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OTS0281   27. Apr. 2011, 21:41

"Ich kann alles außer hören" Abgeordnete Helene Jarmer präsentiert Autobiographie im Parlament


Wie es ist, die eigene Stimme nicht zu kennen und
noch nie bewusst Musik gehört zu haben, können sich die meisten
Menschen nicht vorstellen. Helene Jarmer weiß von dieser
Situation aus eigener Erfahrung zu berichten: Sie verlor ihr
Gehör im Alter von zwei Jahren. In ihrer heute Abend in den
Räumlichkeiten des Palais Epstein vorgestellten Biographie
"Schreien nützt nichts. Mittendrin statt still dabei" gewährt die
erste gehörlose Abgeordnete im österreichischen Parlament und
deutschsprachigen Raum tiefe Einblicke in die für die meisten
Menschen unbekannte Welt der Gehörlosigkeit.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, die in Kooperation mit
der Vereinigung der Parlamentsredakteure und -redakteurinnen zur
Präsentation des Buchs geladen hatte, erinnerte an die Angelobung
Helene Jarmers am 10. Juli 2009, seit der die Parlamentsdebatten
durch GebärdendolmetscherInnen begleitet werden. Diese nicht
zuletzt organisatorische Veränderung sei im Hohen Haus mit einem,
wie Prammer ausführte, wichtigen Lernprozess einhergegangen. Im
Zuge der bevorstehenden Generalsanierung müsse nunmehr der
nächste Schritte in Richtung eines barrierefreien Parlaments
getan werden, zeigte sie sich überzeugt. Die baulichen
Gegebenheit seien schließlich mit ein Grund, dass das Hohe Haus
die Vorgaben des Behinderteneinstellungsgesetzes noch nicht
erfülle. Was das heute präsentierte Buch anbelange, hoffe sie,
dass es die Anliegen Gehörloser einer breiten Öffentlichkeit
näherbringe und die Schwellenangst im Umgang mit behinderten
Menschen nehme. Was die Betroffenen brauchten sei schließlich
nicht Mildtätigkeit, sondern die Ermöglichung eines
selbstbestimmten Lebens, schloss Prammer.

Eva Glawischnig-Piesczek, Klubobfrau der Grünen, würdigte das
politische Engagement Helene Jarmers, das bereits vor Übernahme
ihres Abgeordnetenmandats Früchte getragen habe: Als Präsidentin
des Österreichischen Gehörlosenbundes setzte sie sich schließlich
erfolgreich für die Verankerung der Gebärdensprache in der
Bundesverfassung ein. Dank und Anerkennung gebühre Helene Jarmer
außerdem für ihre Hartnäckigkeit und ihren unermüdlichen Einsatz,
da sie nie müde werde, daran zu erinnern, dass Österreich die von
ihm ratifizierten internationalen Abkommen über die Rechte
behinderter Menschen auch umsetzen müsse. Glawischnig-Piesczek
erinnerte außerdem an die Antrittsrede Jarmers im Nationalrat,
mit der sie viele "Mauern" niedergerissen und einen Beitrag zum
Verständnis einer Gruppe geleistet habe, die nach wie vor
benachteiligt werde. Anerkennung gebühre ihrer Fraktionskollegin
aber auch dafür, dass sie es mit einigen ihrer Initiativen
geschafft habe, alle fünf im Parlament vertretenen Parteien zu
überzeugen. Den Erfolg, einen Fünf-Parteien-Antrag auf den Weg zu
bringen, könnten OppositionspolitikerInnen schließlich nur selten
für sich verbuchen. Dass dies bei wichtigen Themen wie der
Anerkennung der Taubblindheit als eigenständiger Art der
Behinderung gelungen ist, sei umso erfreulicher, schloss die
Grüne Klubobfrau.

Schauspielerin Sonja Zeisel-Muchitsch gewährte im Rahmen einer
Lesung erste Einblicke in das präsentierte Buch und die
Lebensgeschichte Helene Jarmers. Dabei erfuhren die
VeranstaltungsteilnehmerInnen, dass die Grüne Abgeordnete als
hörendes Kind gehörloser Eltern zur Welt gekommen war, sie aber
bei einem Autounfall im Alter von zwei Jahren den Gehörsinn
verlor. Vor Aufnahme ihrer politischen Tätigkeit unterrichte
Jarmer 11 Jahre als erste gehörlose Lehrerin an einer
Gehörlosenschule. Auf ihrem eigenen Bildungsweg war sie häufig
mit Barrieren konfrontiert worden: Ihr Kampf um einen
Studienplatz an einer Pädagogischen Akademie dauerte nicht nur
ein Jahr, sondern beanspruchte auch viel Kraft. Schließlich
verlangte man von der gehörlosen Studentin bereits vor Beginn des
Studiums eine Bestätigung über das Vorhandensein eines späteren
Arbeitsplatzes.

Dass LehrerInnen ohne Kenntnis der Gebärdensprache an
Gehörlosenschulen unterrichten dürfen, ist für Jarmer nicht
nachvollziehbar. Diese Tatsache trage schließlich nicht dazu bei,
die unter gehörlosen Menschen in Österreich und Deutschland hohe
Analphabetenrate zu senken. Personen mit einer solchen
Behinderung brauchten aber einen von Beginn an gleichberechtigten
Zugang zu Bildung und Sprache, stand für Jarmer außer Frage,
diesbezügliche Defizite seien schließlich nur schwer zu
beseitigen. Österreich könnte auf diesem Gebiet etwa dem Vorbild
der skandinavischen Staaten folgen.

Dass ihr im Alltag ein/e Gebärdendolmetscher/in ständig zur
Verfügung stehe, ermögliche ihr gleichberechtigte Teilhabe am
öffentlichen Leben und bedeute gelebte Inklusion, deren
Verwirklichung sie sich für alle behinderten Menschen wünsche. Da
Simultanübersetzungen im internationalen Bereich "gang und gäbe"
seien, ohne dass in diesem Zusammenhang über den sinnvollen
Einsatz von Steuergeldern "sinniert" werde, verstehe sie auch
nicht, warum man diese Frage im Falle der Gebärdensprache
aufwerfe.

Gehörlosigkeit sei eine Behinderung, aber kein Handicap - eine
Herausforderung, aber keine Schmach, wollte Jarmer auch im Rahmen
eines Gesprächs mit Johannes Huber (Vorsitzender der Vereinigung
der Parlamentsredakteure und -redakteurinnen) festgestellt
wissen. Dem Publikum gab die Grüne Abgeordnete abschließend noch
einige wichtige Gebärden auf den Weg - darunter auch jene für
Toleranz.

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie - etwas
zeitverzögert - auf der Website des Parlaments
(www.parlament.gv.at) im Fotoalbum.

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