OTS0310 / 09.03.2010 / 19:49 / Channel: Politik / Aussender: Parlamentsdirektion
Stichworte: Konjunktur / Krise / Wifo / Wirtschaftsausschuss


Österreich bewältigt Krise besser als andere Länder Reinhold Mitterlehner: Vor uns liegen nun die Mühen der Ebenen =


   Wien (PK) - Im Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Aussprache mit 
Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und dem Leiter des 
Wirtschaftsforschungsinstituts Karl Aiginger, die der 
Wirtschaftsausschuss eingangs seiner heutigen Sitzung abhielt, stand 
die Frage, wie das Kunststück gelingen soll, die noch instabile 
Konjunktur - das Wifo prognostiziert 1,5 % BIP-Wachstum für 2010 - zu 
stärken, das Wachstum anzuregen, in Forschung, Bildung, 
Energieeffizienz und Kinderbetreuung zu investieren und gleichzeitig 
das Budget zu konsolidieren. Wifo-Chef Aiginger schlug vor, nicht zu 
früh, sondern erst 2011 zu konsolidieren und die Wirtschaft im Jahr 
2010 durch ein Impulsprogramm zu stärken. 2011 sollte auf der Basis 
eines besseren Wachstums die Budgetsanierung starten. Während 
Aiginger starke Präferenzen für Ausgabeneinsparungen durch eine 
Verwaltungsreform erkennen ließ, gab Wirtschaftsminister Mitterlehner 
zu bedenken, dass Ausgabeneinsparungen auch Leistungseinschränkungen 
des Staates gegenüber den BürgerInnen und konjunkturrelevante 
Auswirkungen auf den Inlandskonsum nach sich ziehen.   
Wirtschaftsminister Mitterlehner will neue Märkte bearbeiten
"Die Krise ist noch nicht überwunden", sagte der Minister einleitend 
und meinte, vor uns liegen nun die "Mühen der Ebenen". Österreich 
liege im internationalen Vergleich aber nicht schlecht und könne 2010 
mit 1,5 % Wachstum mehr als doppelt so viel BIP-Wachstum als die EU 
mit 0,7 % erwarten. Hatten am Beginn der größten Krise seit 1945 die 
Prognosen für 2009 noch auf ein Wachstumsminus von 4,2 % gelautet, 
sei es durch gegensteuernde Maßnahmen gelungen, das Minus auf 3,6 % 
zu drücken und Impulse in Richtung Dienstleistungen, 
Kreativwirtschaft und Consulting zu geben, wie dies der Nachfrage 
entspreche. 
Die Bundesregierung habe bei der Bundesimmobiliengesellschaft 
Investitionen von 855 Mio. € für Neubauten und Sanierungen 
vorgezogen, die thermische Sanierung gefördert und mit der Ökoprämie 
eine Maßnahme zur Belebung des automotiven Sektors gesetzt, um dort 
die Umstrukturierung zu unterstützen. Gegengesteuert habe die 
Bundesregierung auch durch Ausweitung von ERP-Krediten, durch 
Haftungen für Großbetriebe und durch eine Steuerreform zur Stärkung 
der Inlandsnachfrage. 
Auch für das Jahr 2010 sei noch mit Impulsen aus den 
Konjunkturprogrammen zu rechnen, sagte der Minister, der sich 
entschieden dafür aussprach, das Programm zur thermischen Sanierung 
fortzusetzen. Österreich habe eine gute wirtschaftliche Ausgangslage, 
habe aber nach wir vor Probleme in der Exportwirtschaft, auf dem 
Arbeitsmarkt und beim Budget. Um die Exporte anzukurbeln sei es 
notwendig, neue Märkte in Indien, im Schwarzmeerraum, im Mittleren 
Osten und in China verstärkt zu bearbeiten. Der Schwerpunkt der 
Budgetsanierung soll bei den Ausgaben liegen soll, der Minister gab 
aber auch zu bedenken, dass dies Diskussionen über Leistungen der 
Ministerien gegenüber den BürgerInnen sowie darüber auslösen werde, 
welche Auswirkungen dies auf den Inlandskonsum habe. Angesichts einer 
hohen Steuerquote ließ Minister Mitterlehner seine Präferenz dafür 
erkennen, statt Steuern zu erhöhen das Steuersystem in Richtung 
Energie umzustrukturieren, um Lenkungseffekte für den Klimaschutz zu 
erreichen. Unter Berufung auf den Ökonomen Joseph Stieglitz warnte 
der Minister davor, zu früh mit Einsparungsmaßnahmen zu beginnen, 
weil dies das Wachstum gefährden könnte. 
Im Tourismus setzt Mitterlehner auf die Fortsetzung der erfolgreichen 
Werbestrategie, die zu einer sehr guten Buchungslage im 
Wintertourismus beigetragen habe. Die aktuelle Wirtschaftspolitik 
bemühe sich, Innovationen zu fördern, etwa in Technologien für die E-
Mobilität. Weiter Zukunftsfelder der österreichischen Wirtschaft sah 
Mitterlehner in der Energie- und Umwelttechnik, in der Medizin- und 
Sicherheitstechnologie, im Tourismus und im Dienstleistungs- sowie 
Consulting-Bereich. 
Aiginger: Ausgabenseitig sparen, dann erst über Einnahmen nachdenken 
WIFO-Chef Karl Aiginger leitete seine Ausführungen mit der 
Feststellung ein, Österreich befinde sich in einer sehr spannenden 
Entwicklungsphase. Die meisten wirtschaftlichen Indikatoren zeigten 
leicht nach oben, die Konjunktur sei aber immer noch instabil, die 
Gefahr eines Rückfalls in eine neue Krise sei aber gering. Alle 
Experten seien sich daher einig, dass es im Jahr 2010 noch zu früh 
sei, um das Budget zu konsolidieren, außer in Griechenland, das seine 
budgetären Grenzen schon in der Vergangenheit überschritten habe. Für 
2010 rechnet das WIFO mit einem BIP-Wachstum von 1,5 %, auch wenn 
witterungsbedingt im ersten Quartal noch mit einem Minus zu rechnen 
sei. Die Arbeitslosigkeit steige bedauerlicherweise nicht nur wegen 
des langen Winters, sie werde auch im kommenden Winter noch weiter 
zunehmen und in der Folge stagnieren, weil das mittelfristig zu 
erwartende Wachstum zwischen 1,5 % und 2 % nicht ausreichen werde, um 
den Beschäftigungseinbruch zu überwinden. 
Die Wirtschaftspolitik stehe vor der Aufgabe ein "Kunstwerk aus drei 
Teilen" zu schaffen, die zueinander im Widerspruch stehen. Es gelte 
einerseits das Budget zu konsolidieren, ohne das Wachstum zu bremsen 
und die Arbeitslosigkeit zu erhöhen, und andererseits der 
Arbeitslosigkeit entgegen zu wirken, ohne das Budgetdefizit zu 
erhöhen. Zugleich soll in Forschung, Bildung und 
Kinderbetreuungseinrichtungen investiert werden. Angesichts der hohen 
Steuerquote problematisierte Aiginger Steuererhöhungen und empfahl, 
den Faktor Arbeit zu entlasten und die Gemeindefinanzierung im 
Interesse des Wachstums sicher zu stellen. Um das Wachstum zu 
stärken, plädierte Aiginger für ein Impulspaket im Jahr 2010 und 
sprach sich dafür aus, thermische Sanierungen, Einrichtungen zur 
Kinderbetreuung und Ganztagsschulen sowie Investitionen in die 
Energieeffizienz zu fördern. Die Forschungsförderung sollte 
vereinfacht werden, meinte der Wirtschaftsforscher und drängte 
darauf, das neue Impulspaket weniger strukturkonservierend als zu 
gestalten als die bisherigen Konjunkturprogramme. 
Lobend äußerte sich Aiginger darüber, dass es der Bundesregierung 
2009 gelungen sei, ein "Dezemberfieber" zu vermeiden. Die budgetären 
Rückstellungen sollten für die Konjunktur eingesetzt werden. Dies 
würde die nachfolgende Konsolidierungsphase erleichtern, man könnte 
auf einem höheren Wachstumsniveau starten. Aigingers konkrete 
Vorschläge für die Budgetkonsolidierung lauteten auf Maßnahmen gegen 
Doppelgleisigkeiten im Schulsystem, im Gesundheitswesen und bei 
Förderungen, sowie auf Einschränkung von Privilegien, wobei er den 
steuerlich begünstigten Nachkauf von Pensionszeiten nannte. Ere halte 
es für möglich, kurzfristig Einsparungen von 2 bis3 Mrd. € und 
langfristig von 6 bis 11 Mrd. € zu erzielen, sagte der WIFO-Chef. Für 
unverständlich hielt es Aiginger, dass diesbezügliche 
Rechnungshofempfehlungen nicht umgesetzt werden. Die Bevölkerung 
werde nicht gesünder, wenn man zu viele Spitalsbetten oder nicht 
ausgelastete Spitäler aufrecht halte; das schlecht ausgelastete 
Heeresspital sei zu schließen. Firmen, die nachhaltige und 
altersgerechte Arbeitsplätze schaffen, will Aiginger mit Boni 
belohnen. Die Budgetkonsolidierung sollte ausgabenseitig beginnen und 
erst in zweiter Linie über mehr Einnahmen geredet werden. Er könne 
sich eine Umstrukturierung des Steuersystems in Richtung höhere 
Progression vorstellen, wichtig sei es aber, den Faktor Arbeit zu 
entlasten, wiederholte Aiginger. 
Die Positionen der Parteien 
In der Debatte stellte Abgeordneter Christoph Matznetter (S) fest, 
Österreich habe sich trotz einer bedauerlich hohen Arbeitslosigkeit 
im internationalen Vergleich gut gehalten. Die Förderung der 
thermischen Sanierung sei ein Erfolg gewesen und sollte fortgesetzt 
werden, eventuell durch eine begünstigte Kreditaktion. Die EU-
Vorgaben zur Budgetkonsolidierung geben Österreich nur ein kleines 
Zeitfenster, Konsolidierungsmaßnahmen müssten daher jetzt auf Schiene 
gebracht werden. In der Durchführung der Verwaltungsreform stellte 
sich für den Abgeordneten die Frage, wo konkret man ansetzen solle. 
Abgeordnete Ruperta Lichtenecker (G) drängte auf die Hebung von 
Effizienzpotentialen in der Wirtschaftsförderung und interessierte 
sich dafür, was die Umsetzung des Transferkontos im 
Unternehmerbereich letztlich bedeuten würde. 
Abgeordneter Bernhard Themessl (F) kritisierte, die bisherigen 
Konjunkturpakete seien in der Umsetzung zu kompliziert und langwierig 
gewesen und seien deshalb nur zu einem geringen Teil ausgenützt 
worden. Das Impulsprogramm mache nur Sinn, wenn auch sichergestellt 
sei, dass es besser greife. Versäumnisse ortete der Vorarlberger 
Abgeordnete bei der Regierung, die sich zu wenig für österreichische 
Dienstleister einsetze, die in der Schweiz unter weiter verschärften 
Auflagen leiden.  
Abgeordneter Robert Lugar (B) hielt die Ökoprämie und die Förderung 
der thermischen Sanierung für erfolgreich. Da sie zur Vorziehung von 
Anschaffungen geführt hätten, sollten die Maßnahmen verlängert 
werden, solange die Krise anhalte. Der Aufschwung sei noch nicht 
selbsttragend und daher weitere Impulse notwendig. In der Verwaltung 
sollten Doppelgleisigkeiten abgebaut werden. Die Budgetkonsolidierung 
sollte nicht über Steuererhöhungen erfolgen, forderte Lugar und 
verlangte eine Entlastung des Faktors Arbeit sowie Hilfe für KMU, die 
sich in einer Kreditklemme befinden. 
Abgeordneter Christian Höbart (F) wollte wissen, wie das WIFO 
Inflations- bzw. Deflationsgefahr einschätze und ob man in 
zukünftigen Einschätzungen der Wirtschaftsentwicklung die Rolle der 
Finanzwirtschaft entsprechend berücksichtigen werde. 
Abgeordnete Wolfgang Katzian (S) befürchtete, ohne Gegenmaßnahmen 
würde die Arbeitslosigkeit weiter steigen. Vor allem der 
Sozialbereich und die sozialen Dienste brauchten dringend 
Investitionen, dies würde auch günstige Auswirkungen auf die 
Beschäftigungssituation haben. Höhere Steuern müssten bei einer 
entsprechenden Steuerstruktur nicht konjunkturbremsend wirken, es 
gebe große Vermögen, die sehr wenig zum Staatshaushalt beitragen, 
sagte Abgeordneter Katzian. 
Abgeordneter Alois Gradauer (F) sah eine bedrohliche Budgetsituation, 
es sei "Feuer am Dach". Er vermisste der Lage entsprechende 
Aktivitäten der Regierung und kritisierte etwa, dass auf Grund 
mangelnden Wettbewerbs die Strompreise um 10 % zu hoch seien. Zum 
Thema thermische Sanierung wies Gradauer auf ein von Raiffeisen 
unterstütztes oberösterreichisches Konzept hin und forderte auch 
Maßnahmen, um Energie- und Rohstoffspekulationen durch Hedgefonds zu 
verhindern. 
Abgeordneter Rainer Widmann (B) klagte über die Untätigkeit der 
Regierung und mahnte Vorlagen zur Wirtschaftspolitik ein. Österreich 
habe nach wie vor eine zu niedrige F&E-Quote. Die Förderung der 
thermischen Sanierung sei bisher "nur ein Tropfen auf den heißen 
Stein" und sollte verlängert werden. 
Abgeordnete Christiane Brunner (G) forderte eine generelle 
Umstrukturierung und Ökologisierung des Steuersystems.
Abgeordnete Konrad Steidl (V) merkte zur F&E-Quote an, dass in 
Österreich zwar sehr viel Grundlagenforschung betrieben werde, die 
daraus resultierende Wertschöpfung aber oft nicht in Österreich 
stattfinde. 
Vertagung oppositioneller Anträge 
Schließlich vertagte der Wirtschaftsausschuss - jeweils mit den 
Stimmen von SPÖ und ÖVP - den von Abgeordnetem Bernhard Themessl 
vertretenen Entschließungsantrag 412/A(E) der FPÖ auf Halbierung der 
Mehrwertsteuer für erneuerbare Energieträger von 20 % auf 10 % sowie 
BZÖ-Entschließungsantrag 991/A(E) mit Vorschlägen zur Erleichterung 
und Beschleunigung des Anbieterwechsels bei Strom und Gas, den 
Abgeordneter Rainer Widmann (B) den Abgeordneten zur Abstimmung 
vorgelegt hatte. Abgeordneter Christoph Matznetter (S) hielt es für 
nicht möglich, zwischen Strom aus erneuerbaren und anderen 
Energieträgern zu differenzieren. Abgeordnete Christiane Brunner (G) 
meinte, durch eine Maßnahme wie sie der Antrag fordere, seien die 
gewünschten Lenkungseffekte nicht gegeben. Abgeordneter Franz Hörl 
(V) schloss sich den Argumenten an und stellte den Antrag auf 
Vertagung. Abgeordneter Wolfgang Katzian (S) verwies Abgeordneten 
Widmann (B) auf bereits in Vorbereitung befindliche Maßnahmen im 
Sinne seines Antrags und beantragte die Vertagung des BZÖ-Antrags.
(Schluss) 
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