes in Mitleidenschaft ziehen kann.
Im Kontrast zu dieser Gefahr sind die Möglichkeiten für Hilfe und
Intervention von außen eng begrenzt. Die UNO-Vetomächte Russ land und
China lehnen aus prinzipiellen, wirtschaftlichen und strategischen
Gründen einen erzwungenen Regimewechsel ab. Der Westen hat derzeit
ohnehin weder den politischen Willen noch die finanziellen und
militärischen Mittel für eine robuste Intervention. Die zerstrittenen
Araber sind mit ihrer Vermittlung gescheitert. Zudem fehlt bei der
syrischen Opposition der Ansprechpartner. Assads Gegner
haben bislang keine Führung, kein Programm und keine Organisation,
die im In- und Ausland hinreichend Autorität genießt.
Die Bemühungen des Auslands werden sich in den kommenden Tagen wohl
haupt sächlich um humanitäre Hilfe drehen; dafür braucht es
Absprachen mit Assad. Einzelne Staaten werden wohl verdeckt die
syrische Opposition mit Geld und vielleicht mit Waffen versorgen. All
das trägt aber nicht zur Lösung des Konflikts bei.
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