• 31.12.2009, 11:02:57
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  • OTS0036 OTW0036

Makrobasierte Neuorientierung der Finanzmarktregulierung notwendig

Wien (OTS) - Der Finanzsektor ist der am stärksten regulierte
Wirtschaftsbereich in modernen Volkswirtschaften. Die
Regulierungsdichte ist jedoch sehr uneinheitlich: Sie ist im Zentrum
sehr hoch und an der Peripherie sehr flach. Seit Ausbruch der
aktuellen Finanzmarktkrise wurden viele Vorschläge zur Verbesserung
des Finanzsystems entwickelt. Im Mittelpunkt steht die
Neuorientierung der Banken- und Finanzmarktregulierung. Es besteht
Konsens, dass der Regulierungsrahmen künftig durch makrobasierte
Kontroll- und Steuerungselemente verstärkt werden muss.

Mikrobasierte Finanzmarktregulierung gefährdet Systemstabilität

Die jüngste Krise hat gezeigt, dass die bestehenden
finanzwirtschaftlichen Überwachungssysteme nicht ausreichen, um die
Stabilität des Finanzsystems zu sichern. Wesentliche Kom-ponenten der
Finanzmarktaufsicht haben sogar destabilisierende Wirkung auf das
Gesamtsystem: Die Eigenkapitalregeln unter "Basel II" wirken stark
prozyklisch auf die Kreditvergabe der Banken und erleichtern das
Verschleiern von Kreditrisken. Viele Banken, die sich in der jüngsten
Krise als stark unterkapitalisiert erwiesen, waren nach den Kriterien
von Basel II ausreichend mit Eigenkapital ausgestattet.

Darüber hinaus reguliert Basel II ausschließlich risikobehaftete
Veranlagungen, während (vermeintlich) sichere, jedoch systemisch
relevante Veranlagungen unberücksichtigt bleiben. Fast alle
spektakulären Bankenzusammenbrüche seit 2008 wurden ausschließlich
durch ein hohes und vermeintlich sicheres "Exposure" im Bereich
systemisch relevanter Veranlagungen verursacht. Diese Banken hatten
nach regulatorischen Gesichtspunkten (nahezu ausnahmslos) ihre Risken
mit ausreichend Eigenkapital abgesichert.

Nach der Insolvenz der Investmentbanken Bear Stearns und Lehman
Brothers in den USA, ausgelöst durch den hohen systemischen
Risikogehalt ihrer zentralen aktiv- und passivseitigen
Bilanzpositionen, brach das weltweite Finanzsystem 2008 beinahe
zusammen. Damit machte die jüngste Krise deutlich, dass die
Stabilität von modernen, komplexen Finanzsystemen durch das
plötzliche Auftreten von systemrelevanten externen Effekten und
Spillovers in einem viel größeren Ausmaß gefährdet ist als durch
Marktversagen aufgrund von asymmetrischer Information oder
Marktmacht.

Neuorientierung - Systemische Sicherung des Finanzsektors

Die Finanzmarktregulierung muss sich daher in Zukunft viel stärker
als bisher am Ziel einer systemischen Sicherung des Finanzsektors
orientieren. Dies erfordert eine umfassende Neuausrichtung der
Finanzmarktaufsicht, insbesondere in den hochentwickelten
Volkswirtschaften.

Das herrschende Leitprinzip der Finanzmarktregulierung ist
mikroorientiert und beruht auf der Grundannahme, dass das
Finanzsystem stabil und effizient ist, wenn jede einzelne
Finanzinstitution nach herkömmlichen regulatorischen Maßstäben seriös
und solide agiert. Die jüngste Krise hat jedoch gezeigt, dass dieser
Grundsatz das Gesamtsystem gefährden kann, wenn (flach regulierte)
Teile des Finanzsektors bereits durch externe Schocks nachhaltig
erschüttert wurden. Der regulatorische Zwang, die
Eigenkapitalrichtlinien selbst unter Krisenbedingungen zu erfüllen,
verschärfte die Bankenkrise zusätzlich und brachte nachhaltige
Systemstörungen mit sich, die letztlich den gesamten Geldsektor
lähmten.

Das Leitprinzip der Finanzmarktregulierung sollte daher künftig
stärker gesamtwirtschaftlich orientiert sein. Die Grenzlinie zwischen
regulierten und nicht regulierten Finanzeinrichtungen (Märkte und
Akteure) sollte ausschließlich nach dem Prinzip der systemischen
Relevanz gezogen werden (z. B. nicht nur große, systemrelevante
Hedge-Fonds sollten reguliert werden, sondern auch kleine, wenn sie
etwa durch gleichgerichtete Veranlagungsstrategien
gesamtwirtschaftlich unerwünschte Systemwirkung erzeugen können).

Im Zentrum der neuen Finanzmarktaufsicht sollte demnach die
systemische Bedeutung von Finanzmarkteinrichtungen stehen. Umfang und
Tiefe der regulatorischen Maßnahmen sollten auf den potentiellen
systemischen Wirkungsgrad der jeweiligen Finanzmarktinstitutionen
abgestimmt werden. Finanzakteure oder Finanzeinrichtungen, deren
Aktivitäten und Aufgaben mit großen systemgefährdenden Risken
verbunden sind, sollten durch geeignete aufsichtsrechtliche Maßnahmen
dazu angehalten werden (können), die negativen Systemwirkungen
entweder nachhaltig zu verringern oder vollständig zu internalisieren
(z. B. durch sehr hohe, verpflichtende Eigenkapitalhaltung bzw.
Einhaltung von engen Verschuldungsgrenzen).

Dem potentiellen Systemversagen durch externe Effekte und
Spillovers sollte durch primär gesamtwirtschaftlich geleitete
Finanzmarktüberwachung und Finanzmarktinterventionen "vorausschauend"
entgegengewirkt werden. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit und
Abstimmung von Finanzmarktüberwachung und Geldpolitik, sowohl
national als auch international.

Die jüngsten Vorschläge der EU zur Reform von Finanzmarktaufsicht
und Finanzmarktüberwachung, der britischen Finanzmarktaufsicht, der G
20 und der Regierung der USA berückichtigen die Notwendigkeit einer
stärkeren Makroorientierung der Finanzmarktregulierung.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
12/2009, http://www.ots.at/redirect/monatsbericht

Tabellen und Graphiken zu den Presseaussendungen des WIFO finden
Sie jeweils auf der WIFO-Website
http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12

Rückfragehinweis:
Dr. Franz R. Hahn, Tel. (1) 798 26 01-0
E-mail: [email protected]

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/235

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