- 09.01.2012, 21:00:33
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 10. Jänner 2012, von Ivona Jelcic: "Chronik einer Selbstbeschädigung"
Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die jüngste ORF-Gesetzesnovelle ist
erst gut zwei Jahre alt. Die Chance auf eine Reform ließ man damals
sorglos sausen. Wohin das führt, zeigt sich jetzt - auch dem
Gebührenzahler - in aller schamlosen Deutlichkeit.
Zwischen den Adjektiven dummdreist und ungeschickt gibt es,
zugegeben, feine Bedeutungsunterschiede. Und es bleibt wohl dem
persönlichen Empfinden bzw. Geschmack überlassen, das eine oder das
andere auf die jüngste Vorgehensweise der ORF-Führung in Sachen
Personalpolitik anzuwenden. Sicher, politische Begehrlichkeiten und
damit auch Postenschacher sind in der Geschichte des österreichischen
Staatsfunks nichts Neues - und Fatalisten werden behaupten: Daran
wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Je offensichtlicher
(ungeschickter, dummdreister,...) sie aber werden, desto häufiger
dürfte man künftig mit dem Phänomen des "Wut-ORFlers" Bekanntschaft
machen, der sich - zu Recht - Sorgen um das eigene journalistische
Ansehen und jenes des gesamten Unternehmens macht.
Wobei: Auch den gibt es nicht erst seit gestern, man denke an
Armin Wolfs Rede im Rahmen der Hochner-Preis-Verleihung 2006, an die
Plattform "SOS ORF" und die breite, aber letztlich wenig
ergebnisreiche öffentliche Diskussion über die ORF-Gesetzesnovelle
2009. Die Chance auf tatsächliche Reformen wurde freilich ebenso
wissentlich wie willentlich vertan - schon damals zugunsten der
Erfüllung von Personalwünschen, die sich die Koalitionspartner
postwendend und lauthals gegenseitig vorwarfen. Auf der Strecke blieb
und bleibt in diesem ganzen Gerangel um den größeren Einfluss die
Entpolitisierung sowie die damit einhergehende Forderung nach einer
Verkleinerung beziehungsweise Reorganisation des obersten
Kontrollgremiums, des ORF-Stiftungsrates. Der wird nach wie vor von
den Parteien beschickt und funktioniert viel eher als politische
Interessenvertretung denn als Aufsichtsratsorgan. Und nicht zuletzt
als Nachwuchsschmiede für ORF-Jobs in den obersten Etagen: Siehe Niko
Pelinka, dessen angekündigte Bestellung zum Büroleiter von Alexander
zum Casus Belli geworden ist, der aber nur stellvertretend für eine
grobe, aber tunlichst vernachlässigte Unvereinbarkeit steht: Wenn
Stiftungsräte, die den ORF-General wählen, dann in ORF-Führungsjobs
gehievt werden, wirkt das schlicht und einfach image- und
unternehmensschädigend, auch im Fall des Tiroler Landesdirektors
Helmut Krieghofer.
Zu den Wut-ORFlern könnte sich demnächst auch der eine oder andere
Wutbürger gesellen: Schließlich ist die Frage, ob politischer
Postenschacher die Einhebung von Gebühren rechtfertigt, nicht viel
weniger spannend als jene nach der journalistischen Unabhängigkeit.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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