• 29.08.2011, 21:00:32
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 30. August 2011 von Irene Heisz "Das Ende der Heuchelei"

Diesmal proben nicht die Laien, sondern der Heuchelei überdrüssige Kleriker den Aufstand gegen Rom.

Innsbruck (OTS) - Im Vatikan ist man Kummer mit Österreich gewöhnt
- spätestens seit dem Skandal um den pädophilen Kardinal Groer, der
1995 zur Gründung der weltweit kopierten "Plattform Wir sind Kirche"
und zum "Kirchenvolksbegehren" führte.
Wie die Informationsflüsse zwischen Österreich und Rom funktionieren,
weiß man selten genau, doch liegt die Vermutung nahe, dass zurzeit
die Drähte heiß laufen. Die Situation, die Helmut Schüller und seine
Mitstreiter in der "Pfarrer-Initiative" mit dem "Aufruf zum
Ungehorsam" provoziert haben, muss aus römischer Sicht weit brisanter
sein als alles an Reform- und Widerstandsgeist, was in den
vergangenen 15 Jahren in Petitionen, Unterschriftenlisten u.\x{2588}Ä.
gegossen wurde. Denn diesmal sind es nicht Laien, sondern von der
Kirche geweihte und auf die Kirche eingeschworene Männer, die - im
Interesse der Zukunft ihrer Kirche - nicht länger stillhalten. Das
geht ans Eingemachte.
Nicht zufällig sind Priester wie Helmut Schüller die Protagonisten
der Aufsehen erregenden Bewegung: Heute Ende 50, Anfang 60, wurden
sie in einer Zeit des hoffnungsvollen Aufbruchs katholisch
sozialisiert. Ihre Lebensentscheidungen, Priester zu werden, trafen
sie unter den Vorzeichen der Positionierung der Kirche in der
Moderne.
Diese Positionierung steht heute zwar in der täglich gelebten Praxis
vieler Pfarrer und Pfarren außer Streit, aber immer noch diametral zu
den offiziellen Regeln. Wenn Pfarrer tun, was ihnen vor Gott und der
Welt richtig vorkommt - von eigenen Liebesbeziehungen bis hin zur
Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene -, tun sie das im klaren
Bewusstsein, gegen die Regeln zu verstoßen, aber nicht selten mit dem
stillschweigenden Einverständnis ihrer Bischöfe.
Diese Heuchelei hat System, und das wollen Schüller und Hunderte
andere Pfarrer nicht länger leben. Die initiativen Pfarrer wissen
haargenau: Um den erratischen Block "Ungehorsam", den sie in den
Mahlstrom ängstlicher Kirchenbeharrlichkeit geschleudert haben, kommt
Österreichs Kirchenleitung nicht herum. Sofern er nicht seine eigene
Karriere ruinieren will, kann Kardinal Schönborn der Provokation
weder nachgeben oder gar zustimmen noch sie ignorieren.
Der Kardinal und die Bischöfe andererseits wissen, dass breite Teile
des Volkes die Forderungen der "Ungehorsamen" teilen und Sanktionen
gegen Unterstützer der Tropfen sein könnten, der bei vielen Gläubigen
das Fass zum Überlaufen bringen und den Kirchenbeitragsfluss
versiegen lassen könnte.
Die Eskalation ist programmiert, der Kardinal gefangen in einem
unlösbaren Dilemma - ironischerweise ähnlich jenem, mit dem Pfarrer
an der Kirchenfront kämpfen.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

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