• 29.12.2011, 21:00:32
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 30. Dezember 2011 von Michael Sprenger "Gesundheitsreform, eine Floskel"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Schuldenbremse und der Zwang eines
Sparpakets müssten genug Motivation für ein effizienteres
Gesundheitssystem sein. Sie sind es aber nicht. Denn die
Beharrungskräfte sind immer noch stärker als der Druck der leeren
Kassen.

Seit Jahren wird uns von Gesundheitsökonomen erklärt, dass in
Österreich eine Gesundheitsreform notwendig ist - und von Politikern
wird versichert, dass es nun auch eine Reform geben wird. Zugleich
werden unsere Verantwortungsträger aus der Politik nicht müde, Öster-
reichs Gesundheitssystem als das beste oder zumindest als eines der
besten Gesundheitssysteme der Welt zu preisen. Beides stimmt nicht.
Eine Gesundheitsreform ist hierzulande längst zu einer
Ankündigungsfloskel verkommen und Österreich hat auch nicht das beste
Gesundheitssystem. Das Einzige, was stimmt, ist die Notwendigkeit
einer Reform.
Bleiben wir beim "besten Gesundheitssystem". Wenn wir den Bereich der
Akutversorgung betrachten, dann steht Österreich tatsächlich im
Spitzenfeld. Doch laut einer Studie des Gesundheitsministeriums wird
dies mit überproportionalen Ausgaben erreicht. Ein Vergleich der OECD
bescheinigt Österreich zudem die vierthöchsten Gesundheitskosten pro
Einwohner, aber bloß eine durchschnittliche Qualität. Die Ursachen
hierfür werden benannt. Österreich leistet sich im Vergleich sehr
teure Spitäler, vor allem Kleinspitäler. Die Kostenexplosion im
Spitalsbereich wird vor allem durch einen Kompetenzstreit zwischen
Bund und Ländern hervorgerufen. Und damit sind wir beim Scheitern
aller Versuche einer Gesundheitsreform, die den Namen verdient,
angelangt. Die Länder, insbesondere die Landeshauptleute, wollen mit
ihren Spitälern dem Wahlvolk Fürsorge demonstrieren. Deshalb möchten
sie den Einfluss auf die Krankenhäuser auf keinen Fall aus der Hand
geben.
Insofern wundert es wenig, wenn nun im Zuge des Sparpakets zwar
versucht wird, Milliarden im Gesundheitsbereich einzusparen, aber
nicht konkret gesagt wird, wo eingespart werden soll. Nur in einem
ist sich der Chefverhandler auf ÖVP-Seite, Karlheinz Kopf, sicher,
die Spitalsreform, die irgendwann kommen soll, wird trotz des Drucks
einer Schuldenbremse nicht vorgezogen. Offensichtlich ist also der
Druck der leeren Kassen immer noch nicht so stark, um einen Konflikt
mit den Ländern zu wagen. Offensichtlich kann es sich Österreich
weiter leisten, über jene Reform bloß zu reden, die andernorts schon
längst erfolgreich in Angriff genommen wurde.
So können also Gesundheitsökonomen weiter trefflich von der
Notwendigkeit von Reformen sprechen und Politiker in ihren
Sonntagsreden das beste Gesundheitssystem loben.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

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