Innsbruck (OTS) - Zugegeben. Es wäre naiv gewesen, hätten wir
geglaubt, dass der lange erwartete Hirtenbrief zu den jahrelang
vertuschten Fällen von sexuellem Missbrauch (in Irland) vom Papst
dazu genützt werden würde, offen über notwendige Reformen in der
katholischen Kirche zu sprechen. Denn dann hätte das Kirchenoberhaupt
auch das streng hierarchische System der 2000 Jahre alten Kirche
ansprechen müssen. Ein System also, welches erst dazu beigetragen
hat, dass es so langer Zeit bedurfte, das Dunkel hinter den
Kirchenmauern auszuleuchten.
Benedikt XVI. ist zweifellos ein intellektueller Papst, aber er
ist kein intelligenter Krisenmanager. Das hat er schon mehrmals unter
Beweis gestellt. Trotzdem hat er doch auch überraschend scharfe Worte
gefunden. Wenn der Papst sich direkt an die (leider nur irischen)
Priester und Ordensleute wendet, dann findet er hierfür doch einen
Ton der Klarheit: "Ihr habt das Vertrauen verraten, das unschuldige
Jugendliche und ihre Eltern in Euch gesetzt haben; Ihr habt die
Achtung des Volks verspielt; Ihr habt Schande auf Eure Mitbrüder
ergossen. Ihr müsst Euch dafür verantworten vor dem allmächtigen Gott
und den weltlichen Gerichten."
Die Kirche hat in Irland und auch in Österreich viel zu viele
Kinderseelen zerstört, als dass man sich nur mit einer aufrichtig
gemeinten Entschuldigung des Kirchenoberhaupts abfinden könnte. Die
Kirche muss sich, will sie als Institution nicht untergehen oder als
Sekte verkommen, die Ursachen für diesen unsäglichen Skandal
erforschen. Papst Benedikt hat in seinem Schreiben zumindest erkennen
lassen, dass es mehr Licht benötigt. Ja, Aufklärung! Was nun also
einsetzen müsste, ist ein breiter öffentlicher Diskurs. Vielleicht
ist es naiv zu glauben, dass dieser Prozess zu einer offenen Kirche
führt. Aber noch sollten wir den Glauben nicht verloren haben.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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OTS0056 2010-03-20/20:10
202010 Mär 10
PTT0002 0316