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OTS0268   1. Feb. 2012, 21:00

TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 2. Februar 2012, von Marco Witting: "Sonderschulen müssen bleiben"


Untertitel: Ein radikaler Umbau ist wegen des
Schulsystems nicht möglich. Doch es besteht dringender
Handlungsbedarf: Kinder mit Migrationshintergrund und schlechten
Deutschkenntnissen werden zu oft in Sonderschulen untergebracht.

Abschaffen oder nicht. Sonderschule oder Inklusion. Zwei
Möglichkeiten, zwei Systeme, zwei grundverschiedene Anschauungen.
2008 hat die Republik Österreich die UN-Konvention über die Rechte
von Menschen mit Behinderung ratifiziert und sich damit verpflichtet,
Kinder nicht aufgrund einer Behinderung vom Schulbesuch
auszuschließen. Seither wird über dieses Thema heiß diskutiert, eine
klare Linie - wie in vielen Schulfragen - fehlt aber. Denn schon
alleine, ob die aktuelle Situation dieser Konvention nicht doch
irgendwie entspricht, ist im Ministerium ein Streitfall. Auch um die
Art und Weise einer möglichen Weiterentwicklung wird zwischen Bund
und Ländern, Unterrichtsministerium und Landesschulräten gerungen.
Seit Monaten ohne Ergebnis. Dabei fällt bei den Gegnern der
Sonderschule immer das Schlagwort Inklusion. Das bedeutet, dass jedes
Kind - egal mit welcher Form von Defizit - durch geeignete
Unterrichtsmaßnahmen in der Regelschule aufgefangen wird.
Ein rasches bzw. generelles Abschaffen der Sonderschule ist jedoch
weder ratsam noch möglich. Dazu fehlen derzeit die Voraussetzungen im
Schulsystem. Dazu fehlt es an Stützlehrern oder der
Nachmittagsbetreuung - und an einer klaren Richtung, an der sich
verängstigte Lehrer und Eltern orientieren können. Und ein radikaler
Schnitt ohne Übergangsfristen würde letztlich dazu führen, dass
Kinder mit speziellen Bedürfnissen auf der Strecke bleiben. Ohne
geeignete Betreuung wären sie zwar in der Regelschule dabei - aber
nur außen vor und nicht mittendrin.
Doch an anderer Stelle gibt es dringenden Handlungsbedarf. Zu oft
werden in Tirol augenscheinlich Kinder mit Migrationshintergrund und
mangelnden Deutschkenntnissen in Sonderschulen untergebracht. Es
scheint, als müssten die vorhandenen Plätze (im Verhältnis sind es
mehr als in anderen Bundesländern, Südtirol hat beispielsweise gar
keine) aufgefüllt werden. Hier muss sich die Politik schleunigst
etwas anderes einfallen lassen und diese Schüler - durchaus begabte
Jugendliche - in das Regelsystem integrieren. Auch sozial
benachteiligte Kinder sind in diesem Schultyp nach Ansicht von
etlichen Experten überrepräsentiert.
Hier braucht es größere Anstrengungen und auch den Willen zu
Reformen. Denn damit könnten durchaus auch Ressourcen für die
Sonderschulen freigeschaufelt und die Integrationsquote erhöht
werden.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0268 2012-02-01 21:00 012100 Feb 12 PTT0001 0373



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