OTS0090   29. Juni 2011, 10:36

Sozialpartner und IV: Bildungsdialog mit Minsterin Schmied, Minister Töchterle zu Hochschulbildung

Zweiter Teil der Beratungen mit zuständigen Ministerien für rasche Bildungsreformen


(ÖGB) Am 2. Februar 2011 fand der erste
"Bildungsdialog" der Sozialpartner einschließlich der
Industriellenvereinigung mit den damals zuständigen
Bundesministerinnen Claudia Schmied und Beatrix Karl statt.
Sozialpartner und IV hatten dabei ein Konzept für einen intensiven
"Bildungsdialog" präsentiert, in dem sie ihre gemeinsamen Positionen
zu aktuellen bildungspolitischen Vorhaben formulierten und Pläne der
Unterrichts- und Wissenschaftsministerinnen unterstützten. Beim
gestrigen zweiten Teil des Bildungsdialogs ging es um die Positionen
von Sozialpartnern und IV zum Thema Hochschulen.++++

Die Zukunft der wirtschaftlichen Entwicklung Österreichs hängt in
hohem Ausmaß auch davon ab, ob ausreichend hochqualifizierte
Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Der Wissens- und
Innovationstransfer von den Hochschulen zur Arbeitswelt wird in
Zukunft nicht allein über die derzeitigen
HochschulabsolventInnenzahlen erfolgen können. Im Sinne wachsender
Herausforderungen an Wirtschaft und Gesellschaft müssen daher mehr
Personen als bisher die Chance zur Höherqualifizierung auf
Hochschulniveau erhalten und die Studienangebote auf Basis
europäischer Entwicklungen im weitaus stärkerem Umfang als bisher
entsprechend den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Erfordernissen konzipiert sein.

ÖGB-Präsident Foglar: Lehr- und Lernbedingungen an Universitäten
verbessern
"Die Qualität der Lehre ist ein wesentlicher Maßstab für den
Stellenwert und die Reputation unserer Universitäten im In- und auch
im Ausland", sagte ÖGB-Präsident Erich Foglar. "Es ist dringend
nötig, Lehr- und Lernbedingungen an den Universitäten zu schaffen,
die den Bedarf der Studierenden nach den bestqualifizierten
Vortragenden erfüllen, und die den Fokus der Tätigkeit der Lehrenden
von der Forschung wieder mehr in die Hörsäle verlagert."

Ein weiterer wichtiger Punkt sei die nötige Steigerung der Akzeptanz
von Bachelorabschlüssen: "Das Ziel der Bolognastrategie,
Masterabschlüsse berufsbegleitend zu absolvieren, geht in der
Realität nicht auf", kritisiert Foglar. "Grund dafür ist, dass die
eigentliche Struktur der Studien oft nicht geändert wurde, sondern
nur der Inhalt vom zwei- auf das dreigliedrige System verteilt wurde.
Das hat zur Folge, dass mit dem Bachelorabschluss in der Arbeitswelt
nur sehr schwierig Fuß gefasst werden kann und dass daher fast
zwangsläufig ein Masterstudium angeschlossen werden muss."

WKÖ-Präsident Leitl: Fachkräftemangel ist Grund zur Sorge
Neben der Anpassung der Studienangebote an wirtschaftliche
Erfordernisse gelte es, auch die Studienwahlorientierung und
Information für die angehenden Studierenden zu intensivieren, betonte
WKÖ-Präsident Christoph Leitl: "Gerade technische und
naturwissenschaftliche Studienrichtungen sollen verstärkt in den
Fokus - insbesondere auch von Studienanfängerinnen - rücken." In
diesem Zusammenhang wäre eine verbindliche Berufs- und
Studieninformation noch vor dem Eintritt in ein Hochschulsystem in
der Sekundarstufe II ein wichtiger erster Schritt. Neben
Reformschritten auf dem Hochschulsektor müsse aber auch die duale
Ausbildung attraktiver gemacht werden. Leitl: "Der schon bestehende
Fachkräftemangel macht nicht nur den Unternehmen, sondern auch uns
Sozialpartnern Sorge."

AK-Präsident Tumpel: Bessere Studienchancen für Berufstätige
AK-Präsident Herbert Tumpel setzte sich dafür ein, dass in Österreich
mehr junge Menschen als derzeit ein Studium anfangen und auch
abschließen können. "Wenn hier nichts geschieht, verlieren wir den
Anschluss an die anderen Industrieländer", warnte Tumpel. Er verwies
auf die niedrige Hochschulabschlussquote in Österreich: 25 Prozent
der betroffenen Altersgruppe - statt mindestens 38 Prozent wie im
Schnitt der Länder in der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Vor allem Berufstätigen
müssten mehr und bessere Studienchancen geboten werden. "Es ist
untragbar, dass bereits fast zwei Drittel unserer Studierenden
ganzjährig neben dem Studium arbeiten müssen", so der AK Präsident.

Die Sozialpartner seien sich einig, dass jede Universität mindestens
zwei berufsbegleitende Pilotstudienprojekte einrichten solle, für die
es ausreichend Mittel geben müsse. "An den Fachhochschulen können
derzeit mehr als ein Drittel ein berufsbegleitendes Studienangebot
nutzen. An den Unis sind solche Angebote selten", sagte Tumpel. Die
Sozialpartner wollen übrigens, dass der Anteil der berufsbegleitend
Studierenden an den Fachhochschulen bis 2012 auf 40 Prozent erhöht
wird.

LKÖ-Präsident Wlodkowski: Bildungsangebot im ländlichen Raum
erweitern
Im ländlichen Raum würden die Anforderungen an das Bildungssystem
ständig zunehmen, das sei eine große Herausforderung für das gesamte
Bildungssystem, sagte LKÖ-Präsident Gerhard Wlodkowski. "Für den
ländlichen Raum braucht es auf Sicht eine wesentlich verbesserte
Infrastruktur im Bildungsbereich, sodass auch in Regionen abseits der
Ballungszentren mehr Angebot und mehr Auswahl besteht. Und man muss
auch im ländlichen Raum den Zugang zu höherer Bildung verbessern, die
Durchlässigkeit der unterschiedlichen Bildungszweige erhöhen und die
Finanzierung sicherstellen."

Wlodkowski ortete weiters beim Thema Berufsreifeprüfungen
Verbesserungsbedarf: "Auch hier brauchen wir Erleichterungen, vor
allem für berufstätige Menschen, diesen Bereich müssen wir verstärkt
forcieren."

IV-Präsident Sorger: "Fachkräfte sind Überlebensfrage des
Industriestandortes Österreich"
IV-Präsident Dr. Veit Sorger erklärte, Österreich verliere
schleichend aber stetig hart erarbeitete Standortvorteile - das
jüngst veröffentlichte Ranking des Schweizer Instituts IMD sei als
"aktueller Weckruf" zu sehen, Österreich falle hier von Rang 14 auf
18 zurück. Gerade im Bildungs- und Ausbildungsbereich gebe es
massiven Handlungsbedarf. "Acht von zehn Leitbetrieben in Österreich
haben heute die Sorge, dass die Diskrepanz zwischen der
Unternehmensnachfrage nach Qualifikation und dem
Qualifikationsangebot des Bildungssystems zunimmt. Bereits heute
haben bis zu drei Viertel der großen Industrieunternehmen Probleme,
ausreichend Personal in Zukunftsbereichen (F&E, Technik, Produktion)
zu finden. Ein zukunftsorientiertes Bildungssystem und eine
ausreichende Zahl an motivierten MINT-Qualifizierten wird damit immer
mehr zur Überlebensfrage des Industriestandortes Österreich", betonte
Sorger. Die Industrie stelle daher an sich selbst die Anforderung,
"uns bildungspolitisch zu engagieren, um für unsere Kinder die beste
Bildung sicherzustellen", so der IV-Präsident, der in dem
Zusammenhang Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle für dessen
Pläne dankte, den Fachhochschulsektor stärker auszubauen. "Gerade in
den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern sind
Fachhochschulen verlässliche Partner der Industrie", sagte Sorger.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0090 2011-06-29 10:36 291036 Jun 11 NGB0001 0916



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