- 05.09.2011, 21:00:34
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 6. September 2011. Von MICHAEL SPRENGER. "Ein bitterer Abgang".
Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der frühere ÖVP-Parteiobmann und
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel konnte mit seinem Abschied aus der
Politik noch einmal überraschen. Doch über den Zustand der Republik
kann dies alles nicht hinwegtäuschen.
Tue das Unerwartete. Wolfgang Schüssel versuchte sein Lebensmotto
reichlich zur Anwendung zu bringen. Auch sein Abgang von der
politischen Bühne kann als ein diesbezügliches Bekenntnis
interpretiert werden.
Seine Bewunderer nannten ihn hierfür einen Strategen, um Schüssels
Wendungen im Nachhinein rechtfertigen zu können. Doch nein, Stratege
war Schüssel keiner. Er verfolgte in seiner Politik keinen großen
Plan, wohl aber war er ein Taktierer, vielleicht sogar "der größte
Taktierer, den wir in der Zweiten Republik je hatten", wie es der
Schriftsteller Karl-Markus Gauß einmal formulierte.
Denn wäre er ein Stratege, hätte er schon vor Jahren seinen Abschied
aus der Politik inszeniert. So blieb ihm nur noch der überraschende
Abgang als Abgeordneter. Für den langjährigen ÖVP-Parteichef, der für
seine Partei nach 30 Jahren das Kanzleramt zurückeroberte, ein
bitterer Schlussakt seiner Karriere.
Mit seinem Rücktritt verhinderte er für sich, in den kommenden
Parlamentssitzungen als willfährige Zielscheibe herhalten zu müssen.
Denn der Fall Telekom hat nach den schon sattsam bekannten Affären
seiner Kanzlerjahre das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Zudem
versuchte er noch einmal die Rolle des Parteisoldaten - um dem neuen
Parteichef Michael Spindelegger ein wenig zu helfen.
Schüssel will seinen Rücktritt jedenfalls nicht als
Schuldeingeständnis verstanden wissen. Warum er glaubt, dass sein
Schritt die Aufklärung durch die Justiz "erleichtern" werde, bleibt
jedoch sein Geheimnis. Denn wie hätte denn ein Abgeordneter Schüssel
die Arbeit der Justiz be- oder gar verhindern können?
Weil einem angesichts des Zustandes von Politik und Justiz allein die
Fortführung solch eines Gedankenspiels Angst einflößt, bleibt einem
nur die Hoffnung, dass der Nationalrat und die Bundesregierung
endlich ihren Beitrag wider die verlotterte Republik leisten. Auch
wenn dies angesichts der derzeit handelnden politischen Personen
vielleicht ein naiver Wunsch ist. Aber immerhin ein Wunsch - dass
anstatt des Verfolgens des Kleingeistes Bundeskanzler Werner Faymann
sein Vizekanzler und die Parteichefs der Opposition in einer
gemeinsamen Aktion einen gewichtigen Beitrag zur Erneuerung des
morschen politischen Systems leisten. Nicht als Taktierer, sondern
den Ernst der Lage erkennend tatsächlich als Strategen. In Anlehnung
an Schüssels Motto könnte man also laut schreien: Tut endlich das
Unerwartete!
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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