OTS0021   1. Jan. 2012, 11:38

Ratingagenturen: Verursacher, Verstärker oder im Sog der Staatsschuldenkrise?


Die Marktstimmung beeinflusst internationale
Kapitalströme rasch und nachhaltig. Die Veränderung der
Risikobereitschaft internationaler Anleger erklärt mehr als die
Hälfte der Schwankungen des Zinsdifferentials zwischen inländischen
Staatsanleihen und den Anleihen aus einem sicheren Vergleichsland.
Herabstufungen des Länderratings können in diesem Umfeld
destabilisierend wirken. Die Auswertung der Ratingänderungen für vier
europäische Peripherieländer zwischen 1994 und 2011 liefert jedoch
keinen Nachweis für einen Teufelskreis aus Zinsanstieg, Herabstufung
und Zunahme der Staatsschuld. *****

Ratingagenturen verarbeiten Informationen über die politische,
wirtschaftliche und finanzielle Lage eines Staates in ein einfaches
Signal für Anleger. Sie erleichtern damit vor allem
grenzüberschreitende Investitionen. Ratings konnten in einigen
empirischen Untersuchungen als Ursache für die Ausweitung des
Zinsabstandes zu einem Vergleichsland mit sicherer
Veranlagungsmöglichkeit identifiziert werden. Andererseits zeigen
etliche empirische Untersuchungen einen nichtlinearen Zusammenhang
zwischen Fundamentaldaten über die fiskalpolitische Lage eines Landes
und dem Zinsabstand zu einem Vergleichsland mit sicheren
Veranlagungsmöglichkeiten.

Die Möglichkeit der Auslösung eines selbstverstärkenden Prozesses aus
Zinssatzsteigerungen und Herabstufungen erfordert während der
Staatsschuldenkrise im Euro-Raum erhöhte Aufmerksamkeit, vor allem
weil in der Vergangenheit immer wieder Ratingfehler auftraten. Der
Anstieg der Zinssätze für Staatsanleihen ist einerseits ein
Marktsignal für schwindendes Vertrauen in die Rückzahlungsfähigkeit
eines Staates, andererseits erschwert er die Budgetsanierung durch
die damit verbundene Zunahme des Zinsaufwandes.

Die Auswertung von Ratingänderungen für vier Länder an der Peripherie
des Euro-Raumes (Griechenland, Irland, Spanien, Portugal) bestätigt
andere empirische Untersuchungen. Ratingänderungen reagieren demnach
signifikant und überproportional auf eine Erhöhung des Zinsabstandes
zwischen diesen Ländern und Deutschland; Herabstufungen erfolgten in
der Staatsschuldenkrise seit 2010 signifikant häufiger und fielen
deutlich geringer aus als in ruhigen Perioden. Weiters besteht unter
den Ratingagenturen ein Herdentrieb: Agenturen passen ihr eigenes
Rating tendenziell in Richtung der anderen Agenturen an. Eine
Ausweitung des Zinsabstandes zu Deutschland um 1 Prozentpunkt hat im
Durchschnitt eine Herabstufung des Ratings um 1,3 Punkte zur Folge.
Abbildung 1 zeigt deutlich den negativen Zusammenhang. Umgekehrt
verursachen Ratinganpassungen in den Folgeperioden eine Ausweitung
des Zinsabstandes zu Deutschland, wobei eine Herabstufung um 1 Punkt
das Zinsdifferential um 0,2 Prozentpunkte vergrößert. Abbildung 2
zeigt den negativen, aber deutlich schwächeren Zusammenhang der
Rückkoppelung.

Ratingänderungen erfolgen, wie die Untersuchung zeigt, in der Regel
nach einer Veränderung des Zinsabstandes und überproportional. Die
Rückkoppelung des Zinsabstandes mit den Ratings ist aber zu klein für
einen selbstverstärkenden Prozess. Die Einschätzung durch die
Ratingagenturen hat somit in der aktuellen Staatsschuldenkrise keine
destabilisierende Wirkung, im Gegenteil: die zeitliche Abfolge von
Zinssatz- und Ratingänderungen legt die Schlussfolgerung nahe, die
Ratingagenturen würden eher im Sog der Staatsschuldenkrise agieren.

Abbildung 1: Reaktion der Ratings für die vier
Euro-Raum-Peripherieländer auf eine Zunahme des Zinsabstandes zu
deutschen Bundesanleihen mit einer Restlaufzeit von 10 Jahren

Abbildung 2: Reaktion des Zinsabstandes zu deutschen Bundesanleihen
mit einer Restlaufzeit von 10 Jahren nach einer Ratingänderung für
eines der vier Euro-Raum-Peripherieländer

http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/43293

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OTS0021 2012-01-01 11:38 011138 Jän 12 WFO0002 0482




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