• 01.03.2010, 09:27:07
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Globale Kapitalmärkte - Chance oder Gefahr für Transformationsländer?

Wien (OTS/WIFO) - Die weltweite Integration der Finanz- und
Kapitalmärkte war noch nie so weit fortgeschritten wie gegen Ende der
2000er-Jahre. Nahezu alle Länder haben ihren Kapitalmarkt
liberalisiert und für internationale Investoren geöffnet. Die
Allokationseffizienz der Kapitalmärkte hat sich jedoch dadurch nicht
wesentlich verbessert. Der Großteil des internationalen
Kapitalverkehrs erfolgt zwischen den reichen Ländern, der
Kapitalexport von den reichen zu den armen Ländern ist hingegen von
nachrangiger Bedeutung. Empirische Untersuchungen weisen nach, dass
die Kapitalmärkte im ausgehenden 19. Jahrhundert effizienter waren.

Die im Vergleich mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert geringe
Allokationsleistung wird meist damit erklärt, dass die politischen
und kulturellen Ähnlichkeiten zwischen den reichen Zentralländern und
den armen Randzonen damals (wesentlich) größer waren als im
ausgehenden 20. Jahrhundert. Randzonen waren zwischen 1870 und 1914
großteils frühere Kolonien der europäischen Zentralländer
(Großbritannien, Frankreich). Institutionen, aber auch Politik- und
Wirtschaftsordnung der Randgebiete waren zumeist jenen der früheren
Hoheitsländer nachempfunden bzw. von diesen nachhaltig geprägt.
Daraus erwuchs eine Nähe zwischen Peripherie und Zentrum, die alle
wichtigen Wirtschaftsbereiche einschloss. Transaktions- und
Informationskosten waren deshalb für Finanzinvestitionen in den
Randzonen nicht wesentlich höher als in den Zentralländern. Dies
erhöhte die Allokationsleistung der Kapitalmärkte.

Dieser Ansatz gewinnt an Erklärungskraft, wenn man die
Sonderentwicklung der osteuropäischen Länder seit 1989 und ihren mehr
als 20 Jahre dauernden Weg von der kommunistischen Planwirtschaft zur
modernen Marktwirtschaft betrachtet. Ziel dieses
Transformationsprozesses ist die rasche Heranführung von Wirtschaft
und Politik der osteuropäischen Randländer an die Standards der
Europäischen Union. Die Perspektive auf einen EU-Beitritt und eine
Teilnahme an der Währungsunion löste insbesondere seit Ende der
1990er-Jahre einen massiven Zufluss von ausländischem Kapital nach
Osteuropa aus. Die Triebkräfte dieses Kapitaltransfers sind jenen vor
mehr als 100 Jahren sehr ähnlich. Die erwartete rasche Annäherung der
Peripherie (Oststaaten) an das Zentrum (Europäische Union) lässt die
Kapitalgeber annehmen, dass sich die Transaktions- und
Informationskosten zwischen Rand und Mitte ebenfalls rasch angleichen
werden. Die zügige Integration des (unterentwickelten) Finanzsektors
dieser Länder durch die Übernahme oder direkte Präsenz ausländischer
Banken vor Ort sollte diesen Prozess zusätzlich beschleunigen
(österreichische Banken waren in vielen osteuropäischen Ländern an
Umbau und Modernisierung des Finanzsektors führend beteiligt).
Dadurch sollten Kapitalimporte ihre positive Wirkung auf
Investitionstätigkeit und Wirtschaftsleistung noch rascher entfalten.

Ausländisches Kapital erwies sich demnach für Realkapitalbildung
und Wirtschaftswachstum in den MOEL zwischen 1995 und 2008 als
ähnlich bestimmend wie in den Randregionen im späten 19. Jahrhundert.
Eine hohe Abhängigkeit von Kapitalimporten hat jedoch auch Nachteile.
In Krisenzeiten erhöht sie die Wahrscheinlichkeit von Kapitalflucht
und Staatsbankrott. Die jüngste Finanzmarktkrise zog Osteuropa (nicht
unerwartet) stark in Mitleidenschaft und brachte einige Länder in
eine finanzielle Notlage.

Allerdings war der Geldabfluss aus dem Osten Europas selbst
während der eigentlichen Krise (2008 und 2009) nicht höher als jener
aus dem Westen und viel niedriger als in Asien und Lateinamerika. Das
kann als Hinweis gedeutet werden, dass ausländisches Kapital in
Osteuropa stark verwurzelt ist. Die anhaltend hohe Präsenz
ausländischer, oft auch österreichischer Banken in dieser Region ist
dafür ein sichtbares Zeichen. Durch ihre Entscheidung, vor Ort zu
bleiben, haben die ausländischen Banken - bestärkt durch großzügige
Stützungsmaßnahmen von EU und Internationalem Währungsfonds für
besonders gefährdete Länder (oft aber auch gebunden durch hohe
Bestände an potentiell notleidenden Krediten) - Staatskonkurse und
dauerhafte große Wertverluste der lokalen Währungen bisher
verhindert.

Der Integrationsprozess Osteuropas erlitt bisher durch die
Finanzmarktkrise zwar einen deutlich sichtbaren, im historischen
Vergleich jedoch geringen Rückschlag - dank eines Expansionsmodells,
das sich in fragilen Zeiten als Gefahr, auf lange Sicht hingegen
(nicht zuletzt auch aufgrund erfolgreicher historischer Vorbilder)
eher als Chance erweisen könnte.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
2/2010
(http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?fid=23923&id=38385&typeid=8&
display_mode=2)

Rückfragehinweis:
Dr. Franz R. Hahn
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-255 * Fax. +43 1 798 93 86
mailto:[email protected]

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/235

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