TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 10. Jänner 2012, von Ivona Jelcic: "Chronik einer Selbstbeschädigung"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die jüngste ORF-Gesetzesnovelle ist erst gut zwei Jahre alt. Die Chance auf eine Reform ließ man damals sorglos sausen. Wohin das führt, zeigt sich jetzt - auch dem Gebührenzahler - in aller schamlosen Deutlichkeit.

Zwischen den Adjektiven dummdreist und ungeschickt gibt es, zugegeben, feine Bedeutungsunterschiede. Und es bleibt wohl dem persönlichen Empfinden bzw. Geschmack überlassen, das eine oder das andere auf die jüngste Vorgehensweise der ORF-Führung in Sachen Personalpolitik anzuwenden. Sicher, politische Begehrlichkeiten und damit auch Postenschacher sind in der Geschichte des österreichischen Staatsfunks nichts Neues - und Fatalisten werden behaupten: Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Je offensichtlicher (ungeschickter, dummdreister,...) sie aber werden, desto häufiger dürfte man künftig mit dem Phänomen des "Wut-ORFlers" Bekanntschaft machen, der sich - zu Recht - Sorgen um das eigene journalistische Ansehen und jenes des gesamten Unternehmens macht.
Wobei: Auch den gibt es nicht erst seit gestern, man denke an Armin Wolfs Rede im Rahmen der Hochner-Preis-Verleihung 2006, an die Plattform "SOS ORF" und die breite, aber letztlich wenig ergebnisreiche öffentliche Diskussion über die ORF-Gesetzesnovelle 2009. Die Chance auf tatsächliche Reformen wurde freilich ebenso wissentlich wie willentlich vertan - schon damals zugunsten der Erfüllung von Personalwünschen, die sich die Koalitionspartner postwendend und lauthals gegenseitig vorwarfen. Auf der Strecke blieb und bleibt in diesem ganzen Gerangel um den größeren Einfluss die Entpolitisierung sowie die damit einhergehende Forderung nach einer Verkleinerung beziehungsweise Reorganisation des obersten Kontrollgremiums, des ORF-Stiftungsrates. Der wird nach wie vor von den Parteien beschickt und funktioniert viel eher als politische Interessenvertretung denn als Aufsichtsratsorgan. Und nicht zuletzt als Nachwuchsschmiede für ORF-Jobs in den obersten Etagen: Siehe Niko Pelinka, dessen angekündigte Bestellung zum Büroleiter von Alexander zum Casus Belli geworden ist, der aber nur stellvertretend für eine grobe, aber tunlichst vernachlässigte Unvereinbarkeit steht: Wenn Stiftungsräte, die den ORF-General wählen, dann in ORF-Führungsjobs gehievt werden, wirkt das schlicht und einfach image- und unternehmensschädigend, auch im Fall des Tiroler Landesdirektors Helmut Krieghofer.
Zu den Wut-ORFlern könnte sich demnächst auch der eine oder andere Wutbürger gesellen: Schließlich ist die Frage, ob politischer Postenschacher die Einhebung von Gebühren rechtfertigt, nicht viel weniger spannend als jene nach der journalistischen Unabhängigkeit.

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