Menschen verhalten sich auch ohne Regeln sozial und "gut"
Wien (OTS) - Menschen verhalten sich auch ohne vorgegebene Regeln
grundsätzlich sozial und eher mitfühlend und "gut" als aggressiv. Das
ist das Resultat einer Studie des Instituts für Wissenschaft
Komplexer Systeme an der MedUni Wien unter der Leitung von Stefan
Thurner und Michael Szell. Sie analysierten das Verhalten von mehr
als 400.000 TeilnehmerInnen des "Virtual Life"-Spiels "Pardus" im
Internet. Das Ergebnis: Nur zwei Prozent aller Handlungen sind
aggressiv, obwohl das Spiel zum Beispiel kriegerische Attacken mit
Raumschiffen ganz einfach ermöglichen würde.
In der Studie wurden Millionen von menschlichen Interaktionen
ausgewertet: Handlungen wie Kommunikation, Freundschaften schließen
und beenden, Handel von Gütern, schlafen, bewegen, aber auch
Feindschaften, Angriffe und Bestrafung. Das Spiel gibt keinerlei
Regeln vor, jeder kann mit seinem Avatar - also mit seiner seiner
"Spielfigur" in der virtuellen Welt - leben, wie es ihm beliebt. "Und
dennoch wird keine Anarchie gelebt", sagt Thurner. "Die Teilnehmer
organisieren sich selbst als soziale Gruppe mit gutem Willen. Fast
alle Aktionen sind positiv."
"Genau so tickt der Mensch"
Die Interaktionen wurden von den ForscherInnen in ein "Alphabet"
gegossen, "ähnlich wie man vor 15 Jahren den genetischen Code der DNA
aufgeschlüsselt hat", so Thurner. "Daraus ergab sich ein Muster, das
wiedergibt, wie der Mensch tickt.," Allerdings besteht durchaus ein
hohes Aggressionspotenzial: Wenn einem eine negative Aktion zuteil
wird, schnellt die Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler oder die
Spielerin in der Folge ebenfalls aggressiv handelt, auf mehr als das
zehnfache, nämlich auf etwa 30 Prozent.
Gruppendynamische Prozesse in der Gesellschaft prognostizieren
Thurner und sein Team konnten anhand der Muster auch darlegen, dass
das Spiel durchaus ein Abbild der Realität ist. "Zum Beispiel konnten
wir Maßzahlen für Kommunikationsnetzwerke eins zu eins übernehmen.
Eine weitere Maßzahl ist, dass fast niemand mehr als 150 Freunde hat
- die sogenannte Dunbar number. Egal ob in der realen oder virtuellen
Welt." Die Studie wurde jetzt im Fachmagazin "Public Library of
Science One (PLoS One)" publiziert.
Fernziel ist es, mit diesen Maßzahlen und den in virtuellen Welten
erforschten Verhaltensmustern "Phasenübergänge in Gesellschaften"
frühzeitig zu erkennen, um gruppendynamische gesellschaftliche
Prozesse vorhersagen zu können und im Fall der Fälle frühzeitig
darauf reagieren zu können. "Es könnte zum Beispiel sein, dass durch
bestimmte Umstände der verzehnfachte Aggressionslevel flächendeckend
also systemisch für längere Zeit bestehen bleibt, was einer
drastischen Radikalisierung in Gesellschaften gleichkommt. Darauf
könnte man dann frühzeitig reagieren." Ein aktuelles Beispiel für
einen derartigen Phasenübergang in der Gesellschaft sei der relativ
überraschende "arabische Frühling" mit seinen vielen Protesten,
Aufständen und Revolutionen gewesen, die bekanntlich gegen die in
vielen Ländern herrschenden totalitären Regime gerichtet waren.
Service: Public Library of Science One
"Emergence of good conduct, scaling and Zipf laws in human
behavioral sequences in an online world." Stefan Thurner, Michael
Szell, Roberta Sinatra. PLoS ONE 7(1): e29796.
doi:10.1371/journal.pone.0029796.
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