- 21.02.2011, 12:00:14
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Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP): Wird Österreich immer mehr zur Tätergesellschaft?
PsychotherapeutInnen verurteilen inhumanen Gesetzesentwurf für Asylsuchende
Wien (OTS) - Als PsychotherapeutInnen wissen wir um die
verheerenden Folgen von Vertreibung, Krieg und Inhaftierung. Neue
Befunde zeigen, wie sich derartige Traumatisierungen auf den
Einzelnen auswirken. Am Beispiel Kosovo heute: Über 40% der ab
15-jährigen leiden an Depressionen, 22% der Bevölkerung leiden an
posttraumatischen Belastungsstörungen, psychische Erkrankungen
verursachen im Kosovo rund 30% der Arbeitsunfähigkeit, die Suizidrate
ist im internationalen Vergleich sehr hoch.* Zerrüttete Familien,
Sucht, Gewalt und die Verrohung der betroffenen Gesellschaften sind
mögliche Folgen der schrecklichen Erfahrung von Ohnmacht,
Hilflosigkeit und Angst durch Flucht, Krieg und Inhaftierung.
Besonders die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist
unter traumatisierenden Bedingungen in Gefahr.
Nun soll das Asylgesetz in Österreich neuerlich verschärft werden.
Dazu können und dürfen wir nicht schweigen! Menschen, denen keinerlei
Rechtsbruch vorgeworfen wird, sollen nunmehr bis zu 18 Monate -
früher lag die Höchstgrenze bei 10 Monaten - in Schubhaft gehalten
werden. Das gälte nun auch verstärkt für 16- bis 18-jährige
jugendliche Flüchtlinge, für die man davor bevorzugt
Unterbringungsmöglichkeiten außerhalb der Inhaftierung gesucht hat!
Die Schubhaft für junge Kinder wird nun nicht mehr von der Behörde
angeordnet. Stattdessen "dürfen" Eltern ihre Kinder mit in Schubhaft
nehmen, nützen sie diese "freiwillige" Möglichkeit nicht, werden die
Kinder von ihren Eltern getrennt und den Eltern wird die Obsorge für
ihre Kinder entzogen!
Auch das Bleiberecht für AusländerInnen soll neuerdings zu noch
größerer Unsicherheit führen. Während die Ausländerfeindlichkeit seit
Jahren spürbar und in Angst erregendem Ausmaß zunimmt und bei jedem
Wahlkampf weiter geschürt wird, sollen die neuen Gesetze die
Zwei-Klassengesellschaft nochmals zementieren. Anstatt die neuen
MitbürgerInnen wohlwollend zu akzeptieren und ihnen einen sicheren
Rahmen für ihre neue Existenz und ein friedliches Miteinander zu
bieten, soll mithilfe der neuen Gesetze die Spaltung der
Gesellschaft festgeschrieben werden.
Ein derart roher und menschenverachtender Umgang mit unseren
Mitmenschen bleibt nicht ohne Folgen auch für die
Aufnahmegesellschaft. Sind wir nicht schon die Zeugen eines Wandels
zur Tätergesellschaft? Humane und demokratische Gesinnungen werden
immer mehr ausgehöhlt, die Verrohung unserer Gesellschaft, Ignoranz,
Zynismus, zunehmende Fremdenfeindlichkeit und eine gefährliche
Menschenverachtung sind die Folgen!
Angesichts dieser bedrohlichen Entwicklung sprechen wir
PsychotherapeutInnen uns entschieden gegen den vorliegenden
Gesetzesentwurf aus! Wir wünschen uns eine humane und
gleichberechtigte demokratische Gesellschaft und fordern deshalb eine
menschliche Asylgesetzgebung, ebenso ein Bleiberecht, das
demokratisch orientierte Rechtsstaatlichkeit sowie respekt- und
würdevollen Umgang mit allen MitbürgerInnen sicherstellt.
*Ulaj Jusuf, MD: Mental Health and Psychotherapy in Kosovo. In:
International Journal of Psychotherapy, Vol. 15, 1/2011.
Rückfragehinweis:
Für die Arbeitsgruppe "Politische PsychotherapeutInnen" im ÖBVP: Mag. Irmgard Demirol, Tel.: 0650 76 444 89 Yasmin Randall, Tel.: 0660 70 765 89 Dr. Egon Urban, Tel.: 0664 275 28 75 Für die Arbeitsgruppe "Säuglings-, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie": Dr. Susanne Skriboth-Schandl, Tel.: 0699 104 67 490
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