TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 22. Februar 2012 von Katharina Zierl "Keine Schulbildung ist Strafe genug"
Innsbruck (OTS) - Utl.: Die Forderung nach höheren Geldstrafen für
Schulverweigerer geht am Kern des Problems vorbei. Nicht härtere
Sanktionen, sondern kreative, bewusstseinsbildende Maßnahmen sollten
jetzt am politischen Stundenplan stehen.
Die Zahl der Schulschwänzer steigt. Publikumsträchtige Lösungsansätze
gibt es viele. Vor allem die Forderung nach härteren Strafen kommt
bei der breiten Masse meist gut an. Das weiß auch
Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz und wirbelte mit dem
Vorschlag, Eltern von notorischen Schwänzern mit 1500 statt bislang
maximal 220 Euro zu bestrafen, nicht nur auf den Schulgängen viel
Staub auf.
Der Blick hinter die Fassade dieser plakativen Forderung aber zeigt,
dass einfache Thesen in den wenigsten Fällen komplexen Sachverhalten
gerecht werden. Wer dem Unterricht und in Folge dessen irgendwann dem
Bildungssystem den Rücken kehrt, hat dafür Gründe. Dabei geht es
nicht um Gelegenheitsschwänzer, sondern um Schulverweigerer, die sich
Schritt für Schritt abwenden und schließlich ganz zurückziehen.
Eltern haben die Pflicht, ihren Nachwuchs zur Schule zu schicken.
Kommen sie dieser großen Verantwortung nicht nach, muss es Maßnahmen
geben. Die Erhöhung der Geldstrafe bietet jedoch spätestens beim
Blick auf die Hauptbetroffenen wenig Lösungspotenzial.
Viele Schulverweigerer und später -abbrecher kommen, wie Studien
belegen, aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status und
haben Migrationshintergrund. Gerade dort, wo das Geld knapp ist, wird
eine hohe Strafe wohl kaum zu einer Verhaltensänderung beitragen.
Vielmehr werden Eltern und Schüler dadurch zusätzlich verunsichert.
Ein Schulsystem, das sich zur Aufgabe macht, Kindern aus allen
Milieus und familiären Konstellationen bestmögliche Bildung
anzubieten, muss dementsprechende Leistungen bringen. Die
Verantwortung auf Schüler und Eltern zu übertragen, greift zu kurz.
Es fehlt an sinnvollen Maßnahmenpaketen. Integration ist dabei ein
zentrales Thema. Gerade in diesem Bereich braucht das österreichische
Bildungssystem Nachhilfe.
Zunächst steht Ursachenforschung auf dem Programm. Dann müssen
konkrete Projekte umgesetzt werden. Der Ausbau von Schulsozialarbeit
könnte dabei einen zentralen Beitrag leisten. Wie sich bei einem
Pilotprojekt in Imst zeigt, bewirken Sozialarbeiter im direkten
Kontakt mit Schülern und Eltern viel und bauen vorhandene Barrieren
ab. Gegen Ansprechpartner, die vor Ort Probleme und gesellschaftliche
Ungerechtigkeiten unbürokratisch aufgreifen und zu lösen versuchen,
kommt selbst eine noch so hohe Geldstrafe nicht an.
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