• 26.03.2010, 11:00:14
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  • OTS0112 OTW0112

Prognose für 2010 und 2011: Träge Erholung der Konjunktur

Wien (OTS/WIFO) - Mitte 2009 stabilisierte sich die Konjunktur in
Österreich, ausgehend vom Warenexport und der Sachgütererzeugung. Die
Tendenz gewann allerdings nicht an Dynamik, auch weil bislang keine
Investitionskonjunktur in Gang kam. Deshalb wird das BIP im Jahr 2010
real um nur 1,3% expandieren. 2011 soll die Konsolidierung der
öffentlichen Haushalte einsetzen; ihre Auswirkungen auf die
gesamtwirtschaftliche Nachfrage können derzeit nur vage geschätzt
werden. Das WIFO erwartet für 2011 ein Wirtschaftswachstum von real
1,4% bei einer Arbeitslosenquote von 7,7% der unselbständig
Erwerbstätigen, einer Inflationsrate von 1,8% und einem
Finanzierungssaldo des Staates von -4% des BIP.

Seit Mitte 2009 erholt sich die Weltwirtschaft von der tiefen
Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise. Die Belebung wird von der
expansiven Geld- und Fiskalpolitik getragen und fällt vor allem in
Südostasien bereits recht kräftig aus. Allerdings ist die Lage auf
den internationalen Finanzmärkten nach wie vor labil. Im Jahr 2010
werden der Welthandel real um 10% und das weltweite BIP um 3,3%
expandieren. Die Wirtschaft der Europäischen Union (BIP +0,9%) hinkt
diesem Aufschwung nach, weil die Binnennachfrage träge bleibt und in
vielen Ländern die Wirkungen der Immobilien- und Finanzmarktkrise
anhalten; ab 2011 könnte die geplante Budgetkonsolidierung
nachfragedämpfende Effekte entfalten.

In Österreich reagierten zunächst wie für den Konjunkturaufschwung
typisch Güterexport und Sachgütererzeugung auf die internationale
Erholung - sie nehmen seit dem III. Quartal 2009 real gegenüber der
Vorperiode zu. Der Warenexport dürfte heuer real um 5% und 2011 um 6%
ausgeweitet werden. Die Impulse kommen insbesondere von der
weltmarktorientierten deutschen Exportwirtschaft. Hingegen verharren
wichtige Handelspartner in West und Ost - wie Italien oder Ungarn -
heuer in der Rezession, die Entwicklung der österreichischen Ausfuhr
wird dadurch gedämpft. Getragen von der Exportbelebung expandiert die
Wertschöpfung in der heimischen Sachgütererzeugung 2010 und 2011
jeweils real um 4,2%. Sie würde damit über den Prognosehorizont das
Niveau von 2008 noch nicht erreichen. Aufgrund des tiefen
Produktionseinbruchs gingen in der österreichischen Industrie seit
Mitte 2008 75.000 Arbeitsplätze verloren, trotz der
beschäftigungsstabilisierenden Effekte der staatlich geförderten
Kurzarbeit.

Erst die Übertragung der Export- und Industriekonjunktur auf die
Investitionstätigkeit der Unternehmen würde die Konjunktur in einen
Aufschwung überführen. Dafür fehlen wegen der ausgeprägten
Unsicherheit und der nach wie vor niedrigen Kapazitätsauslastung der
Unternehmen vorerst alle Anzeichen. Die Ausrüstungs- und
Bauinvestitionen dürften heuer neuerlich zurückgehen (real -3,0% bzw.
-1,0%) und könnten erst 2011 mäßig steigen (+4,0% bzw. +0,3%).

Die Konsumnachfrage der privaten Haushalte stabilisierte während
der Rezession die Konjunktur: Gestützt von hohen Reallohnzuwächsen,
Ausweitung der Sozialtransfers und Steuersenkungen wuchs sie leicht,
aber stetig. 2010 und 2011 werden die Nettorealeinkommen pro Kopf
etwas zurückgehen. Dazu tragen die schwächeren Gehaltsabschlüsse und
die wieder etwas höhere Inflationsrate (2010: 1,4%, 2011: 1,8%) bei.
Dennoch sollte die Konsumnachfrage begünstigt von einem geringfügigen
Rückgang des Sparanteils am verfügbaren Einkommen jeweils real um
0,7% expandieren.

Übersicht 1: Hauptergebnisse der Prognose - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12)

Zwar sorgte die Stabilisierung der Konjunktur in den letzen
Monaten für eine vorsichtige Trendwende in der
Beschäftigungsentwicklung und eine Abflachung der Zunahme der
Arbeitslosigkeit, doch die Konjunkturerholung bleibt insgesamt zu
verhalten, um einen Rückgang der Arbeitslosigkeit zu gewährleisten.
Die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise bewirkt einen Anstieg der Zahl
der Arbeitslosen (registrierte Arbeitslose und Arbeitslose in
Kursmaßnahmen) auf 360.000 im Jahr 2011 (knapp +100.000 gegenüber
2008). Die Arbeitslosenquote dürfte laut traditioneller
österreichischer Berechnungsmethode 7,7% der unselbständigen
Erwerbspersonen betragen bzw. 5,4% der Erwerbspersonen laut Eurostat.

Auch in Österreich schwächte die kräftige Ausweitung des
Budgetdefizits die Rezession ab und bremste die Arbeitsplatzverluste.
Der Finanzierungssaldo des Staates verschlechtert sich auf -4 3/4%
des BIP (2010). Für das kommende Jahr plant die Bundesregierung den
Beginn der Budgetkonsolidierung: Durch eine gleichgewichtige Kürzung
von Ausgaben und Erhöhung von Steuern im Gesamtausmaß von 3,4 Mrd.
Euro soll das Defizit auf 4% des BIP gesenkt werden. In welchem
Umfang diese Maßnahmen die Konsum- und Investitionsnachfrage dämpfen
oder über eine Verringerung der Sparquote der privaten Haushalte
abgefangen werden, kann erst nach ihrer Konkretisierung abgeschätzt
werden. Entscheidend sind hier die Wirkungen auf die Verteilung der
Einkommen und die Erwartungen von privaten Haushalten und Investoren.

Die Konjunkturerholung ist in Österreich wie in der EU noch labil
und unterliegt einer Reihe von Risken, vor allem bezüglich des
internationalen Umfelds. Entscheidend wird sein, ob ein starker
Aufschwung der Investitionstätigkeit der Unternehmen einsetzt, bevor
mögliche nachfragedämpfende Effekte der zeitgleichen
Budgetkonsolidierung in allen EU-Ländern wirksam werden.

Methodische Hinweise und Kurzglossar

Periodenvergleiche

Zeitreihenvergleiche gegenüber der Vorperiode, z. B. dem
Vorquartal, werden um jahreszeitlich bedingte Effekte bereinigt. Dies
schließt auch die Effekte ein, die durch eine unterschiedliche Zahl
von Arbeitstagen in der Periode ausgelöst werden (etwa Ostern). Im
Text wird von "saison- und arbeitstägig bereinigten Veränderungen"
gesprochen.

Die Formulierung "veränderte sich gegenüber dem Vorjahr . . ."
beschreibt hingegen eine Veränderung gegenüber der gleichen Periode
des Vorjahres und bezieht sich auf unbereinigte Zeitreihen.

Die Analyse der saison- und arbeitstägig bereinigten Entwicklung
liefert genauere Informationen über den aktuellen Konjunkturverlauf
und zeigt Wendepunkte früher an. Die Daten unterliegen allerdings
zusätzlichen Revisionen, da die Saisonbereinigung auf statistischen
Methoden beruht.

Reale und nominelle Größen

Die ausgewiesenen Werte sind grundsätzlich real, also um
Preiseffekte bereinigt, zu verstehen. Werden Werte nominell
ausgewiesen (z. B. Außenhandelsstatistik), so wird dies eigens
angeführt.

Inflation, VPI und HVPI

Die Inflationsrate misst die Veränderung der Verbraucherpreise
gegenüber dem Vorjahr. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist ein
Maßstab für die nationale Inflation. Der Harmonisierte
Verbraucherpreisindex (HVPI) ist die Grundlage für die vergleichbare
Messung der Inflation in der EU und für die Bewertung der
Preisstabilität innerhalb der Euro-Zone (siehe auch
http://www.statistik.at/).

WIFO-Konjunkturtest und WIFO-Investitionstest

Der WIFO-Konjunkturtest ist eine monatliche Befragung von rund
1.100 österreichischen Unternehmen zur Einschätzung ihrer aktuellen
und künftigen wirtschaftlichen Lage. Der WIFO-Investitionstest ist
eine halbjährliche Befragung von Unternehmen zu ihrer
Investitionstätigkeit (http://www.itkt.at/). Die Indikatoren sind
Salden zwischen dem Anteil der positiven und jenem der negativen
Meldungen an der Gesamtzahl der befragten Unternehmen.

Arbeitslosenquote

Österreichische Definition: Anteil der zur Arbeitsvermittlung
registrierten Personen am Arbeitskräfteangebot der Unselbständigen.
Das Arbeitskräfteangebot ist die Summe aus Arbeitslosenbestand und
unselbständig Beschäftigten (gemessen in
Standardbeschäftigungsverhältnissen). Datenbasis: Registrierungen bei
AMS und Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.

Definition gemäß ILO und Eurostat: Als arbeitslos gelten Personen,
die nicht erwerbstätig sind und aktiv einen Arbeitsplatz suchen. Als
erwerbstätig zählt, wer in der Referenzwoche mindestens 1 Stunde
selbständig oder unselbständig gearbeitet hat. Personen, die
Kinderbetreuungsgeld beziehen, und Lehrlinge zählen zu den
Erwerbstätigen, nicht hingegen Präsenz- und Zivildiener. Die
Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an allen
Erwerbspersonen (Arbeitslose plus Erwerbstätige). Datenbasis:
Umfragedaten von privaten Haushalten (Mikrozensus).

Begriffe im Zusammenhang mit der österreichischen Definition der
Arbeitslosenquote

Personen in Schulungen: Personen, die sich zum Stichtag in
AMS-Schulungsmaßnahmen befinden. Für die Berechnung der
Arbeitslosenquote wird ihre Zahl weder im Nenner noch im Zähler
berücksichtigt.

Unselbständig aktiv Beschäftigte: Zu den "unselbständig
Beschäftigten" zählen auch Personen, die Kinderbetreuungsgeld
beziehen, sowie Präsenz- und Zivildiener mit aufrechtem
Beschäftigungsverhältnis. Zieht man deren Zahl ab, so erhält man die
Zahl der "unselbständig aktiv Beschäftigten".

Rückfragehinweis:
Mag. Dr. Markus Marterbauer
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-303 * Fax. +43 1 798 93 86
mailto:[email protected]

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