- 24.11.2011, 21:00:31
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 25. November 2011 von Max Strozzi "Märkte spielen am Crash-Klavier"
Innsbruck (OTS) - Utl.: Die griechische Chronologie wiederholt
sich jetzt in Portugal: Massen wälzen sich durch die Straßen und
haben das Vertrauen in eine Lösung der Krise verloren. Und die
Finanzmärkte vertrauen nicht einmal mehr Deutschland blind.
Schulden explodieren, Regierungen schnüren eilig Not-Pakete,
protestierende Menschenmassen wälzen sich über die Straßen. Die
Krisen-Chronologie, bereits aus Griechenland bekannt, wiederholte
sich gestern in Portugal. Und es ist zu befürchten, dass sie sich
auch in weiteren Krisenländern wiederholen wird, wenn nicht bald ein
glaubhafter Weg aus dem Schuldendrama skizziert wird. Und den
Anschein, die Probleme in den Griff zu bekommen, verbreiten Europas
Politiker nicht. Erst am Mittwoch schleuderte EU-Kommissionspräsident
Barroso drei Varianten von Eurobonds auf den Tisch, die allesamt nur
eines gemeinsam haben: Mit einer kollektiven Schuldenhaftung könnten
vor allem jene Länder ihre Schuldenberge weiter aufbäumen, die
ohnehin schon bis über beide Ohren darin stecken.
Das Vertrauen in eine derart praktizierte Krisen-Politik schwindet.
Nach der bislang misslungenen Krisen-Politik der aufgeblasenen
Rettungsschirme und gemeinsamen Schuldenhaftungen spielen jetzt die
Finanzmärkte das Crash-Szenario durch. Dabei wird nicht einmal mehr
Deutschland als Rettungsanker Europas blind vertraut. Am Mittwoch
wollte sich Deutschland sechs Milliarden Euro mittels einer
zehnjährigen Anleihe vom Markt holen. Die Anleger gaben weniger als
vier Milliarden. Mal sehen, was passiert, wenn sich Österreich
nächstes Jahr 25 Milliarden Euro holen muss, um alleine mit 18
Milliarden davon alte Schulden abzuzahlen. In letzter Instanz kann in
der Loch-auf-Loch-zu-Politik nur noch die Europäische Zentralbank
einspringen, indem sie Geld druckt mit all den befürchteten
Nebenwirkungen: Die Inflation steigt, der Wert der Spareinlagen
schrumpft, den Schuldensündern fehlt der Druck für strukturelle
Änderungen.
Und wo bleibt jetzt die Lösung? Deutschland und Frankreich wollen vor
dem nächsten EU-Gipfel am 9. Dezember Vorschläge für eine Änderung
der EU-Verträge auf den Tisch legen. Abgesehen davon, dass politische
Entscheidungen in Europa ewig dauern, beugt es vielleicht künftigen
Problemen vor, löst aber nicht die akuten. Und selbst eine Änderung
der Spielregeln heißt wenig, denn auch an die bestehenden hat sich
niemand gehalten.
Europa rennt die Zeit für tiefgreifende Veränderungen davon. Und die
Befürchtung, dass das Ende der Schuldenkrise schmerzvoll sein wird,
steigt mit jedem misslungenen Versuch der Beruhigung. Schulden lassen
sich letztlich nicht ausblenden, sondern nur abbauen.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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