OTS0260 / 06.10.2009 / 18:41 / Channel: Politik / Aussender: Parlamentsdirektion
Stichworte: Festveranstaltung / Firnberg / Parlament


Parlament: Festveranstaltung zum 100. Geburtstag von Hertha Firnberg Fischer: Firnberg verdient bleibende Anerkennung =


   Wien (PK) - Hertha Firnberg war nicht nur die erste 
sozialdemokratische Ministerin, sondern auch die erste Ministerin für 
Wissenschaft und Forschung Österreichs. Sie baute im Auftrag von 
Bundeskanzler Bruno Kreisky das Ressort auf, das sie danach beinahe 
13 Jahre leiten sollte, und war maßgeblich für die Reorganisation und 
Demokratisierung der österreichischen Universitäten sowie die 
Forcierung der Wissenschaftspolitik verantwortlich. Im September 
dieses Jahres hätte sie ihren 100. Geburtstag gefeiert.
Aus diesem Anlass lud Nationalratspräsidentin Barbara Prammer heute 
Abend gemeinsam mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn unter dem 
Titel "Wissenschaft und Forschung im Aufbruch" zu einer hochkarätig 
besetzten Festveranstaltung ins Parlament. Dabei ging es nicht nur um 
eine Würdigung der Ausnahmepolitikerin, sondern auch um aktuelle 
Herausforderungen in der Wissenschafts- und Forschungspolitik. 
Hauptredner war dabei Bundespräsident Heinz Fischer, der zwischen 
1983 und 1987 selbst Wissenschaftsminister gewesen war. Zu den 
weiteren Laudatoren und Diskutanten zählten neben Prammer und Hahn 
der Industrielle Hannes Androsch und der Grazer Universitätsprofessor 
Helmut Konrad.
Nationalratspräsidentin Prammer unterstrich in ihrer Begrüßungsrede, 
Hertha Firnberg sei eine Frau gewesen, die das Leben vieler 
Österreicherinnen und Österreicher nachhaltig geprägt habe. Sie 
selbst sei 16 Jahre alt gewesen, als Firnberg Wissenschaftsministerin 
wurde und würde als ältestes Kind einer Arbeiterfamilie ohne die 
Politik Firnbergs heute vermutlich nicht hier stehen, meinte sie. 
Bereits frühzeitig sei Chancengleichheit für alle oberstes Ziel 
Firnbergs gewesen: weder das Geschlecht noch die Brieftasche der 
Eltern dürften für den Zugang zu Bildung ausschlaggebend sein. In 
diesem Zusammenhang erinnerte Prammer etwa an die Einführung von 
Gratis-Schulbüchern, die Schülerfreifahrt und die Abschaffung der 
Studiengebühren.
Firnberg habe "Bildung an und für sich" als Wert gesehen, betonte 
Prammer, und davor gewarnt, Bildung ausschließlich auf 
wirtschaftliche Interessen hinzuorientieren. Auch erachtet sie viele 
der damals aktuellen Themenkreise als bis heute relevant und brisant. 
So würden soziale Hierarchien nach wie vor Bildungschancen und 
Bildungsgrad beeinflussen, die frühe Trennung der Schülerinnen und 
Schüler zementiere soziale Ungleichheiten.
Besonders hob Prammer auch das frauenpolitische Engagement der 
"lösungsorientierten Realpolitikerin" Firnberg hervor und erinnerte 
daran, dass zwei der wesentlichsten Reformen in den siebziger Jahren 
auf die Bemühungen Firnbergs zurückgegangen seien: die 
Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durch die 
Fristenregelung und die Gleichstellung der Geschlechter durch die 
Familienrechtsreform. Firnberg sei überzeugt davon gewesen, dass es 
"keine Befreiung der Menschheit ohne Gleichstellung der Geschlechter" 
gebe.
Wissenschaftsminister Johannes Hahn ließ die Entwicklung auf dem 
Hochschulsektor zwischen 1970 und 2008 Revue passieren. Damals seien 
von den rund 56.000 Studierenden nur 26 Prozent Frauen gewesen. Am 
Ende von Firnbergs Amtszeit sei der Prozentsatz bereits auf 42 
Prozent angewachsen gewesen, heute betrage er fast 54 Prozent von den 
rund 240.000 Studierenden, so Hahn. Es gelte, auch heute dafür Sorge 
zu tragen, dass die Bildungschancen für alle gleich seien, es gelte, 
die vorhandenen Potentiale entsprechend zu fördern, denn gerade in 
ökonomisch schwierigen Zeiten sei eine gute Ausbildung unabdingbar.
Mit ihren Vorarbeiten, wie etwa dem Universitätsgesetz 1975, habe 
Firnberg wichtige Grundlagen für die heimischen Studienarchitektur 
gelegt, auf denen heute eine moderne Hochschulpolitik aufgebaut 
werden könne, betonte der Minister. Hahn erinnerte in diesem 
Zusammenhang an die seit 1. Oktober geltende Novelle zum 
Universitätsgesetz, wonach eine 40-prozentige Frauenquote für 
sämtliche Uni-Gremien festgeschrieben ist. Das sei mit Sicherheit ein 
wichtiger und notwendiger Schritt, um die Chancen für Frauen im 
Universitätsbereich nachhaltig auszubauen und die schrittweise 
Erhöhung des Frauenanteils zu beschleunigen, betonte Hahn, der sodann 
auf aktuelle wissenschaftliche Herausforderungen einging, wobei er 
meinte, es wäre spannend, den nötigen wissenschaftlichen Diskurs mit 
einer Persönlichkeit wie Hertha Firnberg zu führen.
Bundespräsident Heinz Fischer erinnerte eingangs seiner Ausführungen 
an das grundlegende Werk von Georgi Plechanow, "Die Rolle der 
Persönlichkeit in der Geschichte", in welchem dieser die These 
vertreten habe, dass das historische Geschehen kaum von Personen, 
sondern von einer Vielzahl anderer Faktoren abhänge. Man bekomme 
aber, so Fischer, immer wieder bewiesen, wie sehr es auf den 
subjektiven Faktor, auf das Wollen und Wirken Einzelner ankomme, und 
das bekomme man auch im Falle Hertha Firnbergs zu spüren.
Der Präsident sprach davon, dass jeder sein persönliches Bild von 
Firnberg in seinem Bewusstsein habe. Er, Fischer, habe sie 1962 im 
Parlament kennengelernt als eine Frau, die vielseitig interessiert 
gewesen sei und auch im Europarat bereits eine wichtige Rolle 
gespielt habe. Firnberg sei im Finanz-, im Unterrichts-, im 
Justizausschuss und im Außenpolitischen Ausschuss, dessen 
stellvertretende Vorsitzende sie gewesen sei, hoch aktiv gewesen und 
zählte ab 1967 mit Karl Waldbrunner, Hannes Androsch, Leopold Gratz, 
Rudolf Häuser und Anton Benya zu den wesentlichen Stützen Bruno 
Kreiskys.
Der Präsident ließ die Jahre vor 1970 Revue passieren, welche die 
sozialistische Fraktion als eine Zeit erlebt habe, in der es eine 
höchst intensive parlamentarische Arbeit gegeben habe, bei der 
Firnberg federführend war. Anschließend durchleuchtete Fischer die 
Vorgänge rund um die Gründung des Wissenschaftsministeriums und die 
anschließende 13-jährige Amtstätigkeit Firnbergs in diesem Ressort, 
das sie, so Fischer, erhobenen Hauptes, mit Festigkeit und manchmal 
auch mit der nötigen Strenge geführt habe. In diesem Zusammenhang 
verwies Fischer aber auch auf die anderen politischen Aktivitäten 
Firnbergs, so etwa auf die Debatte rund um die Fristenlösung.
1983 habe Firnberg ihr Amt an ihn, Fischer, übergeben und sich aus 
der Politik verabschiedet. Sie sei gleichwohl bis zuletzt aktiv 
geblieben, wobei sie sich aber niemals aufgedrängt habe. Vieles blieb 
von ihrem Wirken erhalten, sie verdiene, so schloss der Präsident, 
darob bleibende Anerkennung.
Im Anschluss wurden Filmdokumente zu Hertha Firnberg gezeigt. Hannes 
Androsch, Helmut Konrad und SPÖ-Wissenschaftssprecherin Andrea Kuntzl 
diskutierten mit den Gästen über Hertha Firnbergs Vermächtnis: 
Wissenschafts- und Forschungspolitik für das 21. Jahrhundert.
Leben und Wirken Hertha Firnbergs
Hertha Firnberg wurde am 18. September 1909 als Tochter eines Arztes 
und einer Beamtin geboren. Sie besuchte in Hernals ein Gymnasium, wo 
sie sich 1926 den sozialdemokratischen Mittelschülern (VSM) 
anschloss, deren stellvertretende Vorsitzende sie bald wurde. Nach 
der Matura bezog sie mit ihrer Schwester ein Siedlungshaus in 
Favoriten und begann an der Universität Wien Jus zu studieren. Später 
wechselte sie auf die philosophische Fakultät und promovierte nach 
einem Studienaufenthalt an der Uni Freiburg in Wien zum Thema 
"Lohnarbeit im Mittelalter".
Die Zeit der Diktaturen überstand Firnberg unbeschadet. Sie arbeitete 
für einen Modeverlag als Buchhalterin, wobei sie bald zur Prokuristin 
aufstieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat sie der SPÖ bei und 
wechselte in die Arbeiterkammer, wo sie bald führende Funktionen 
innehatte. 1959 wurde sie in den Bundesrat entsandt, vier Jahre 
später in den Nationalrat gewählt. 1967 folgte sie Rosa Jochmann als 
Vorsitzende der sozialistischen Frauen, eine Funktion, die sie bis 
1981 innehatte.
Nach dem Wahlsieg Bruno Kreiskys bei den Nationalratswahlen 1970 
avancierte Firnberg zur Bundesministerin. Sie baute das 
Wissenschaftsressort auf, das sie bis zum April 1983 leiten sollte. 
Mit dem Ende der Ära Kreisky zog sich auch Hertha Firnberg aus dem 
aktiven politischen Leben zurück. Sie starb am 14. Februar 1994 in 
Wien. (Schluss)
HINWEIS: Fotos von der Festveranstaltung finden Sie - etwas 
zeitverzögert - auf der Website des Parlaments im Fotoalbum: 
www.parlament.gv.at. 
Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
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