- 24.10.2011, 21:00:45
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TIEROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 25. Oktober 2011 von Christian Jentsch "Aufbruch im Schatten der Angst"
Innsbruck (OTS) - Utl.: In Tunesien wurde der Funken der
Revolution entzündet. Bei den ersten freien Wahlen scheint nun eine
bisher verbotene islamistische Bewegung das Rennen gemacht zu haben.
Nun geht es darum, Radikalismen das Wasser abzugraben.
Am 17. Dezember des Vorjahres entzündete ein junger von den Behörden
drangsalierter tunesischer Gemüsehändler mit seiner Selbstverbrennung
das Feuer der arabischen Revolution. Eine Revolution, welche
Hunderttausende Menschen mit ihrem Schrei nach Freiheit auf die
Straße trieb, eine Revolution, die in der gesamten arabischen Welt
die Grundfeste der etablierten Ordnung ins Wanken brachte, eine
Revolution, welche Despoten hinwegfegte, eine Revolution, die
Hoffnung auf eine neue selbstbestimmte Zukunft keimen ließ. Nachdem
die Tunesier Mitte Jänner ihren Langzeitherrscher Ben Ali aus dem
Land gejagt hatten, stießen rund einen Monat später die Revolutionäre
beim Nachbarn Ägypten ihren Machthaber Mubarak vom Thron und
entfachten Aufständische in Libyen einen Krieg, den Despot Gaddafi
nicht überleben sollte. Das kleine Tunesien hat etwas Großes ins
Rollen gebracht.
Heute gilt Tunesien als Mutterland des arabischen Frühlings. Eines
Frühlings, dessen Blüten nicht überall den kommenden Winter zu
überstehen scheinen. Doch mit den ersten freien Wahlen haben die
Tunesier ein Zeichen gesetzt. Die Wahlen gelten als Bewährungsprobe
für die Revolutionsbewegung in der arabischen Welt. Die sensationell
hohe Wahlbeteiligung in Tunesien wurde zu Recht als Triumph der
Demokratie gefeiert. Doch auf der Hoffnung nach einer stabilen
demokratischen Zukunft liegt auch ein Schatten. Das Gespenst des
Islamismus geht um. Viele Jung-Revolutionäre vor allem aus der
liberalen Mittelschicht fühlen sich um die Früchte der Revolution
betrogen. Statt Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit befürchten viele
nun die Auferstehung einer islamistischen Bewegung, die längst
gewohnte Freiheiten wieder rückgängig machen könnte. In Tunesien
deuteten Prognosen auf einen klaren Wahlsieg der islamistischen
Ennahdha-Partei hin. Und auch in Ägypten und Libyen verspüren die
Islamisten Aufwind. Wobei eines klar ist: Unliebsame politische
Gruppierungen von der Wahl auszuschließen, wäre das falsche Signal
gewesen. Und mit Vorverurteilungen muss man vorsichtig sein.
Zumindest öffentlich will etwa die Ennahdha nichts mit einem
Gottesstaat zu tun haben. Vielmehr dient ihr das Modell der
türkischen Regierungspartei als Vorbild. Ob man ihren Versprechen
trauen kann, bleibt abzuwarten. Nun geht es jedenfalls in erster
Linie darum, die Hoffnung der Menschen vor allem auch wirtschaftlich
nicht zu enttäuschen. Und somit jedem Radikalismus das Wasser
abzugraben.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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