OTS0335 / 17.09.2009 / 17:41 / Channel: Politik / Aussender: Parlamentsdirektion
Stichworte: Enquete / ORF / Parlament


Rahmenbedingungen für Medienvielfalt in Österreich Abschluss der Enquete über öffentlich-rechtlichen Rundfunk =


   Wien (PK) - "Rahmenbedingungen für Medienvielfalt in Österreich" war 
der dritte Themenblock der ORF-Enquete überschrieben. Nach 
Impulsreferaten von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und VÖZ-
Präsident Horst Pirker kamen zunächst weitere Experten zu Wort. Nach 
einer allgemeinen Diskussion wurde die Enquete mit Schluss-Statements 
der VertreterInnen der Fraktionen abgeschlossen.
Alexander Wrabetz (Generaldirektor des ORF) erinnerte an Umfragen, 
aus denen hervorgeht, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung die 
Existenz des ORF für unverzichtbar hält, und meinte, es gehe bei der 
Diskussion über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk um eine starke 
Stimme Österreichs in einer fragmentierten und digitalisierten Welt. 
Die Konkurrenten des ORF seien nicht ATV und Puls 4, sondern die 
großen europäischen Medienkonzerne, gab Wrabetz in diesem 
Zusammenhang zu bedenken. Klar war für ihn, dass der ORF zur 
Erfüllung seines Auftrags zwei Vollprogramme braucht, um auf die 
unterschiedlichen Interessen des Publikums reagieren zu können. Jede 
Filetierung des ORF würde diesen schwächen und in eine Spirale nach 
unten ziehen, warnte er. Außer Zweifel stand für Wrabetz weiters, 
dass der ORF nur dual, und zwar auch durch Werbung finanziert werden 
könne. Ein Minimum an Werbung sei zur Bereitstellung des umfassenden 
Angebots unabdingbar, betonte er.
Was die Restrukturierung des ORF betrifft, unterstrich Wrabetz mit 
Nachdruck, das Unternehmen mache seine Hausaufgaben und erbringe 
seine Eigenleistungen. Es gebe Einsparungen in einem Ausmaß, wie es 
in der Geschichte des ORF noch nie der Fall gewesen sei. Wrabetz 
verwies auf die Redimensionierung nicht mehr zeitgemäßer 
Kollektivvertragssysteme, die Straffung der Strukturen und die 
Reduzierung der Zahl der Führungskräfte um 25 %. Diese 
Einsparungsmaßnahmen würden, wie er betonte, transparent und für die 
Öffentlichkeit nachvollziehbar gestaltet. Die Mittel würden nicht zum 
Stopfen von Löchern verwendet, sondern in von der Allgemeinheit 
erwünschte zusätzliche Leistungen eingesetzt werden, versicherte er. 
Im Übrigen zeigte sich Wrabetz zuversichtlich, dass es bei der 
Erbringung der Eigenleistungen gelingen werde, den ORF langfristig 
abzusichern. 
Horst Pirker (Präsident des VÖZ) schickte in seinem Statement voraus, 
der Staat gelte im Allgemeinen als schlechter Unternehmer. Auf dem 
Mediensektor trete der Staat in Österreich aber nicht nur als 
Unternehmer auf, sondern weise seinem Unternehmen über 500 Mio. € 
jährlich aus Gebühren und Werbeeinnahmen zu und privilegiere es 
dadurch intensiv gegenüber der privaten Konkurrenz. 
Trotz dieses kritischen Grundbefundes betonte Pirker, zur Zeit 
brauche man tatsächlich öffentlichen Rundfunk in Österreich, man 
brauche den ORF. Der öffentliche Auftrag an den ORF berechtige den 
Staat zur Intervention auf dem Mediensektor. Staatliche Eingriffe im 
Medienbereich durch öffentlich-rechtlichen Rundfunk seien dann 
legitim, wenn dadurch relevante Bedürfnisse nach Information und 
Unterhaltung befriedigt werden, die nicht von den privaten Anbietern 
in ausreichender Form berücksichtigt werden, präzisierte Pirker. Fest 
stand für ihn allerdings, dass der ORF komplementär zu dem 
bestehenden Angebot agieren müsse, die Aufgabe und Chance des 
öffentlichen Rundfunks liegen in der Differenzierung und nicht in der 
Nachahmung der Privaten, betonte er. In diesem Sinn seien ORF 1 und 
Ö3 alles andere als öffentlich-rechtlich, merkte er kritisch an, 
qualifizierte hingegen Ö1 als öffentlich rechtliche Lichtgestalt. 
Langfristig verteidigungsfähig sei nur ein wirklich öffentlich-
rechtlicher ORF, war für Pirker klar.
Christian Stögmüller (Präsident VÖP) rief den ORF dazu auf, seinen 
öffentlichen Auftrag wahrzunehmen, und meinte, die Privaten hätten 
nichts gegen einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Private Medien 
seien aber dagegen, dass sich der ORF als Privater breit macht. In 
der gegenwärtigen Situation agiere der ORF als überfinanzierter 
Marktbeherrscher, der den Privaten alles streitig macht und einen 
teilweise ruinösen Wettbewerb betreibt, lautete der kritische Befund 
Stögmüllers. Der ORF müsse in Entsprechung seines öffentliche 
Auftrages Programme anbieten, die dem öffentlich-rechtlichen Mehrwert 
entsprechen, nach dem Motto: "Hollywood raus, Österreich rein", 
betonte Stögmüller, der darüber hinaus auch für eine werbefreie Prime 
Time eintrat. Eine Gebührenerhöhung konnte sich Stögmüller nur bei 
einer gleichzeitigen Reduzierung der Werbung und einer Erhöhung der 
Förderung der Privaten vorstellen. Auch plädierte er für die 
Schaffung eines unabhängigen Aufsichtsorgans für den ORF.
Reinhard Christl (FH Wien, Journalismus & Medienmanagement) eröffnete 
die anschließende Diskussion mit der Feststellung, Österreich habe zu 
wenig Qualitätsjournalismus und werde in Zukunft noch weniger davon 
haben. Gefragt waren seiner Meinung nach neue Wege, diesen für eine 
funktionierende Demokratie so wichtigen Qualitätsjournalismus zu 
finanzieren. Er wies zudem auf den Umbruch in der Medienlandschaft 
hin und drängte auf die Schaffung von dafür geeigneten 
Rahmenbedingungen. Außer Streit stand für Christl , dass Österreich 
den ORF brauche, da dieser als einziger Qualitätsjournalismus 
liefere.
Franz Medwenitsch (ORF-Stiftungsrat) betonte, der ORF stecke in einer 
wirtschaftlichen, strukturellen und kreativen Krise. Das Unternehmen 
verfüge jährlich über 60 Mill. € weniger, die Refundierung der 
Gebührenbefreiung werde das Problem aber nicht lösen. Angesprochen 
waren nach Meinung des Redners vielmehr die Strukturen, die, wie er 
urgierte, straffer werden müssten. 
Roland Teichmann (Österreichisches Filminstitut) brach eine Lanze für 
den österreichischen Kinofilm und erinnerte den ORF an seine Rolle in 
der Filmförderung. Er trat dafür ein, die Pflicht des ORF zur 
Mitfinanzierung von Kinofilmen auf eine gesetzliche Basis zu stellen. 
Es sei nicht einzusehen, gerade jetzt, wo der österreichische Film 
boomt, die Zusammenarbeit mit der Filmförderung einzustellen, meinte 
Teichmann und appellierte an die Politiker, den ORF wieder zu einem 
verlässlichen Partner für den heimischen Film zu machen.
Abgeordneter Peter Mayer (V) setzte sich in seinem Beitrag für die 
Berücksichtigung von Randsportarten in der ORF-Sportübertragung ein 
und forderte weiters eine stärkere Bedachtnahme auf die Interessen 
der Jugend bei der Programmgestaltung.
Eva Blimlinger (G-Expertin) untermauerte die Forderung ihrer Fraktion 
nach einem speziellen Angebot für Migranten im ORF als Beitrag zur 
Integration. 
Josef Brugger ((G-Experte) erinnerte an die freien, nicht 
kommerziellen Medien und meinte, es gebe in der Medienlandschaft kein 
duales, sondern vielmehr ein Drei-Säulen-Modell, das im Gesetz 
entsprechend verankert werden sollte. Mit Nachdruck unterstützte er 
zudem die ORF-Landesstudios und deponierte den Wunsch nach einer 
täglichen Landesberichterstattung von mindestens einer Stunde. 
Klaus Unterberger (ORF) stellte klar, der ORF erhalte 0,48 € pro Tag 
aus den Gebühren jedes Einzelnen. Die Bevölkerung bekomme für diesen 
Betrag ein umfangreiches, höchstwertiges Angebot. Beim ORF könne man 
sicher sein, Österreich pur zu erhalten.
Helmut Peissl (Verband freier Radios) sprach den Umbruch der 
Medienlandschaft und der Gesellschaft an und gab zu bedenken, der ORF 
könne vor diesem Hintergrund nicht mehr den Anspruch rechtfertigen, 
ein Angebot für die gesamte Bevölkerung zu senden. Freie, nicht 
kommerzielle Medien würden innovative Leistungen erbringen und 
sollten deshalb klar gesetzlich geregelt und auch bei der Förderung 
entsprechend anerkannt werden.
Abgeordnete Helene Jarmer (G) kritisierte, Österreich liege bei der 
Untertitelung von Fernsehsendungen mit einem Anteil von 30 % in 
Europa an vorletzter Stelle. 500 000 gehörgeschädigte Menschen 
müssten volle Gebühren zahlen, hätten aber nur Zugang zu 30 % des 
Angebots, beklagte sie und forderte eine Ausweitung der Untertitelung 
der ORF-Sendungen.  
Peter Weller (Gewerkschaft Kunst, Medien, Sport, freie Berufe) 
drängte auf eine Novellierung des ORF-Gesetzes und forderte in diesem 
Sinn u.a. die Refundierung der Gebührenbefreiung oder die 
Verkleinerung des Direktoriums, aber auch die Sicherstellung der 
Existenz des RSO.
Brigitte Kulovits-Rupp (Stiftungsrätin) meinte, nicht die Größe des 
Stiftungsrates sei entscheidend. Sobald ein gemeinsamer Wille 
vorhanden sei, werde man zu Ergebnissen kommen. Das Beharren auf 
parteipolitischen Standpunkten sei jedenfalls nicht zielführend. 
Abgeordneter Josef Cap (S) trat in seinem Schlusswort für 
pragmatische Lösungen ein und meinte, bei einer Refundierung der 
Gebührenfreiheit für den ORF müsse man im Sinn des Dualismus auch 
über eine Erhöhung der Medienförderung nachdenken. Im Übrigen 
bemerkte er, das ORF-Gesetz mit der Regelung von Aufsichtsrat und 
Stiftungsrat habe sich bewährt, wichtiger wäre es nun, einen 
gemeinsamen Willen zu erarbeiten, damit der öffentlich-rechtliche 
Rundfunk stark bleibt. Auch äußerte Cap die Meinung, Unterhaltung 
gehöre auch beim ORF dazu, denn sonst gebe es weder Quoten noch 
Werbeeinnahmen. 
Abgeordneter Karlheinz Kopf (V) bekannte sich zu einem starken, 
unabhängigen, nicht filetierten ORF, beklagte aber auch, manche ORF-
Verantwortlichen seien mental in der Dualität noch nicht angekommen. 
Der ORF müsse seinen öffentlichen Auftrag erfüllen, seine Chance 
liege im Unverwechselbaren, im Österreichischen, im 
Identitätsstiftenden. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen 
Zeit mahnte Kopf, mit Werbebeschränkungen sei behutsam umzugehen. An 
den ORF appellierte er überdies, der bloße Ruf nach mehr Geld sei zu 
wenig, es gelte auch, die Kostenstrukturen des Unternehmens 
entsprechend anzupassen. Bei ordentlicher Anstrengung müssten 520 
Mill. € an Gebühren ausreichen, den ORF zu erhalten, meinte er.
Abgeordneter Harald Vilimsky (F) erklärte das Modell der reinen 
Gebührenfinanzierung als Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert und 
trat für eine Medienförderung ein, die Pluralität sichert. Die 
Kommerzschiene von ORF 1 und Ö 3 reiche jedenfalls nicht zur 
Rechtfertigung der Gebühren, es gehe vielmehr um mehr Rot-Weiß-Rot 
und mehr Qualität. Kritik übte er auch am Einfluss der Politiker der 
Regierungsparteien auf die Landesprogramme.
Abgeordneter Stefan Petzner (B) verwies auf die prekäre finanzielle 
Lage des ORF und forderte mehr Wirtschaftlichkeit. Insgesamt meinte 
er, langfristig werde es der öffentlich-rechtliche Rundfunk sehr, 
sehr schwer haben. Petzner deponierte abermals den Vorschlag seiner 
Fraktion nach Privatisierung eines der beiden ORF-Sender.
Abgeordneter Dieter Brosz (G) wies auf die Notwendigkeit eines 
leistungsfähigen dualen Systems in Österreich hin und verlangte 
überdies eine Neustrukturierung der Presseförderung. Anliegen des 
Redners war auch eine Regulierung des ORF an Hand messbarer 
Kriterien. (Schluss)
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