• 19.12.2011, 21:00:31
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 20. Dezember 2011 von Marco Witting "Licht in ein dunkles Kapitel"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Tilak und Landeskrankenhaus haben rund um
die 228 Toten auf dem Anstaltsfriedhof in Hall vorbildlich reagiert.
Der geplante Forschungs- und Gedenkort ist eine konsequente
Fortsetzung der Aufarbeitung, die noch nicht abgeschlossen ist.

Knapp ein Jahr liegt die erschütternde Entdeckung jetzt zurück.
Anfang Jänner 2011 der erste Verdacht: Überreste von 228 Menschen
sollen auf einem in Vergessenheit geratenen Anstaltsfriedhof in Hall
liegen. Nur Wochen später dann die Gewissheit und viele offene
Fragen. Jetzt, ein Jahr danach, hat man einiges erreicht. Wenn es in
knapp vier Jahren in Hall einen Forschungs- und Gedenkort für die
Psychiatrie in Tirol geben wird, dann ist das die konsequente
Fortsetzung einer - bis dato - vorbildhaften Aufarbeitung, an der
sich viele weitere Institutionen ein Beispiel nehmen können.
Menschen mit geistigen Einschränkungen sind selbst in der heutigen
Gesellschaft ein Tabuthema; Stigmatisierung, Ausgrenzung,
Unverständnis 2011 noch immer auf der Tagesordnung. Dies alles gilt
es in Zukunft abzubauen. Projekte wie jenes der Universität Innsbruck
werden dabei helfen.
Wie präsent die Vergangenheit noch heute ist, zeigt die Tatsache,
dass sich auch Jahrzehnte später zahlreiche Familienangehörige (mehr
als 130 bisher) bei den Historikern in Hall melden. Der tägliche Gang
in die Archive ist dabei ein Kampf gegen das Vergessen. Dafür braucht
es sichtbare Zeichen und Nachhaltigkeit. Noch immer ist das
Landeskrankenhaus Hall eine der letzten Anstalten, wo eine
Gedenktafel für Opfer aus der NS-Zeit fehlt. Auch wenn laut
Geschäftsführung die Planungen dafür laufen, dies hätte man schon
längst in irgendeiner Form realisieren können.
Ein Wermutstropfen, denn ansonsten haben die Tilak und das
Landeskrankenhaus Hall rasch und mit Umsicht reagiert. Statt auf den
Baufortschritt oder die anfallenden Kosten zu achten, wurde die
umfassende Aufarbeitung mit Nachdruck vorangetrieben. Dass ein
Krankenhausträger einen Historiker in seinen Reihen hat, mag
ungewöhnlich sein, hat sich aber letztlich bezahlt gemacht.
Auf dem bisher Erreichten darf man sich in Hall aber keineswegs
ausruhen. Ob es eine Verbindung zum NS-Euthanasieprogramm gibt, ist
weiter unklar, die Schicksale der Menschen weiterhin offen. Gerade
diese Fragen sollen bis spätestens 2013 beantwortet sein. Bis dahin
müssen die Verantwortlichen weiter konsequent am Ball bleiben und
notfalls auch die finanziellen Mittel bereitstellen. Damit mehr Licht
in dieses dunkle Kapitel kommt - und die Schicksale der 228 Menschen
endgültig aufgearbeitet werden.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

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