- 05.10.2011, 21:00:31
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 6. Oktober 2011 von Alois Vahrner "Bei Lohnrunde liegen Nerven blank"
Innsbruck (OTS) - Utl.: Nicht nur Österreichs Politik, auch die
Sozialpartnerschaft hat schon bessere Zeiten erlebt. Dass nach der
ersten Metaller-Runde die Sicherungen durchbrennen, ist Firmen und
Mitarbeitern gegenüber verantwortungslos.
Die nervigen öffentlichen Geplänkel vor dem Start der Herbstlohnrunde
durch die Metaller gehören zum alljährlichen Ritual. Dabei betonen
die Gewerkschaften, dass man heuer ordentlich zugreifen will, während
die Arbeitgeber gebetsmühlenartig vor allzu hohen Abschlüssen warnen.
So als ob sich am Verhandlungstisch nicht Gewerkschafter und
Arbeitgeber gegenübersitzen würden, sondern die Öffentlichkeit
mitverhandelt.
Bisher zog auch kein Jahr ins Land, in dem die Sozialpartner nicht
über mehrere Verhandlungsrunden gingen. Den krönenden Abschluss
bildete stets ein Verhandlungsmarathon, der irgendwann im
Morgengrauen mit einer Einigung zu Ende ging. Wobei dann beide Seiten
beteuerten, bis an den äußersten Rand des Möglichen gegangen zu sein.
Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, etwa auch
Deutschland, wo Lohngespräche sehr oft von Streiks überschattet sind,
gab es in Österreich fast ausnahmslos Lösungen am Verhandlungstisch.
Heuer allerdings scheint einiges anders zu laufen. Klar war, dass
diese Lohnrunde die vielleicht kniffligste seit Jahrzehnten werden
könnte - angesichts der zuletzt brummenden Konjunktur und hohen
Inflationsrate, gleichzeitig aber massiver Unsicherheiten etwa über
die Euro-Zukunft und einer drohenden Rezession.
Dass die Gewerkschaft bereits nach der ersten echten
Verhandlungsrunde Betriebsversammlungen einberuft und mit
Kampfmaßnahmen droht, ist einigermaßen unverständlich. Das Angebot
der Arbeitgeber mit 3,1 Prozent Lohnerhöhung plus 200 Euro
Konjunkturprämie ist zwar noch nicht überschäumend, aber sicher nicht
die von der Gewerkschaft kritisierte Brüskierung der Beschäftigten.
Da sind die 5,5 Prozent Lohnerhöhung, welche die Gewerkschafter trotz
des bereits eingesetzten Konjunktureinbruchs verlangen, schon eher
jenseits aller Vernunft. Weil ein solch massiver Lohnabschluss nicht
nur etliche Firmen, sondern wohl auch Tausende Arbeitsplätze
gefährden würde.
Die Gewerkschafter erinnerten bei ihrer gestrigen Pressekonferenz an
die "gute Tradition" der vergangenen Jahrzehnte, etwa an die
Benya-Formel aus Inflation und geteiltem Produktivitätswachstum.
Wichtiger als starre Formeln, die in ruhigeren Phasen sicher sinnvoll
waren, ist beidseitige Gesprächsbereitschaft. Und ein Abschluss, der
den Mitarbeitern über eine entsprechende Prämie die Kaufkraft
sichert, die Firmen aber nicht mit einem gewaltigen Rucksack in die
Krise schickt.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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