- 11.03.2010, 22:02:32
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Quadriga03: "Die Arbeit und ihr Preis" Buchpräsentation und Podiumsdiskussion im Hohen Haus
Wien (PK) - Im vergangenen Jahr startete die neue
Buchpräsentationsreihe Quadriga im Parlament. Jeweils vier Bücher zu
einem aktuellen Thema sollen im Hohen Haus vor Publikum präsentiert
und gleichzeitig von vier ExpertInnen diskutiert werden. Beim
heutigen dritten Teil der Reihe stand das Thema Arbeit im
Mittelpunkt. Unter dem Titel "Exzellenz, Flexibilität, Prekariat: Die
Arbeit und ihr Preis" diskutierten AMS-Chef Herbert Buchinger,
Management-Trainerin Katharina Fischer-Ledenice, Trendforscher Holm
Friebe sowie Verkäuferin und Buchautorin Ulrike Schramm-de Robertis
unter der Moderation von Zita Bereuter (FM4) und Peter Zimmermann
(Ö1) im Palais Epstein über vier Buchneuerscheinungen. Unter anderem
ging es um die Auswirkungen der Globalisierung auf den Arbeitsmarkt,
die neue Eigenverantwortung der ArbeitnehmerInnen und den zunehmenden
Verlust von Sicherheiten. Lassen sich noch Lebens- und Karrierepläne
erstellen und schafft Arbeit überhaupt noch Identität, lauteten zwei
der Fragestellungen.
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer hob im Rahmen der Begrüßung
hervor, dass das Thema Arbeit immer im Brennpunkt stehe. Gerade in
Zeiten der Wirtschaftskrise und der weltweit steigenden
Arbeitslosenzahlen rücke es aber noch stärker ins Zentrum, betonte
sie. Es gebe viele neue Phänomene in der Arbeitswelt, seien es die
zunehmenden prekären Beschäftigungsverhältnisse oder die "working
poor". Was Prammer in Österreich besonders irritiert, ist, wie sie
sagte, das "unglaublich hohe Ausmaß" an Teilzeitarbeit mit oft sehr
wenigen Wochenstunden.
Peter Zimmermann hielt eingangs der Diskussion fest, das Sein des
Menschen definiere sich seit jeher am Tätigsein. Was Arbeit sei,
lasse sich aber nicht so einfach sagen, meinte er. In den sechziger
und siebziger Jahren sei klar gewesen, dass Arbeit Wohlstand,
Sicherheit und Identität schaffe, ergänzte Zita Bereuter, ab den 80er
Jahren war es damit aber langsam vorbei. Arbeit bedeute heute, so das
Moderatorenduo, möglichst grenzenloser Einsatz, lebenslanges Lernen,
Flexibilität, Mobilität und gleichzeitig den allmählichen Verlust von
Sicherheiten. Jeder sei ersetzbar geworden, Menschen würden in erster
Linie als Humankapital betrachtet.
Ulrike Schramm-de Robertis, Verkäuferin und Filialleiterin eines
Lebensmitteldiscounters und Autorin des Buches "Ihr kriegt mich nicht
klein!", schilderte ihre Erfahrungen in der Arbeitswelt. Als
Filialleiterin einer Lidl-Filiale habe sie wegen konsequenten
Personalmangels laufend unbezahlte Überstunden machen müssen und sei
auch am Sonntag im Geschäft gestanden, um zu putzen, erzählte sie. Am
schlimmsten sei aber der Umgang des Verkaufsleiters mit den
MitarbeiterInnen gewesen, ständig sei man gedemütigt und fast "wie
Dreck" behandelt worden.
Schramm-de Robertis hat sich das wegen ihrer Kinder lange gefallen
lassen, schließlich aber aufbegehrt und sich daran gemacht, die
Situation zu verbessern. Es ist ihr aufgrund des geschlossenen
Auftretens der MitarbeiterInnen gelungen, einen Betriebsrat zu
gründen, jetzt sei ihre Filiale ein "gallisches Dorf" im Konzern.
Wobei mittlerweile auch andere Filialen nachgezogen hätten und es
insgesamt bereits 6 Betriebsräte gebe. Reagiert hat Schramm-de
Robertis zufolge auch das Unternehmen, das jetzt jede Überstunde
bezahle, VerkaufsleiterInnen in Schulungen schicke und die
Datenschutzbestimmungen einhalte. Sie ist überzeugt, dass auch der
Konzern von ihrem Engagement profitiert hat, schließlich hebe er sich
nun positiv von anderen Discountern ab.
Katharina Fischer-Ledenice, Leiterin des Hernstein-Instituts für
Management und Leadership, machte geltend, dass die österreichische
Wirtschaft stark von kleinen und mittelständischen Unternehmen
geprägt sei, wo grundsätzlich eine andere Unternehmenskultur herrsche
als in großen Konzernen. Der Umgang mit den Beschäftigten sei in
diesen Betrieben meist ein anderer. Beim Management-Training im
Hernstein-Institut wird laut Fischer-Ledenice immer wieder über das
Menschenbild diskutiert, das ein Manager von seinen Mitarbeitern hat,
schließlich gehe es vorrangig darum, diese zu motivieren und nicht zu
kontrollieren. Zum Thema prekäre Arbeitsverhältnisse merkte Fischer-
Ledenice an, gerade bei Einpersonenunternehmen seien
Selbstausbeutung, durchgearbeitete Wochenenden und Unsicherheiten
durch Auftragslücken ein gängiges Phänomen.
Herbert Buchinger, Vorstand des Arbeitsmarktservice, wandte sich
dagegen, das Problem der prekären Beschäftigungsverhältnisse zu
dramatisieren. Es gebe zwar Probleme an der Schnittstelle zwischen
der Beendigung der Ausbildung und dem Beginn des Berufslebens, wo
vermehrt befristete Projektarbeit und Praktikantenverhältnisse zu
beobachten seien, meinte er, generell widersprechen empirische Daten
seiner Darstellung nach aber dem Befund, dass prekäre Arbeit zunimmt.
So sind ihm zufolge voll sozialversicherungspflichtige
Beschäftigungsverhältnisse in den letzten 30 Jahren stetig
angestiegen. Leiharbeit, freie Dienstverhältnisse oder Teilzeitarbeit
an sich als prekäre Arbeit zu definieren, lehnte Buchinger ab, wofür
er sich deutlichen Protest von Seiten des Publikums einhandelte.
Eine große Herausforderung für den Staat und die Gesellschaft sieht
Buchinger im Bereich der Aus- und Weiterbildung. Man brauche besser
qualifizierte Arbeitskräfte, bekräftigte er und untermauerte dies mit
dem Umstand, dass die Arbeitslosigkeit über die letzten 20 Jahre
gerechnet ausschließlich im Bereich der ungelernten Arbeitskräfte
gestiegen sei. Die wissensbasierte Produktion der Zukunft brauche, so
Buchinger, hohe Problemlösungskompetenz. Die Menschen müssten
befähigt werden, den gesellschaftlichen und technologischen Wandel
mitzumachen.
Buchinger sieht aber auch die Betroffenen selbst gefordert. Das Motto
der österreichischen Sozialpolitik laute "fördern und fordern",
unterstrich er. Jeder, der Hilfe vom Staat bekomme, sei auch
verpflichtet, alles zu tun, um aus seiner Notlage wieder
herauszukommen. In diesem Sinn befürwortete Buchinger strenge
Zumutbarkeitsbestimmungen für Arbeitslose.
Holm Friebe, Trendforscher und Autor des Buches "Wir nennen es
Arbeit", äußerte sich zu manchen Befunden Buchingers skeptisch. Nicht
jeder sei in der Lage, "seines Glückes Schmied" zu sein,
argumentierte er. Zudem zeigt sich ihm zufolge deutlich, dass das
Phänomen der Prekarisierung heute nicht mehr nur die "Unterschicht"
betrifft, sondern vielmehr, zumindest in Deutschland, in jeder Stufe
rund 20 % der Existenzen "prekarisiert" seien.
Generell sprach sich Friebe dafür aus, jungen Menschen Mut zu machen
und sie bei der Selbstverwirklichung zu unterstützen und nicht mit
schlechten Zukunftsaussichten einzuschüchtern. Solo-Selbständige und
Freiberufler hätten immerhin den Vorteil, Herr über die eigene Arbeit
zu sein und keine fixen Arbeitszeiten zu haben, skizzierte er. Diese
Art von Arbeit habe sich außerdem als krisenresistenter erwiesen als
so manche Fixanstellung. AMS-Chef Buchinger gab allerdings zu
bedenken, dass man in den meisten Branchen nur dann keinen
Arbeitgeber brauche, wenn man selbst eine solide Kapitalausstattung
habe.
Als Grundlage für die Podiumsdiskussion dienten folgende
Buchneuerscheinungen:
Gunter Dueck, Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden
müssen, Eichborn Verlag; David Pfeifer, Der Strand der Dinge, DuMont
Buchverlag; Ulrike Schramm-de Robertis und Daniel Behruzi, Ihr kriegt
mich nicht klein! Eine Discounter-Angestellte kämpft um ihre Rechte,
KiWi Verlag; Felix Heidenreich, Jean C. Monod und Angela Osten
(Hrsg.), Arbeit neu denken, LIT Verlag. (Schluss)
HINWEIS: Fotos von der Veranstaltung finden Sie - etwas zeitverzögert
- auf der Website des Parlaments im Fotoalbum: www.parlament.gv.at.
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