• 23.02.2010, 17:55:24
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" 24. Februar 2010, von Irene Heisz: "Kranke stören im Krankenhaus"

Es ist weder moralisch noch gesetzlich vertretbar, Krankenakten von Kollegen und Untergebenen auszuspionieren.

Innsbruck (OTS) - Nur chronisch Naive glauben, dass in
Krankenhäusern höhere ethische Standards eingehalten werden als in
sonstigen Lebens- und Arbeitsräumen. Auch für Klinikpersonal auf
jeder Hierarchiestufe gilt: Man kann allem widerstehen. Außer der
Versuchung. Und Vorgesetzte in Spitälern leiden am selben
Humanismusdefizit wie Manager in allen anderen Wirtschaftsbereichen
auch: Kranke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht in erster
Linie Menschen, um deren Wohl man sich nicht zuletzt im Sinne ihrer
Leistungsfähigkeit zu kümmern hat, sondern Sand im Getriebe optimaler
Geschäftsabläufe.
Ein Skandal erschüttert die Universitätsklinik Innsbruck. Schon
wieder. Diesmal produziert von Kollegen, die Kollegen ausspionieren,
und von Vorgesetzten, die unerlaubt Informationen über Untergebene
einholen. Buchstäblich auf Tastendruck möglich ist das, seit alles,
was im Haus vorgeht und getan wird, elektronisch erfasst und
gespeichert wird - also auch Krankenakten von Mitarbeitern des
Hauses.
Es gibt viele gute medizinische und betriebswirtschaftliche
Gründe, "Klinische Informationssysteme", wie integrierte
Softwarepakete für den Krankenhausgebrauch genannt werden, zu
verwenden: Wege zwischen diversen Stationen des Klinikapparats werden
kürzer, Behandlungen präziser dokumentiert, Kosten besser
kontrollierbar, kurz: Die Komplexität des Molochs Klinik wird
überschaubarer gemacht.
Aber: Mit gutem Grund auch erachtet das Datenschutzgesetz Angaben
über den Gesundheitszustand von Menschen als "sensibel", also
besonders schutzwürdig. Weder Kollegen noch Vorgesetzte darüber
informieren zu müssen, welche Leiden einen plagen, hat etwas mit der
Wahrung der Intimsphäre und Würde zu tun. Und aus demselben Grund
gelten krankhafte Kollegenneugier und die Suche nach einer
Möglichkeit, Untergebene unter Druck zu setzen, weder zu den
moralisch noch zu den gesetzlich vertretbaren Ausnahmen.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/213

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