- 12.08.2011, 21:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Samstag, 13. August 2011, von Mario Zenhäusern: "Sprachlosigkeit erzeugt Ohnmacht"
Innsbruck (OTS) - Untertitel: England ist schwer mit Österreich zu
vergleichen. Aber auch bei uns existieren Parallelgesellschaften -
und die Hoffnung, dass "das bei uns eh nicht passieren kann", hat
sich spätestens seit London als Illusion herausgestellt.
Großbritannien steht unter Schock. Tage nach den schweren
Ausschreitungen in London, Manchester, Liverpool, Birmingham und
Bristol stehen die Briten fassungslos vor den Trümmern. Die Polizei
ist zwar inzwischen Herr der Lage und kündigt an, mit der vollen
Härte des Gesetzes gegen die Randalierer vorzugehen.
Massenverhaftungen sind die Folge. Trotzdem ist die Betroffenheit
über die anarchische Rebellion in "good old England" grenzenlos. Zu
viel ist kaputtgegangen in dieser Woche.
Es ist nicht das erste Mal, dass Jugendliche derart ausrasten.
Ähnliche Szenen spielten sich 2005 ab, als der wütende Mob die
Vorstädte von Paris Nacht für Nacht in eine Flammenhölle verwandelte.
Auch damals lieferten die Kids der Polizei wilde Straßenschlachten.
Und auch damals reagierte die Polizei mit einem Großaufgebot an
Beamten und Massenverhaftungen.
Gewalt gegen Gewalt - das kann und darf nicht die einzige Antwort
auf die Krawalle sein. Die Tatsache, dass sich in Tottenham ebenso
wie in der Banlieue völlig perspektivenlose Jugendliche erhoben, ist
ein Alarmzeichen. Menschen, die ausgegrenzt und ausgeschlossen sind,
die keinen Zugang zu Bildung und damit zu rechtmäßig erworbenem
Wohlstand haben, haben nichts zu verlieren. Gewalt ändert an dieser
Tatsache nichts.
Österreich ist schwer mit England zu vergleichen. Aber es gibt
auch bei uns gesellschaftliche Spannungen, Parallelgesellschaften.
Betroffen sind Jugendliche, die dem Leistungsdruck der heutigen Zeit
nicht gewachsen sind, genauso wie Menschen mit Migrationshintergrund.
Jede Form der Panikmache ist ebenso falsch wie das Verfallen in
sattsam bekannte Ausgrenzungs- oder Ausländer-raus-Denkmuster. Aber,
und das ist eine der Lehren aus der vergangenen Woche, die Hoffnung,
dass "so etwas bei uns eh nicht passieren kann", hat sich spätestens
seit London als Illusion herausgestellt. Denn das haben die Briten
auch geglaubt.
Hier ist die Politik gefordert, nicht die Polizei.
Perspektivenlosigkeit geht in Österreich in der Regel nicht mit
brutaler Gewalt, sondern immer mit mangelnder Bildung und
sprachlicher Unzulänglichkeit einher. Wissenslücken und
Sprachlosigkeit erzeugen Ohnmacht. Beides zu reduzieren, ist deshalb
einer der wichtigsten Ansätze, damit sich Vorfälle wie in London bei
uns nicht wiederholen. Dafür braucht es allerdings beide Seiten:
eine, die die Voraussetzungen schafft, und eine, die dieses Angebot
nützt.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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