• 03.08.2011, 21:00:32
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 4. August 2011. Von IRENE HEISZ. "Scheinheilige Doppelmoral in Schwarz".

Tirols ÖVP drückt sich aus Rücksicht auf die Kirche immer noch um den korrekten Vollzug der Fristenlösung.

Innsbruck (OTS) - Man muss Abtreibungen nicht befürworten. Aber
man muss befürworten, dass geltendes Recht vollzogen wird. Auch in
Tirol. Und auch bei einem Thema, dessen zentrale Problematik im
moralisch-ethischen Bereich liegt und nicht im juristischen. Deshalb
ist der Vorstoß von Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) zu
begrüßen. Er kritisiert, dass in öffentlichen Krankenhäusern in Tirol
die Fristenlösung nach wie vor nicht umgesetzt wird.
Das österreichische Recht hat Schwangerschaftsabbrüche 1975 nicht
erlaubt, aber straffrei gestellt und damit einen lange fälligen
Schritt gesetzt. Wer Frauen eine Abtreibung möglichst schwer macht
oder ihnen gar mit (Gefängnis-)Strafen droht, verhindert keinen
Abbruch. Er zwingt Frauen bestenfalls in teure, aber diskrete
Privatpraxen, wo wenigstens hygienisch einwandfreie und medizinisch
kontrollierte Bedingungen herrschen, schlimmstenfalls in die Hände
von Engelmachern und Kurpfuschern.
Die Fristenlösung ist ein Kompromiss, was die Dreimonatsgrenze
betrifft, sogar ein willkürlicher, der u.a. die zentrale Frage
offenlässt, wann Leben beginnt - mit der Vereinigung von Samen- und
Eizelle, mit der Einnistung des Fötus, mit der Geburt? Selbstredend
kann jeder Mensch Abtreibungen moralisch ablehnen. Das ist auch der
katholischen Kirche unbenommen, obwohl die ihre Position schwächt,
indem sie gegen jede vernünftige Art von Familienplanung und gegen
Schwangerschaftsabbrüche, selbst nach Vergewaltigungen oder bei
Lebensgefahr für die Frau, agitiert.
Ebenso unstrittig müsste sein, dass sich politisch Verantwortliche
nicht aus Rücksicht auf die Kirche jahrzehntelang um den korrekten
Vollzug eines Gesetzes drücken dürfen. Die Tiroler ÖVP allerdings
setzt auch 36 Jahre nach Einführung der Fristenlösung auf eine
scheinheilige Doppelmoral, die darauf beharrt, dass es eben nicht
gibt, was nicht ins schwarze Weltbild passt.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

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