- 03.05.2011, 15:23:06
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- OTS0235 OTW0235
Gender und Medizin: Gesundheit hat geschlechtsspezifische Aspekte Frauengesundheitsbericht 2010/2011 liegt dem Parlament vor
Wien (PK) - Die Forcierung geschlechterdifferenzierter und
frauenspezifischer Herangehensweisen im Gesundheitswesen ist
nicht nur sinnvoll, sondern dringend geboten, so das Fazit des
Österreichischen Frauengesundheitsberichts 2010/2011 (III-228
d.B.), der nun dem Parlament vorliegt. Vor dem Hintergrund der
zusammengeführten Beiträge müsse man schließlich zum Ergebnis
gelangen, dass den unterschiedlichen Bedürfnissen von Männern und
Frauen in Prävention, Diagnostik und Versorgung entsprechend
Rechnung zu tragen ist. Das bringe nicht nur mehr Lebensqualität
für alle Beteiligten, sondern könne auch zur Vermeidung von Über-
, Unter- und Fehlversorgungen beitragen, heißt es im Vorwort des
583 Seiten starken Kompendiums, dessen Handlungsanweisungen als
Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung und Umsetzung von
Maßnahmen im Bereich Frauengesundheit fungieren sollen.
Der Bericht geht dabei nicht nur auf die politischen
Rahmenbedingungen für Frauengesundheit in Österreich, sondern
auch auf die soziodemographische und epidemiologische Situation
der weiblichen Bevölkerung, ihre Lebensrealitäten und
gesundheitsbezogenen Lebensweisen sowie auf Gesundheitsförderung,
Prävention und Entwicklung der Frauengesundheitsförderung ein.
Der zeitliche Fokus liegt auf den vergangenen zehn Jahren und den
in diesem Zeitraum zu identifizierenden Entwicklungstendenzen.
Zum Nutzen von Gender Mainstreaming im Gesundheitsbereich
Da das biologische und soziale Geschlecht neben anderen Faktoren
Einfluss auf Gesundheitszustand, Risikoverhalten, Wahrnehmung von
Krankheit und Zugang zur medizinischen Versorgung nimmt, gilt es
unter Zuhilfenahme der Gender-Perspektive Ansätze zu entwickeln,
die der Verbesserung der entsprechenden Angebote für Männer und
Frauen zugutekommen. Dass es Krankheiten gibt, die aufgrund
physiologischer Voraussetzungen nur Frauen betreffen, bei einem
Geschlecht häufiger auftreten als beim anderen oder jeweils
unterschiedlich entstehen und verlaufen, müsse Anstoß geben, die
geschlechtsspezifischen Lebenswirklichkeiten auch auf diesem
Gebiet zu berücksichtigen, heißt es dazu im Bericht.
Gender Mainstreaming dürfe im Gesundheitswesen aber nicht dazu
führen, eine biologische Determiniertheit der Kategorie
Geschlecht festzuschreiben. Dass eine solche Sichtweise zu kurz
greife, werde unter anderem am Beispiel der Rehabilitation von
Herzpatientinnen deutlich: Betroffene Frauen nehmen im Vergleich
zu männlichen Herzpatienten seltener eine stationäre
Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch. Das sei allerdings nicht auf
eine schnellere Genesung, sondern vielmehr auf die Tatsache, dass
viele eine solche nicht wahrnehmen könnten, da die Haus- und
Erziehungsarbeit ehestmöglich wieder aufgenommen werden muss,
zurückzuführen. Es gelte deshalb, auch die Bedürfnisse von
Frauen, die sich vor dem Hintergrund des sozialen und kulturellen
Kontextes ergeben, zu berücksichtigen. Schließlich nehmen auch
Frauen aus niedrigen Einkommensklassen weniger häufig
Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch als Frauen aus höheren
Einkommensklassen.
Wissen und Erfahrungswissen der betroffenen Frauen seien laut
Bericht grundlegend für ihre wirkungsvolle Gesundheitsversorgung.
An evidenzbasierten PatientInneninformationen wie Broschüren und
Websites mangle es aber nach wie vor.
Zunehmende Feminisierung des Alters
Hinsichtlich der demographischen Entwicklung weist der Bericht
unter anderem auf das starke Überwiegen des Frauenanteils in den
älteren und alten Bevölkerungsschichten hin: 2009 lebten doppelt
so viele Frauen wie Männer in Österreich, die das 75. Lebensjahr
überschritten hatten. Das sei zum einen auf die höhere
Lebenserwartung von Frauen, zum anderen aber auch auf die hohen
Verluste männlicher Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg
zurückzuführen.
Die Lebenswelten von Frauen sind im Alter stärkeren Veränderungen
unterworfen, als jene der Männer. Frauen leben länger als Männer.
Auf 100 Frauen über 60 Jahre kamen nach einem Bericht aus dem
Jahr 2000 nur 66 Männer, bei den über 75-Jährigen war das
Verhältnis 100:44, ein Alter über 85 Jahren erreichten dreimal so
viele Frauen wie Männer. Allerdings wird erwartet, dass sich
diese Werte allmählich angleichen werden. Eine zunehmend
wichtigere Rolle in der gesundheitswissenschaftlichen Betrachtung
des Alters spielt deshalb der Lebenslaufansatz, der materielle,
verhaltensbezogene und psychosoziale Faktoren von der Geburt bis
ins hohe Alter berücksichtigt.
Mütter werden zunehmend älter und besser ausgebildet
Was die Fertilität anbelange, kommen Geburten bei sehr jungen und
älteren Frauen relativ selten vor, doch zeigt sich hinsichtlich
dieser Extremfälle eine unterschiedliche Entwicklung. Während
sich die Zahl der jugendlichen Mütter im vergangenen Jahrzehnt
reduzierte, gebe es bei den Müttern über 40 Jahren einen
gegenläufigen Trend zu verzeichnen: So hätten 2001 102 Mädchen
unter 15 Jahren und 848 Frauen im Alter von über 45 Jahren ihr
erstes Kind zur Welt gebracht, heißt es im Bericht. Der Anteil an
Teenager-Müttern hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten
halbiert, bleibt seit einigen Jahren aber in etwa gleich.
Das Bildungsniveau von Frauen steigt, was auch Auswirkungen auf
das Gesundheitsbewusstsein hat. Der allgemeine Trend der
steigenden Bildungsbeteiligung spiegelt sich auch bei den Müttern
wider: Konnten 1998 5,1 % der Mütter einen Universitätsabschluss
vorweisen, waren es 2008 mit 10,8 % mehr als doppelt so viele.
Dabei könne, wie der Bericht ausführt, ein positiver Zusammenhang
zwischen den Faktoren Bildung und Gesundheitsverhalten
hergestellt werden: Menschen mit hohem Bildungsniveau seien
seltener von Krankheiten betroffen, rauchten weniger, seien
sportlich aktiver und litten weniger häufig unter extremem
Übergewicht. Arbeitslose Frauen sind laut Bericht sogar 2,3 Mal
öfter von Adipositas betroffen als erwerbstätige Frauen. Positiv
mit dem Bildungsniveau korrelierten außerdem das Impfverhalten
und die Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen, zu deren
Durchführung Frauen eine durchgängig höhere Bereitschaft zeigten.
Frauen gehen durchschnittlich häufiger zum Arzt
Hervorgehoben wird im Bericht auch, dass Frauen durchschnittlich
mehr Arztbesuche aufwiesen als Männer. Die Inanspruchnahme von
InternistInnen und sonstigen FachärztInnen durch weibliche
PatientInnen nehme mit zunehmendem Alter zunächst der allgemeinen
Tendenz entsprechend zu, im höheren Alter allerdings wieder ab.
Zurückzuführen sei dieses Phänomen eventuell auf die Tatsache,
dass FachärztInnen selten Hausbesuche durchführten. Außerdem
gelte es abzuklären, wie ältere Frauen ihre gesundheitlichen
Probleme darstellten und inwieweit das Überweisungsverhalten von
AllgemeinmedizinerInnen dabei eine Rolle spiele, heißt es im
Bericht.
Auch was stationäre Aufenthalte anbelange, zeigten sich deutliche
Unterschiede zwischen den Geschlechtern: So betrafen 2008
insgesamt 18 % mehr Spitalsentlassungen aus Akut-Krankenanstalten
Frauen als Männer. Ab einem Alter von 80 Jahren übersteigt die
Zahl der Entlassungen von Frauen jene der Männer sogar um das
Doppelte bis Dreifache.
Was die Inanspruchnahme gynäkologischer Vorsorgeuntersuchungen
anbelangt, liegt Österreich laut Eurobarometer-Umfrage weit über
dem EU-Durchschnitt. Hinsichtlich der Zahl der vorgenommenen
Mammographien und Osteoporose-Vorsorgeuntersuchungen nimmt
Österreich sogar den ersten Platz ein, heißt es dazu im Bericht.
Vorsprung der weiblichen Lebenserwartung verringert sich
In den letzten beiden Jahrzehnten konnte laut Bericht eine
Verringerung hinsichtlich des Vorsprungs der weiblichen
Lebenserwartung verzeichnet werden: Betrug dieser 1981 noch 7
Jahre, waren es 1991 6,5 Jahre und 2008 5,4 Jahre. Im Jahr 2008
hielt die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern bei rund
77,6 Jahren und jene der Frauen bei 83 Jahren.
Männliche Neugeborene haben im Durchschnitt 61,7 Lebensjahre ohne
gesundheitliche Beeinträchtigung vor sich, weibliche Neugeborene
63,7 Lebensjahre, was 80 % der Gesamtlebenszeit der Männer und 76
% der Gesamtlebenszeit der Frauen entspricht. Das verdeutliche,
dass Frauen zwar länger lebten, aber auch längere Zeit
(durchschnittlich 19,4 Jahre) mit einer gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu kämpfen hätten, heißt es im Bericht.
48 % der verstorbenen Frauen erlagen Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Nach wie vor bilden Herz-Kreislauf-Erkrankungen (trotz Rückgangs
um ca. 20 % gegenüber dem Jahr 2000) die Haupttodesursache bei
Männern und Frauen. 2009 erlagen 48 % der insgesamt 40.751
verstorbenen Frauen einem solchen Leiden - ein Wert, der jenen
der Männer überstieg, obgleich die Sterblichkeit der Männer bei
allen Erkrankungen höher liegt als jene der Frauen.
An zweiter, dritter und vierter Stelle der häufigsten
Todesursachen von Frauen rangieren bösartige Neubildungen,
Erkrankungen der Atmungsorgane sowie Erkrankungen der
Verdauungsorgane. Verletzungen und Vergiftungen stellen zwar die
dritthäufigste Todesursache bei Männern (7,5 %) dar, schlagen bei
den Frauen mit einem Wert von 3,8 % allerdings geringer zu Buche.
Frauen unternehmen häufiger Suizidversuche als Männer
Die Zahl der Selbstmorde ist seit den 1980er Jahren
kontinuierlich zurückgegangen und hat 2009 einen Tiefstand von
1.273 Fällen erreicht. Der Frauenanteil an der Selbstmordrate ist
ebenfalls rückläufig und lag 2009 bei 24 %. Frauen unternehmen
jedoch häufiger Suizidversuche als Männer, weshalb man sie lange
Zeit nicht entsprechend ernst nahm. Jüngere Forschungsansätze
betonen, dass die weibliche Suizidalität vor dem Hintergrund der
gesamten psychosozialen Situation und vor allem der
Geschlechtersozialisation unter dem Aspekt der Entwicklung der
weiblichen Geschlechteridentität betrachtet werden muss. Ein
Großteil der Eigenschaften, die der suizidalen Persönlichkeit
zuzuschreiben sind, könne schließlich als Ergebnis der typisch
weiblichen Sozialisation verstanden werden, heißt es im Bericht.
Das Selbstmordrisiko nimmt laut Bericht mit steigendem Alter, vor
allem aber bei alten Männern, zu.
Frauengesundheit - eine Frage von Lebensrealitäten und
Lebensweisen
Ausführlich widmet sich der Bericht dem Thema der
gesundheitsbezogenen Lebensrealitäten und gesundheitsbezogenen
Lebensweisen von Frauen. Die unterschiedlichen Lebenslagen und
Rollen von Frauen haben ihre spezifischen gesundheitlichen
Belastungen und daraus resultierenden Auswirkungen auf die
Gesundheit. Die Beeinträchtigungen auf der physischen,
psychischen und sozialen Ebene fallen dabei je nach Altersgruppe
unterschiedlich aus.
Der Bericht stellt beispielsweise fest, dass Mädchen sich ab dem
Beginn der Pubertät weniger gesund fühlen und weniger zufrieden
mit ihrem Leben sind als gleichaltrige Burschen.
Körpernormierung, Tendenzen zur Medikalisierung und
Rollenstereotypien haben Auswirkungen auf das Gesundheits- und
Risikoverhalten von Mädchen und jungen Frauen, etwa wenn sie die
Ernährungsgewohnheiten negativ beeinflussen. Mädchen machen
weniger Bewegung als gleichaltrige Burschen.
Für Frauen im reproduktiven Alter sind Menstruation, Verhütung,
Notfallverhütung ("Pille danach") und Schwangerschaftsabbruch ein
Thema. Die Behandlung ungewollter Kinderlosigkeit wirft Fragen
auf, die in Bereiche der Biomedizin und Bioethik führen.
Schwangerschaft, Geburt und Mutterdasein haben vielfältige
medizinische Aspekte. Die Fertilitätsrate nimmt kontinuierlich
ab. Nur Wien weist seit 1991 einen kontinuierlichen Anstieg der
Geburtenrate auf. 2009 gab es insgesamt in Österreich 76.344
Geburten, auf 1.000 lebendgeborene Mädchen kamen 1.048 Jungen.
Österreich weist eine im europäischen Vergleich recht hohe Rate
an Frühgeburten auf, weshalb angeregt wird, die Konzepte der
Schwangerenbetreuung zu verändern, etwa durch intensive
Einbindung von Hebammen in die Mutter-Kind-Pass-Vorsorge. Über
die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche liegt keine österreichweite
Statistik vor, die vorliegenden Daten weisen darauf hin, dass
Österreich hier über dem westeuropäischen Durchschnitt liegt.
Der Bericht geht auch auf die spezifischen Gesundheitsaspekte von
Alleinerzieherinnen ein. Diese sind oft höheren Belastungen
ausgesetzt als Mütter in Partnerschaften, was auch zu
gesundheitlichen Problemen führen könne.
Die Bedürfnisse von Frauen in den Wechseljahren wurden lange
einseitig unter einem medikalisierenden Aspekt gesehen, das
heißt, dem konstatierten "Mangel an Sexualhormonen" wurde mit
Hormonbehandlungen begegnet. Studien sprechen aber davon, dass
der Schaden solcher Behandlungen gegenüber dem Nutzen überwiegt.
Es bedürfe daher, so die "Bremer Erklärung", eines
multidisziplinären Ansatzes, durch den die Medikalisierung der
Wechseljahre beendet wird. Die Aufwertung und Stärkung der
Selbstkompetenzen von Frauen müsse ins Zentrum zukünftiger
Konzepte der Gesundheitsförderung gerückt werden.
Das Thema der Frauengesundheit werde in der betrieblichen
Gesundheitsförderung nach wie vor selten angesprochen, hält der
Bericht fest, sie sei eine "Männerdomäne" und klammere
geschlechtsspezifische Arbeits- und Lebensbedingungen aus. Dabei
ist der Arbeitsmarkt in Österreich aber geschlechtsspezifisch
stark segregiert, und Frauen sind zu einem hohen Anteil in
schlecht bezahlten Teilzeitjobs und atypischen
Beschäftigungsverhältnissen zu finden. Neben gender- sollten auch
kulturspezifische Aspekte in die betriebliche
Gesundheitsförderung integriert werden. Migrantinnen haben
aufgrund von sprachlichen Barrieren zu vielen
Gesundheitsförderungsprojekten keinen Zugang, was insbesondere
Frauen in Niedriglohnbranchen betrifft.
Zur Gesundheitssituation von Migrantinnen hält der Bericht
außerdem fest, dass es "die Migrantin" einerseits nicht gibt,
sondern Frauen mit Migrationshintergrund, die sehr
unterschiedliche gesundheitliche Anliegen und Bedürfnisse haben.
Auch wenn repräsentative Daten dazu fehlen, ist andererseits doch
evident, dass keine Chancengleichheit im Gesundheitssystem für
Migrantinnen besteht. So nehmen sie seltener
Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch. Heute hat jedes vierte Kind,
das in Österreich zur Welt kommt, eine Mutter mit ausländischer
Staatsbürgerschaft. Die Geburtsbetreuung wird so zu einer
wichtigen Integrationsschnittstelle. Auch in diesem Fall sind es
Sprachbarrieren, die eine der größten Herausforderungen bezüglich
der transkulturellen Betreuung bilden.
Keine Berücksichtigung finden im österreichischen
Gesundheitssystem lesbische Frauen. Studien zu
Gesundheitsverhalten und Krankheitsrisiken liegen für Österreich
nicht vor, Untersuchungsergebnisse aus anderen Ländern legen aber
nahe, dass lesbische Frauen aus Angst vor Diskriminierung
seltener zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, und dass sie höheren
psychischen Belastungen, insbesondere im Coming-out Prozess,
ausgesetzt sind.
Für Menschen mit Behinderung bestehen kaum geschlechtsspezifische
Gesundheitsangebote. Frauen und Mädchen mit einer solchen
Beeinträchtigung würden aber, was die Bereiche Schwangerschaft,
Geburt und Kinder anbelange, häufig diskriminiert: Ihre sexuelle
Aufklärung, gynäkologische Versorgung und Mutterschaft beäuge die
Gesellschaft immer noch kritisch, heißt es dazu im Bericht.
Hinzuweisen gelte es aber auch darauf, dass diese Frauen häufiger
Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebten. Angesichts der
rollenspezifischen Zuschreibungen fiele es Männern mit
Behinderung außerdem leichter, eine/n Partner/in zu finden. Von
mangelnder Barrierefreiheit im Gesundheitsbereich seien jedoch
beide Geschlechter betroffen.
Verschiedene Lebenslagen führen zu spezifischen
Gesundheitsproblemen
Umfangreiches Datenmaterial findet sich im Bericht zu den
sozialen und gesundheitlichen Lebenslagen, für die es
frauenspezifische Gesundheitsprobleme und -angebote auf
unterschiedlichsten Ebenen gibt. Der Bericht behandelt im Detail
die Themen Sucht, Essstörungen und Adipositas, Wohnungslosigkeit,
Prostitution, Gewalt gegen Frauen, Frauenarmut, Frauen als
pflegende Angehörige sowie die Zusammenhänge zwischen weiblichem
Körperbild und psychischer Gesundheit.
Der durchschnittliche Alkoholkonsum hat in den letzten drei
Jahrzehnten abgenommen, doch befinden sich die
Alkoholtrinkgewohnheiten von fast 30 % der Männer und 9 % der
Frauen in Österreich eindeutig im gesundheitsschädigenden
Bereich. Jedes vierte Kind ist zudem von Alkoholproblemen seiner
Eltern betroffen. Beim Tabakkonsum ist festzustellen, dass der
Anteil der rauchenden Frauen stetig ansteigt und Frauen heute
bereits die Hälfte der RaucherInnen stellen.
Medikamentenabhängigkeit, die in Österreich etwa 150.000 Personen
betrifft, wird am häufigsten von Schlaf- und Beruhigungsmitteln
verursacht, wobei vor allem Frauen schnell problematische Mittel
verordnet bekommen und diese auch häufiger einnehmen.
Schätzungen zufolge erkranken in Österreich etwa 200.000 Frauen
einmal in ihrem Leben an Essstörungen. Anorexia nervosa
(Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und Binge Eating
Disorder (Ess-Attacken ohne Erbrechen) betreffen hauptsächlich
Frauen und Mädchen und sind keine Ernährungsstörungen, sondern
Erkrankungen mit erheblichen somatischen, psychischen und oft
sozialen Konsequenzen. Es liege in der politischen Verantwortung,
Essstörungen als ein gesellschaftliches Phänomen zu begreifen,
durch das sich die Frage gesundheitlicher Nachhaltigkeit stellt.
Eine Public Health-Initiative zur Prävention von Essstörungen
müsse drei Ebenen beachten: die gesellschaftliche Ebene, die
Ebene der MultiplikatorInnen und den individuellen,
niederschwelligen und anonymen Zugang zu Beratung, wird dazu
festgehalten.
Frauen sind in anderer Weise als Männer von Wohnungslosigkeit
betroffen, sie ist oft unsichtbar und eng verknüpft mit
struktureller Armut und den spezifisch weiblichen Armutsrisiken.
Die Wohnungslosenhilfe ist aber oft auf vorrangig männliche
Bedürfnisse ausgerichtet. Wie Wohnungslosigkeit, hat auch Gewalt
gegen Frauen eine Vielzahl von negativen Gesundheitsfolgen. Zu
den direkten körperlichen treten psychosomatische Folgen. Es
resultieren daraus oft gynäkologische Leiden und
gesundheitsgefährdende Überlebensstrategien, wie etwa
Suchterkrankungen. Akute Armut betrifft in Österreich 281.000
Frauen. Armutsgefährdung erhöht die Häufigkeit von chronischen
Krankheiten und verkürzt die Lebenserwartungen. Das bestehende
medizinische Versorgungssystem nimmt zudem auf frauenspezifische
Bedürfnisse kaum Rücksicht, wobei Armut die Zugangsbarrieren zu
Gesundheitsleistungen erhöht.
Pflege von Familienmitgliedern wird in Österreich zu 79 % von
Frauen durchgeführt. Die damit verbundenen Belastungen können
gesundheitliche und negative soziale Folgen haben, für die
Pflegenden wie auch für die Pflegebedürftigen. Die Opfer von
"Gewalt in der Pflege" sind überwiegend Frauen, die über 80 Jahre
alt sind.
Das weibliche Köperbild wird wie nie zuvor von der Propagierung
einer "normierten Schönheit" beeinflusst. Mediale weibliche
Schlankheitsbilder führen gerade bei jungen Mädchen zu
Verunsicherungen. Daraus können dann gesundheitsschädigendes
Essverhalten und Essstörungen, Depressionen und körperdysmorphe
Störungen resultieren. Der Anstieg der Inanspruchnahme von
Schönheitsoperationen ist ebenfalls damit in Verbindung zu
bringen. Für Österreich liegen dazu keine genauen Zahlen vor,
doch werden schätzungsweise zwischen 40.000 und 80.000 ästhetisch
motivierte Eingriffe pro Jahr vorgenommen.
Frauengesundheitszentren sind unverzichtbar
Die österreichischen Frauengesundheitszentren bezeichnet der
Bericht angesichts des von ihnen erbrachten Leistungsspektrums
als unverzichtbar. 2009 beschäftigten diese 38,3 (Angabe in
Vollzeitäquivalenz) MitarbeiterInnen und führten 14.906
Beratungen, persönliche Gespräche und psychotherapeutische
Sitzungen mit Frauen und Mädchen durch. Im Beratungs- und
Veranstaltungsbereich nahm man außerdem die Dienste von 261
ExpertInnen in Anspruch, die auf Honorarbasis entlohnt wurden,
heißt es im Bericht.
Medikamente wirken bei Männern und Frauen unterschiedlich
Die physiologischen Unterschiede von Männern und Frauen machen
sich besonders bei der Einnahme und Wirkung von Medikamenten
bemerkbar. Es ist bekannt, dass etwa zwei Drittel aller
Medikamente für Frauen verschrieben werden. Gewisse Medikamente,
wie Schlafmittel, Psychopharmaka, Präparate gegen Kopfschmerz und
niedrigen Blutdruck werden sogar fast nur von Frauen eingenommen,
aber viel seltener auch an Frauen getestet, obwohl Frauen oft
anders und stärker auf diese Stoffe reagieren. Unerwünschte
Nebenwirkungen betreffen vor allem Frauen in der Gruppe zwischen
20 und 40 Jahren, die aber zum Schutz möglicher Schwangerschaften
von der Erprobung neuer Arzneimittel weitgehend ausgeschlossen
bleiben. Nach Empfehlungen der Bioethikkommission sollte daher in
klinischen Forschungsprojekten auf ein ausgewogenes
Geschlechterverhältnis bei den ProbandInnen und auf die Beachtung
eines frauengerechten Studiendesigns geachtet werden. Der
Ausschluss gebärfähiger Frauen solle nur in begründeten
Ausnahmefällen, wie dem Eintritt einer Schwangerschaft, erfolgen.
Eine Vergabe von Forschungsmitteln an Projekte solle an die
Befolgung dieser Prinzipien geknüpft werden.
Handlungsempfehlungen zur Förderung der Frauengesundheit
Gender Medizin stellt eine der spannendsten Herausforderungen an
die Medizin der Zukunft dar, wird im Frauengesundheitsbericht
festgestellt. Die Auseinandersetzung damit trägt auch zur
Entwicklung von Frauengesundheitszentren bei. In diesem
Zusammenhang wurden auch Leitlinien des "Gender Friendly
Hospital" zur Implementierung von Gender Medizin im Krankenaus
entwickelt. Der Bericht schließt mit Handlungsempfehlungen zur
Förderung der Frauengesundheit in Österreich. Den Rahmen der
Handlungsempfehlungen bildet das Konzept "Gesundheit 21" der
Europäischen Region der WHO. Das Konzept, das 21 Ziele für das
21. Jahrhundert definiert, soll Bestandteil der gesundheitlichen
Entwicklungspolitik jedes Mitgliedsstaats der Region, die 51
Mitgliedsstaaten mit ca. 870 Mio. Einwohnern umfasst, werden. Die
Formulierung und die Auswahl der Zielbereiche erfolgte analog zum
inhaltlichen Aufbau des Frauengesundheitsberichts, sodass jedem
Kapitel des Berichts eine detaillierte Liste von
Handlungsempfehlungen zugeordnet ist. (Schluss)
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