Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 5. Jänner 2012. Von FLOO WEISSMANN. "Gespaltene Republikaner".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Amerikas Konservativen fehlen Kandidaten, die in der eigenen Partei mehrheitsfähig sind und Begeisterung auslösen. Ihr internes Ringen hilft möglicherweise ausgerechnet ihrem gemeinsamen Feindbild Obama bei der Wiederwahl.

Der Abstimmungsprozess der US-Republikaner in Iowa mag vorsintflutlich anmuten und nicht repräsentativ sein. Trotzdem haben die 1774 Wählerversammlungen - mitunter in Kirchen oder Wohnzimmern -einige wichtige Erkenntnisse zum Beginn des amerikanischen Wahljahrs noch unterstrichen.
Erstens: Amerikas Konservative sind tief gespalten. Der gemäßigtere Flügel und die Realos tendieren zu Mitt Romney - aber nicht, weil sie ihn mögen, sondern weil sie glauben, dass seine Wahlkampfmaschine es am ehesten mit Präsident Barack Obama aufnehmen kann. Die Fundis von der Tea Party und der religiösen Rechten haben hingegen mit Rick Santorum kurzfristig einen neuen Bannerträger aus dem Hut gezaubert. Dieser ist aber noch kaum von Gegnern und Medien geprüft und verfügt noch nicht über das Geld und die Organisation, um in einem Vorwahl-Marathon gegen Romney zu bestehen. Die Jungen und die Neuzugänge wiederum, die eigentlich die Zukunft der Partei darstellen, verehren den Staatsgegner Ron Paul, der dem konservativen Establishment als Abweichler gilt.
Zweitens: Der konservative Enthusiasmus, der die Republikaner vor zwei Jahren zu einem Triumph bei den Kongresswahlen getragen hat, ist abgeflaut. Die Beteiligung an den Abstimmungen in Iowa lag nur wenig über jener im Jahr 2008, das im Zeichen der Demokraten stand. Und der Favorit Romney, den viele für unvermeidlich halten, hat in der eigenen Partei mehr Gegner als Anhänger. Die Konservativen sind unzufrieden mit ihrem politischen Personal.
Drittens: Negativwerbung wirkt und wird heuer neue Blüten treiben. Romney hat seinen vermeintlichen Hauptgegner Newt Gingrich in Iowa durch TV-Spots zerlegen lassen. Nicht ausgeschlossen ist freilich, dass dem wütenden Gingrich ein Comeback gelingt und er als Vierter noch eine Weile mitmischt. Den Schmutzkübel bedienen heuer erstmals neuartige Interessengruppen ("Super-PACs"), die laut Entscheidungen des Höchstgerichts unbegrenzt Spenden auch von Konzernen annehmen und Kandidaten direkt attackieren dürfen.
Viertens: Der Nutznießer der Spaltung und der Bitterkeit von Amerikas Konservativen kann Präsident Obama sein, dessen Umfragewerte zum Beginn des Wahljahres erstmals seit Langem wieder gestiegen sind. In jener Verfassung, in der sie sich in Iowa präsentiert haben, bilden Amerikas Konservative möglicherweise die wichtigsten Wahlhelfer eines Präsidenten, der wegen der multiplen Krise der Supermacht schon als angezählt galt.

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