- 18.01.2012, 09:24:50
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Armutskonferenz warnt vor sinkender Integrationskraft von Erwerbsarbeit
Mindestsicherung: Aus Armut ohne Arbeit in die Armut mit Arbeit - und umgekehrt. Sprüche von der "Integration in den Arbeitsmarkt" werden zu realitätsleeren und verlogenen Parolen.
Wien (OTS) - Eine aktuelle Studie mit Beziehern von Sozialhilfe
hat auf eindrückliche Weise die schwindende soziale Integrationskraft
von Erwerbsarbeit gezeigt. Der Soziologe Manfred Krenn berichtet im
Ö1 Morgenjournal von Menschen, die zwischen letztem sozialen Netz und
schlechten, desintegrativen Jobs hin und her pendeln.
Schlechte Jobs machen die meisten doch ohnehin nur zur
Überbrückung und bis sie was Besseres gefunden haben, meinen viele.
Und freilich wünschen sich die Betroffenen auch wirklich rasch einen
anderen und besseren Job. "Doch viele kommen aus ihrer schlechten
Situation nicht mehr oder nur schwer heraus.", so die
Armutskonferenz, deren Mitglieder 500000 Hilfesuchende im Jahr
unterstützen und betreuen. Für Deutschland zeigen ebenfalls Studien,
dass es für mehr als 70 Prozent der Billigjobber keinen Aufstieg in
höhere Lohnsegmente gibt. Die in Plädoyers für die Einführung eines
Niedriglohnsektors häufig verwendete Behauptung, Niedriglohn sei ein
Sprungbrett in höhere Einkommensschichten, wird durch diese
Ergebnisse widerlegt. Vielmehr führen die genannten Jobs für die
Mehrheit zu einer dauerhaften prekären Einkommenslage ohne Ausstieg.
"Seit Mitte der 90er Jahre fördert Deutschland zu niedrig
entlohnte Jobs", argumentiert OECD-Experte Herwig Immervoll.
Langzeitarbeitslose hätten "nach wie vor einen vergleichsweise
geringen finanziellen Anreiz, eine existenzsichernde Beschäftigung
anzunehmen". Der künstlich und staatlich geförderte Niedriglohnmarkt
ist eine Armutsfalle.
Sogenante "Pendler" und "Wiedereinsteiger" in die Sozialhilfe
machen bereits 42 Prozent der Sozialhilfe/Mindestsicherungbezieher
aus. Sie pendeln zwischen der Zone der Entkoppelung und der Zone der
Prekarität. Aus Workless Poor werden Working Poor, aus der Armut ohne
Arbeit geht es in die Armut mit Arbeit - und umgekehrt. Hier
verkommen die Sprüche von der "Integration in den Arbeitsmarkt" zu
realitätsleeren oder verlogenen Parolen. Hier findet keine soziale
Integration statt. Im Gegenteil. Hier entsteht soziale Ausgrenzung
durch die Arbeit selbst", warnt die Armutskonferenz.
173.000 Menschen in Privathaushalten leben unter
Sozialhilfe-Bedingungen, darunter 30 Prozent Kinder. Frauen sind
etwas stärker betroffen. Die Anzahl der Personen in Sozialhilfe ist
seit dem Jahr 1999 um über 111.000 Personen angestiegen. Gründe dafür
sind prekäre Jobs, nicht existenzsichernde Notstandshilfeleistungen,
Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen und hohe
Lebenshaltungskosten beim Wohnen. Prekäre Jobs mit daraus folgendem
nicht existenzsichernden Arbeitslosengeld nehmen zu. Die neuen
"working poor" erhalten von der Mindestsicherung
"Richtsatzergänzungen", um zu überleben. Weiters haben Personen mit
physischen oder psychischen Beeinträchtigungen auf dem Arbeitsmarkt
schlechte Chancen. Besonders nehmen depressive Erschöpfungszustände
zu: 4 von 10 Mindestsicherungsbezieher_innen haben gesundheitliche
Beeinträchtigungen. Und die steigenden Lebenshaltungskosten beim
Wohnen wirken sich bei geringem Einkommen überproportional stark aus.
"Wenn wir genau hinschauen, dann schaut vieles anders aus.", so
die Armutskonferenz. Es trifft viele, die es sich "nie gedacht hätten
". Daten aus Wien zeigen, dass für die große Mehrheit die Sozialhilfe
eine kurzfristige Überbrückungshilfe darstellt. Die durchschnittliche
Bezugsdauer beträgt rund 7 Monate, bei 25 Prozent bloß 1 bis 3
Monate. Nur rund 10 Prozent der Mindestsicherungs-Haushalte leben zur
Gänze und dauerhaft von der Leistung.
"Die soziale Disqualifizierung von hunderttausenden von Menschen
wird nicht wahrgenommen. Ihre Situation wird heruntergespielt, mit
leeren Parolen zugedeckt. Die Ignoranz rächt sich spätestens dann,
wenn in dieser Arena des Kampfes um Anerkennung, die Demagogen und
Hetzer das alleinige große Wort führen.", so die Armutskonferenz
abschließend.
Rückfragehinweis:
Die Armutskonferenz
01/ 402 69 44 (Koordinationsbüro) oder 0664/ 544 55 54
(Martin Schenk)
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