Wien (OTS) - Auch Missbrauchsopfer müssen lange Wartezeiten in
Kauf nehmen, um zu einer Therapie zu kommen. Oft werden sie auch
nicht als Opfer anerkannt. Rasche und leistbare Psychotherapie-Plätze
sind dringend erforderlich. Etwa neun Prozent der Mädchen und 3,5 %
der Buben sind von mittelschwerem bis schwerem sexuellen Missbrauch
betroffen. Weitet man die Definition des Begriffes "sexueller
Missbrauch" auf minderschwere, unangenehme, sexuelle Erlebnisse aus,
muss davon ausgegangen werden, dass jedes vierte Mädchen und jeder
zwölfte Junge bis zum 16. Lebensjahr missbräuchliche Erfahrungen
machen muss.
Die Palette der Missbrauchserfahrungen reicht von der Belästigung
und Beeinträchtigung durch Exhibitionisten, Voyeure und
pornographische Darstellungen bis hin zur versuchten oder vollzogenen
genitalen, analen oder oralen Vergewaltigung. Viele sexuell
missbrauchte Kinder werden auch körperlich und emotional misshandelt.
Folgen sexuellen Missbrauchs
Die Prävalenz von psychischen Problemen ist kurzfristig etwa
doppelt bis drei Mal so hoch als in Kontrollgruppen. 20 % der
Missbrauchsopfer weisen schwere Folgeschäden auch noch im
Erwachsenenalter auf, die mit massiven Beeinträchtigungen und
Einschränkungen im gesamten Lebensvollzug einhergehen. Depressivität,
niedriger Selbstwert, vielfältige psychosomatische Beschwerden,
unspezifische und spezifische Ängste, dissoziative Zustände,
psychotische Erkrankungen, zwanghaftes Verhalten, Schuldgefühle,
Misstrauen und Beziehungsschwierigkeiten, Selbstverletzungen,
Suizidgefährdung. Erwachsene Opfer sexuellen Missbrauchs sind
besonders auch in ihrer Sexualität betroffen: Sie verhalten sich
entweder aversiv und leiden an sexuellen Funktionsstörungen oder sie
sind gefährdet, an Missbrauchsfantasien zu leiden oder erneut Opfer
sexueller Ausbeutung und sexualisierter Beziehungen zu werden.
Psychotherapeutischer Behandlungsbedarf
Die Auswirkungen einer sexuellen Missbrauchserfahrung sind sehr
individuell. Viele Betroffene können die Missbrauchserfahrung ohne
professionelle Hilfe nicht überwinden. Sie entwickeln Symptome und
psychische Störungen, die in einer oft langjährigen Psychotherapie
bearbeitet werden müssen.
Wie groß der Bedarf nach Aufklärung und Psychotherapie auch auf
der Seite der Täter ist, zeigt ein Präventionsprojekt an der Berliner
Charite. In den vergangenen fünf Jahren haben sich dort Hunderte von
Männern gemeldet, die gegen ihre pädophilen Neigungen ankämpfen
wollen.
Der Status Quo in Österreich:
Wie die derzeitigen Aufdeckungen im Umfeld der Kirche zeigen,
bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen in Bezug auf die
Häufigkeit, mit der unsere Kinder in Abhängigkeitsbeziehungen der
Willkür und der sexuellen Ausbeutung durch Bezugspersonen ausgesetzt
sind.
Für jede Form von Verletzung steht entsprechende Therapie kostenlos
zur Verfügung, nur für die seelische Verletzung nicht!
~
- Die Kassen sind seit 1992 per Gesetz verpflichtet, die
psychotherapeutische Behandlung zu finanzieren. Bis heute müssen
die PatientInnen tief in die eigenen Taschen greifen und/oder sehr
lange Wartezeiten in Kauf nehmen, um psychotherapeutisch behandelt
zu werden!
- Kassenfinanzierte Psychotherapie im niedergelassenen Bereich und
in den Opferschutzeinrichtungen ist kontingentiert. Der Bedarf ist
wesentlich höher. Nicht einmal ein Fünftel des Minimalbedarfs ist
derzeit abgedeckt.
- Wartezeiten in Institutionen von einem Jahr und länger sind keine
Seltenheit.
- Psychotherapie mit dem Zuschuss von Euro 21,80 (von den Kassen
nicht erhöht und wertangepasst seit 1992) können sich viele
einfach nicht leisten!
- Missbrauchsopfer müssen sich auch beim Bundessozialamt oft ein
halbes Jahr für die Finanzierung einer Psychotherapie anstellen,
um dann festzustellen, dass sie bestimmte Kriterien nicht
erfüllen, um als Opfer anerkannt zu werden.
~
Die Kassen und der Gesundheitsminister versprachen im November
2009 einen Psychotherapieschwerpunkt im Jahr 2010 - bis jetzt wurde
noch kein Umsetzungsschritt gesetzt!
Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie fordert daher:
Sofortige Erhöhung des Kostenzuschusses auf Euro 40,-- pro
Behandlungsstunde!
Sofortige Aufnahme der Verhandlungen um einen Gesamtvertrag für
Psychotherapie!
Rückfragehinweis:
Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP)
www.psychotherapie.at
Tel: 01/5127090
Fax: 01/5127090/44
Mail: oebvp@psychotherapie.at
*** OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER
INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT ***
OTS0339 2010-03-11/17:58
111758 Mär 10
OBP0001 0557