• 23.01.2012, 21:00:32
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 24. Jänner 2012 von Florian Madl "Eine Ski-Posse archaischen Ausmaßes"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die Art und Weise, wie Marcel Hirscher die
Slalomstangen anvisiert, führt zu Irritationen zwischen Österreich
und Kroatien. Worte werden wie Fehdehandschuhe in den Ring geworfen,
der Ski-Chauvinismus gipfelt heute in Schladming.

Simmering gegen Kapfenberg mag Helmut Qualtinger zufolge Brutalität
bedeuten. Aber jene Metaphern, mit denen der zum Kriegsschauplatz
erhobene Zielhang in Schladming seit gestern bedacht wird, spotten
jeder Beschreibung. Und folgen jene, die das allzu wörtlich nehmen,
den diversen Facebook-Einladungen tatsächlich, erlebt die Planai beim
heutigen Nachtslalom so etwas wie Simmering gegen Kapfenberg 2.0. In
Nebenrollen: die Skifahrer. In möglichen Hauptrollen: kroatische
Hooligans und erhitzte Österreich-Fans. Ein Länderkampf, in dem
handfeste Argumente den Vorzug erhalten könnten.
Allein die hitzige Diskussion darüber, ob Marcel Hirscher
Slalomstangen nun regelkonform umkurvt oder nicht und wie er auf sein
mögliches Vergehen reagiert (oder nicht), löste das aus. Eine Posse,
die einem Multiorganversagen der Ski-Szene gleichkommt und die in
überbordendem Ski-Chauvinismus gründet: Boulevard-Medien, die mit
Fotomontagen und griffigen Titeln Gefechtsstimmung erzeugen.
Funktionäre, die sich mit überflüssigen Wortspenden hervortun. Und
von Tagesaktualitäten erhitzte Sportler, die sich im Ton vergreifen.
Hobby-Historiker Ivica Kostelic, in kroatischen Medien nach einigen
Semestern Geschichtsstudium zum "Professor" erhoben, griff kürzlich
ein Zitat rund um die Schlacht von Agincourt (1415) auf und sprach
nach dem vermeintlich gestohlenen Zagreb-Sieg von Hirschers "ewiger
Schande". In Kroatien, das den Sport wie wenige andere Länder als
Spielplatz der nationalen Identität begreift, ein Zündfunke.
Fußball-, Wasserball- und Basketballspiele mutieren häufig zur Frage
der Ehre.
Und plötzlich gerät auch der Skisport, umwoben von alpinem Charme und
traditionell Tummelplatz einiger weniger Länder, in dieses
Fahrwasser. Nicht das erste Mal übrigens: Hermann Maiers Verspätung
bei Streckenbesichtigungen, Simon Ammans innovative Stabbindung,
Wunderwachs, zu weite oder regelwidrig konzipierte Anzüge ließen
schon des Öfteren die Volksseelen schäumen. Und immer mittendrin: die
Österreicher. Pikiert, von Nadelstichen in helle Aufregung versetzt.
Es ging um ihren Sport, um ihre Sportler. Wenn jene bisweilen
lächerlich anmutende Ski-Euphorie in Hysterie kippt, wenn plötzlich
wir die Rolle unserer Sportler einnehmen, droht Gefahr. Dann beginnt
die Suche nach Sündenböcken. Und das hat nur nötig, wem es an
Selbstsicherheit mangelt.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

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