OTS0267 / 17.03.2010 / 17:26 / Channel: Politik / Aussender: Parlamentsdirektion
Stichworte: Bologna-Prozess / Parlament / Universitäten / Wissenschaftsausschuss


Wissenschaftsausschuss diskutiert über Bologna-Architektur Anträge der Opposition vertagt =


   Wien (PK) - Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Bologna-
Konferenz, die am 11. und 12. März 2010 in Budapest und Wien 
stattgefunden hatte, standen heute im Zentrum einer Aktuellen 
Aussprache mit Bundesministerin Beatrix Karl im 
Wissenschaftsausschuss.
Karl, die dem Ausschuss ein 10-Punkte-Programm zur Verbesserung 
der Umsetzung der durch Bologna vorgegebenen Richtlinien 
vorlegte, hielt die hinter diesem Modell stehende Idee für eine 
gute. Es sei jedoch nicht zu leugnen, dass es Umsetzungsprobleme 
gebe, räumte sie ein. Dies habe auch die Konferenz, die sich vor 
allem der Evaluierung des Bologna-Prozesses annahm, deutlich 
gezeigt.
"Bologna reloaded" - 10-Punkte-Programm der Ministerin
Als Antwort auf jene Umsetzungsschwierigkeiten, mit denen der 
österreichische Hochschulsektor konfrontiert ist, legte die 
Bundesministerin einen zehn Punkte umfassenden Maßnahmenkatalog 
vor. Dieser sieht eine vertiefende Problemanalyse mit Bologna-
ExpertInnen und -koordinatorInnen, die Einsetzung einer Task 
Force zur Weiterentwicklung der Curricula unter besonderer 
Berücksichtigung von Best-Practice Beispielen und die Erarbeitung 
von Qualifikationsprofilen unter Einbindung der Sozialpartner 
vor. 
Weitere Punkte betreffen die Forcierung des Austauschs zwischen 
BMWF und den Curricular-Kommissionen, die Weiterentwicklung der 
nationalen Bologna-follow-up-Gruppe, die Einbeziehung der 
Bologna-Umsetzung in das Konzept der Qualitätssicherung und -
entwicklung und die gezielte öffentliche Präsentation von Best-
Practice Beispielen. Weiters ist die Einsetzung von 
Arbeitsgruppen in den Bereichen Jus, Pharmazie und technische 
Studien betreffend eine Diskussion über die Möglichkeit der 
Einführung 3- oder 4-jähriger Bachelorstudien geplant. Wo dies 
notwendig sei, solle außerdem über eine Harmonisierung des 
Berufsrechts mit der Bologna-Studienarchitektur beraten werden. 
Mit den letzten beiden Punkten des Programms möchte die 
Ministerin die Anerkennung des Bachelor als vollwertigen 
akademischen Titel im öffentlichen Dienst und die Studierenden- 
und Lehrendenmobilität durch Optimierung der Anrechenbarkeit 
forcieren.
Ziel des Maßnahmenkatalogs sei es, die bestmögliche Ausbildung 
für alle Studierenden zu gewährleisten, meinte Karl.
Die Bologna-Konferenz und ihre Ergebnisse
Weitgehende Einigkeit bestand zwischen allen Fraktionen 
hinsichtlich der Bewertung der hinter Bologna stehenden 
Grundidee. Diese sei gut, doch orteten die Parteien Probleme bei 
der Umsetzung der neuen Studienarchitektur. Für Abgeordneten Kurt 
Grünewald (G) stand etwa fest, dass die Geschwindigkeit, mit der 
sie implementiert wurde, zu Fehlern geführt habe. Und auch die 
Abgeordneten Katharina Cortolezis-Schlager (V), Andrea Kuntzl (S) 
und Rainer Widmann (B) sprachen in ihren Wortmeldungen von 
Umstellungsproblemen, die durch Nachbesserungen behoben werden 
sollten. Dies betreffe vor allem den Bereich der Mobilität. 
Kuntzl wollte in diesem Zusammenhang wissen, ob die Ministerin 
eine tiefgreifende Evaluierung unter Einbeziehung aller 
Beteiligten anstrebe, was Karl bejahte. 
Laut Auffassung der Ministerin bedürfe es aber auch einer 
Versachlichung der Diskussion um den Bologna-Prozess, da nicht 
alle Missstände auf seine Vorgaben zurückzuführen seien. Die oft 
beklagte Verschulung des Hochschulwesens dürfe nicht Bologna in 
die Schuhe geschoben werden, sondern gehe auf das Konto der 
Universitäten, betonte Karl. Hinsichtlich der Förderung der 
Studierendenmobilität hielt Karl fest, dass sie die Beseitigung 
von Anrechnungsproblemen durch die Erhöhung des Anteils an 
Wahlfächern als gangbaren Weg betrachte.
In Beantwortung der Fragen der Abgeordneten Andrea Kuntzl (S) und 
Kurt Grünewald (G) in Bezug auf das Spannungsfeld Autonomie der 
Universitäten und Notwendigkeit, in den Prozess der Umsetzung der 
neuen Studienarchitektur einzugreifen, antwortete Karl mit 
Verweis auf die Aufsichtspflicht des Bundesministeriums 
hinsichtlich Qualitätssicherung. 
Dass keine ParlamentarierInnen zur Bologna-Konferenz eingeladen 
wurden, führte zu heftiger Kritik seitens der Abgeordneten 
Andreas Karlsböck, Walter Rosenkranz, Martin Graf (alle F), Kurt 
Grünewald (G) und Rainer Widmann (B). Widmann merkte in diesem 
Zusammenhang auch an, dass der Bologna-Prozess einer 
demokratischen Legitimation bedürfe, die durch den Ausschluss der 
nationalen Parlamente aus der Diskussion nicht erzielt werde. Auf 
das Einbeziehen der nationalen Parlamente in den 
Entscheidungsprozess drängte auch Ausschussobmann Martin Graf. 
Ihm zufolge greife es zu kurz, die parlamentarische Diskussion 
über Bologna auf den Wissenschaftsausschuss zu beschränken. 
Abgeordnete Katharina Cortolezis-Schlager (V) wies hingegen 
darauf hin, dass die Einbindung aller nationalen Parlamente im 
Rahmen einer internationalen Tagung aus Ressourcengründen nicht 
möglich sei.
Wie Bundesministerin Beatrix Karl festhielt, sei die Entscheidung 
über die Einladung zur Teilnahme auf Basis internationaler 
Reglements, die die Bologna Follow-up-Gruppe für sich festgesetzt 
habe, erfolgt. Kritik seitens der FPÖ, wonach Kammervertreter 
eingeladen worden seien, begegnete sie mit dem Hinweis, dass nur 
Mitglieder der europäischen, nicht aber der österreichischen 
Follow-up-Gruppe teilgenommen hätten. In Beantwortung einer Frage 
des Abgeordneten Johannes Schmuckenschlager (V) hielt die 
Ministerin außerdem fest, dass der public space, der zur 
öffentlichen Diskussion während der Tagung eingerichtet worden 
war, von den Studierenden leider nur wenig Zuspruch erhielt.
Die im Programm der Bundesministerin verankerte Zielsetzung der 
Forcierung der Anerkennung des Bachelor im öffentlichen Dienst 
wurde im Ausschuss kontrovers diskutiert. Abgeordneter Kurt 
Grünewald (G) wollte die Frage der besseren Besoldung von 
Bakkalaureats-AbsolventInnen an budgetäre Möglichkeiten gekoppelt 
sehen. Er trat dafür ein, den Bachelor nicht als 
Regelstudienabschluss der Zukunft zu betrachten, da dies die 
Universitäten in ihren Grundfesten erschüttern würde. 
Ausschussobmann Martin Graf zweifelte daran, dass die Umsetzung 
der Bologna-Studienarchitektur, die nun verpflichtend sei, in 
allen Studienrichtungen Sinn mache. Sein Fraktionskollege Gerhard 
Deimek (F) hielt fest, dass Kenntnisse zwar wichtiger seien als 
Abschlüsse, wollte den Bachelor jedoch nicht mit dem Master 
gleichgesetzt wissen. Ihm zufolge sei es auch unwahrscheinlich, 
dass die Wirtschaft nachziehe, wenn der öffentliche Dienst 
BakkalaureatsabsolventInnen besser entlohne.
Abgeordnete Andrea Kuntzl (S) sprach sich für die Verankerung des 
Bachelor als vollwertigen akademischen Abschluss sowohl im 
öffentlichen Dienst als auch im wirtschaftlichen Bereich aus und 
wollte wissen, ob die Ministerin Maßnahmen zur Verringerung der 
Studierendenzahlen in den Masterstudien in Aussicht nehme. 
Abgeordnete Anna Franz (V) fragte in diesem Zusammenhang nach 
angedachten Maßnahmen zur Beschleunigung der Anerkennung des 
Bachelor als vollwertigen Studienabschluss.
In Beantwortung dieser Fragen betonte die Wissenschaftsministerin 
erneut die Notwendigkeit, diesen Prozess zu forcieren, und hielt 
in Richtung Abgeordnetem Grünewald fest, dass es sich um ein 
"under graduate"-Studium handle, nicht aber um einen "under 
graduate"-Abschluss. Wer eine wissenschaftliche Karriere in 
Aussicht nehme, könne das Masterstudium auch in Zukunft direkt an 
den Bachelor anschließen. Bereits bestehende Diplomstudien 
könnten außerdem weitergeführt, neue aber nicht mehr 
implementiert werden. 
Ausschussobmann Martin Graf (F) thematisierte die seitens der 
Ministerin geübte Kritik an Massenuniversitäten. Diese Position 
stehe im Widerspruch zur Zielsetzung der Steigerung der 
AkademikerInnenquote. Problematisch sei in diesem Zusammenhang 
vielmehr, dass Lehrende Nebentätigkeiten nachgingen, die ihre 
Zeitressourcen erheblich beschränkten. Ähnlich äußerte sich 
Abgeordneter Kurt Grünewald (G), der anmerkte, dass 
forschungsgeleitete Lehre trotz großer Studierendenzahlen möglich 
sei. Auch Abgeordnete Sabine Oberhauser (S) hielt Beschränkungen 
bei zeitgleichen Bemühungen, die AkademikerInnenquote zu erhöhen, 
für nicht sinnvoll. Ihr zufolge solle man sich eher um den Ausbau 
von Massenstudien bemühen. Auch ihre Fraktionskollegin Andrea 
Kuntzl (S) vertrat diese Ansicht und plädierte dafür, mehr junge 
Menschen zu fördern statt abzuweisen. Abgeordnete Katharina 
Cortolezis-Schlager (V) meinte hingegen, die Nachfrage solle auf 
ein breiteres Spektrum an Studien verteilt werden. Um dieses Ziel 
zu erreichen, müsse SchülerInnen die ganze Palette an 
Studienmöglichkeiten offengelegt werden.
Laut Wissenschaftsministerin Karl sollten die Hochschulen sowohl 
Bildung als auch Ausbildung bereitstellen. Hierzu sei es aber 
erforderlich, Forschung und Lehre aufrechtzuerhalten, was vor 
allem in den Massenstudien ein Problem darstelle. Es handle sich 
dabei nicht allein um ein Ressourcenproblem, betonte Karl, es 
gehe auch um die Qualität der Lehre, die in den großen Studien 
heute vorwiegend von LektorInnen und AssistentInnen getragen 
werde. Diese seien aufgrund der enormen Belastung aber in ihrer 
wissenschaftlichen Arbeit beschränkt. Der Kritik an 
Nebenbeschäftigungen von Lehrenden hielt Karl entgegen, dass die 
Universitäten bereits mit Veränderungen in den Dienstverträgen 
auf Missstände antworteten. Außerdem sei es auch wichtig, 
PraktikerInnen einzubinden.
Die Fragen der Abgeordneten Sabine Oberhauser (S) bezüglich 
erschwerter Vereinbarkeit von Studium und Berufstätigkeit und der 
Abnahme der Frauenquote in den Masterstudien beantwortete Karl 
mit Verweis auf die Ergebnisse der Studierendensozialerhebung, 
die sie dem Parlament noch vor dem Sommer vorlegen wolle. Auch 
die Frage der Abgeordneten Heidrun Silhavy (S), die sich nach der 
Entwicklung der Mobilität im Rahmen des Bakkalaureatsstudiums 
erkundigte, beantwortete Karl mit Verweis auf die Sozialerhebung. 
In diesem Zusammenhang hielt Abgeordneter Rainer Widmann (B) 
fest, dass das Studium nicht zu einem Privileg werden dürfe. 
Maßnahmen in Bezug auf die Pädagogischen Hochschulen, nach denen 
Abgeordneter Elmar Mayer (S) gefragt hatte, würden im 
Abschlusspapier der Expertengruppe, den Bundesministerin Claudia 
Schmied präsentieren wird, besprochen. 
Vertagung zahlreicher Anträge der Opposition
Die ebenfalls auf der Tagesordnung stehenden Anträge der 
Opposition wurden mehrheitlich vertagt.
Das betrifft die beiden Entschließungsanträge der Grünen zum 
Thema Qualitätsverbesserung an österreichischen Hochschulen 
(844/A[E]) und betreffend sofortiges Notbudget von 200 Mio. Euro 
für die Universitäten (845/A[E]). Dieser Vertagung stimmten SPÖ, 
ÖVP, FPÖ und Grüne zu.
Die Anträge der FPÖ, in denen sie eine Uni-Milliarde fordert 
(848/A[E]), einen 12-Punkte-Plan für die Universitäten vorlegt 
(858/A[E]) und mehr Geld für FH-Studienplätze verlangt (419/A[E]) 
sowie der Antrag des BZÖ hinsichtlich einem "UNI-Bonus" und einer 
"UNI-Card" (854/A[E]) wurden mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und 
Grünen vertagt.
Abgeordneter Kurt Grünewald (G) begründete seine Zustimmung zur 
Vertagung damit, dass jeder dieser Anträge einer ausführlichen 
Diskussion bedürfte, wofür die Zeit im heutigen Ausschuss nicht 
vorhanden sei. Er schloss sich auch der Forderung des 
Ausschussvorsitzenden Martin Graf (F) nach Einsetzung eines 
Unterausschusses an. 
Sowohl Abgeordneter Graf als auch sein Klubkollege Walter 
Rosenkranz (beide F) kritisierten die Vertagungen vehement. 
Anträge wie der 12-Punkte-Plan der FPÖ oder die Frage der 
Finanzierung wären wert, in einem Unterausschuss eingehend 
behandelt zu werden, argumentierten sie. Auch Abgeordneter Rainer 
Widmann (B) forderte die Regierungsfraktionen auf, die Anträge zu 
behandeln und abzustimmen.
Die Abgeordneten der Regierungsfraktionen Andrea Kuntzl (S) und 
Katharina Cortolezis-Schlager (V) wiesen auf den derzeit 
laufenden Hochschuldialog hin, der in eine intensive Phase 
getreten sei. Dieser sollte abgewartet werden und im Herbst 
könnte man dann die ExpertInnen zu einer Diskussion in den 
Ausschuss einladen, meinten sie. 
Ebenso sprach sich die Mehrheit der Ausschussmitglieder für eine 
Vertagung jener Anträge aus, in denen sich FPÖ (514/A[E]) und BZÖ 
(720/A[E]) für die Errichtung einer Medizin-Universität in Linz 
aussprechen. 
Abgeordneter Rainer Widmann (B) erinnerte an die wiederholten 
Resolutionen des oberösterreichischen Landtags und hielt fest, 
dass man in Zukunft für MedizinerInnen rund 800 Ausbildungsplätze 
mehr brauchen werde.
Abgeordneter Kurt Grünewald (G) gab dem gegenüber zu bedenken, 
dass den Universitäten derzeit rund eine Milliarde Euro fehlt. 
Eine vierte Medizin-Universität würde enorme Kosten verursachen. 
Die bestehenden drei Medizin-Universitäten hätten nach ihrer 
Herauslösung ohnehin mit großen finanziellen Problemen zu 
kämpfen, sagte er. Die Forschung im klinischen Bereich finde zum 
Großteil in der Freizeit statt. Vielfach finanziere der Bund über 
das Universitätsbudget die Krankenversorgung der Bundesländer, 
bemerkte Grünewald und sprach damit einmal mehr das Problem des 
klinischen Mehraufwands an.
Für Abgeordnete Sabine Oberhauser (S) waren noch zu viele Fragen 
offen, um zu einer Entscheidung kommen zu können, insbesondere, 
was die Finanzierung und Strukturierung betrifft.
Schließlich wurde auch der Antrag der FPÖ betreffend Bündelung 
der Forschungskompetenzen in einem Ministerium (415/A[E]), der 
Antrag der Grünen nach Erhöhung des Regelbudgets und einer 
international vergleichbaren und konkurrenzfähigen 
Finanzierungssicherheit des FWF (467/A[E]) sowie der Antrag der 
FPÖ betreffend E-Voting (452/A[E]) mit den Stimmen von SPÖ und 
ÖVP vertagt.
Abgeordneter Heribert Donnerbauer (V) machte geltend, dass 
hinsichtlich des E-Votings bei der letzten Hochschülerschaftswahl 
ein Verfahren laufe, das man abwarten sollte. Das Ergebnis dieses 
Verfahrens würde dann eine interessante Diskussionsgrundlage 
bilden, meinte er. Dem schloss sich zwar Abgeordnete Andrea 
Kuntzl (S) an. Sie machte aber ihre Bedenken gegen diese Art zu 
wählen deutlich. Auch Abgeordneter Rainer Widmann (B) äußerte 
große Skepsis hinsichtlich des E-Votings, worauf Abgeordnete 
Karin Hakl (V) anmerkte, für viele berufstätige Studierende 
stelle diese Form des Wählens eine Erleichterung dar. Jede 
zusätzliche Möglichkeit, sein demokratisches Recht wahrzunehmen, 
sei ein Gewinn, meinte sie. Abgeordneter Walter Rosenkranz 
bemerkte, in dieser Frage gehe es nicht nur um die Zulässigkeit 
des E-Votings, sondern auch darum, ob man diese Wahlmöglichkeit 
auch wolle. (Schluss)
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