OTS0279 / 17.09.2009 / 14:29 / Channel: Politik / Aussender: Parlamentsdirektion
Stichworte: Enquete / ORF / Parlament


Die künftige Rolle öffentlich-rechtlichen Rundfunks ORF-Enquete hört Expertenmeinungen =


   Wien (PK) - Um die europäische Dimension ging es im Zweiten 
Themenblock der Parlamentarischen Enquete im Hohen Haus zum Thema 
öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Medienvielfalt in Österreich. 
Philip Lowe, Generaldirektor der GD Wettbewerb der EU-Kommission, und 
hochrangige VertreterInnen europäischer Rundfunk-Anstalten wie ZDF-
Intendant Markus Schächter, der für Medienpolitik zuständige RTL-
Bereichsleiter Tobias Schmid und die Direktorin der EBU-
Rechtsabteilung Jane Vizard gingen der Frage nach, welche 
Zukunftschancen der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus ihrer Sicht in 
Europa hat. 
Lowe: Für einen fairen Ausgleich zwischen Medienanbietern
Der Generaldirektor des Bereichs "Wettbewerb" der EU-Kommission 
Philip Lowe beleuchtete die Kompetenzverteilung zwischen 
Nationalstaaten und Kommission auf dem Gebiet des Rundfunks. Die 
Mitgliedsstaaten hätten das Recht, für den öffentlichen Rundfunk 
entsprechende Mittel zur Verfügung zu stellen, ohne dadurch mit dem 
EU-Regelwerk in Konflikt zu kommen, da die Mitgliedsstaaten die 
Medienkompetenz besäßen. Dazu müsse aber ein klarer öffentlich-
rechtlicher Auftrag formuliert sein, der die entsprechenden 
Bedürfnisse der Gesellschaft befriedigen und die Medienvielfalt 
fördern müsse.
Kommerzielle Dienste dürften jedenfalls nicht von öffentlicher Seite 
subventioniert werden, hielt Lowe fest. Auch dürfe die Förderung 
Öffentlich-Rechtlicher nicht dazu führen, dass ein Markt dadurch 
gleichsam leergekauft werden könne. Der öffentliche Rundfunk müsse 
sich seiner Verantwortung bewusst sein und dürfe sich nicht wie der 
Elefant im Porzellanladen benehmen. 
Außerdem brauche es einen fairen Ausgleich zwischen allen 
Medienanbietern, um die Medienvielfalt nicht nur zu erhalten, sondern 
auch zu stärken. Dazu benötige man entsprechende 
Kontrollinstrumentarien, die unabhängig agieren könnten. Schließlich 
ging Lowe auf aktuelle Trends auf dem Mediensektor ein und setzte 
sich dabei auch mit dem Thema ORF aus Sicht der Kommission 
auseinander.
Eckmann: Auf dem Weg zur multimedialen Gesellschaft
Der stellvertretende Generaldirektor der Schweizerischen 
Rundfunkgesellschaft, Daniel Eckmann, setzte sich mit der Frage 
auseinander, was ein starker öffentlicher Rundfunk für eine 
Gesellschaft bedeute. Starke öffentlich-rechtliche Sender trügen 
wesentlich zur Erhaltung, zur Stärkung und zur Weiterentwicklung 
einer demokratischen Gesellschaft bei, insofern müsse dieser "Service 
publique" auch weiter bekräftigt werden, wobei dieser seine 
Legitimation auch daraus beziehe, für das gesamte Publikum da zu 
sein. Es brauche also eine Balance zwischen Anspruch und Erfolg, und 
es brauche den Mut, das Spektrum breit zu halten, um alles 
abzubilden, was unsere Gesellschaft darstelle.
Eckmann bilanzierte die Entwicklung der Mediengesellschaft und 
erinnerte dabei daran, dass der Kennedy-Mord noch ein Radio-, die 
Mondlandung aber bereits ein TV-Ereignis gewesen sei, wohingegen 
"Nine-eleven" bereits ein multimediales Thema war. Es gebe einen 
nennenswerten Wandel vom Radiogerät in der Stube hin zu einer neuen 
Mediengeneration, die rapide wachse. Der moderne Mensch sei mobil, er 
bediene sich dabei des Angebots, das er gerade vorfinde. Der Verzicht 
auf öffentlich-rechtliche Sender wäre falsch, diese müssten aber den 
Anschluss an die heutige Medienwirklichkeit finden, resümierte 
Eckmann, der die Politik an dieser Stelle daran erinnerte, dass die 
Gesetzgebung von heute über die Konkurrenzfähigkeit von morgen 
entscheide.
Biggam: Die Sicht der Privaten
Ross Biggam von ACT, dem Zusammenschluss kommerzieller Sender, 
meinte, er vertrete die privaten TV-Anbieter, weshalb er sich in 
dieser Enquete ein wenig fehl am Platze fühle, da es doch um die 
Zukunftschancen öffentlich-rechtlicher Sender gehe. Konkret verglich 
der Redner die Lage der beiden Senderkonstruktionen und sprach sich 
für ein "duales System" aus, in welchem es einen starken öffentlich-
rechtlichen Sektor gebe, der jedoch nicht länger marktbeherrschend 
sei, sondern stattdessen auch dem privaten Sektor Raum biete. 
Der Redner setzte sich mit diversen europäischen Modellen im 
Rundfunk- und TV-Bereich auseinander und nannte dabei konkrete 
Beispiele aus Belgien und Schottland, wie eine vernünftige Balance 
zwischen öffentlich-rechtlich einerseits und privat andererseits die 
Medienlandschaft konstruktiv befruchte. In diesem Sinne votierte der 
Redner für eine unabhängige Regulierungsbehörde, um zu einer guten 
Lösung im Interesse der jeweiligen Bevölkerung zu kommen.
Vizard: Kultur vor Wirtschaft
Jane Vizard von der EBU wies eingangs ihres Statements darauf hin, 
dass der "European Broadcasting Union" 75 Institutionen aus 56 
Staaten angehörten, darunter von österreichischer Seite der ORF. Es 
handle sich bei der EBU auch um ein Forum, untereinander Erfahrungen 
auszutauschen und gemeinsam Leistungen zu optimieren. 
In diesem Zusammenhang wies Vizard darauf hin, dass die 
Mitgliedsorganisationen der EBU einen wesentlichen 
Transformationsprozess durchliefen und sich zu Medienorganisationen 
des öffentlichen Service entwickelten. Hierbei würde nicht nur das 
Angebot laufend verbessert, man investiere auch in neue Technologien 
wie "High Definition". Dazu würden weitere Medien wie das Internet 
genützt.
Alle Organisationen seien mit den Anforderungen der 
Informationsgesellschaft konfrontiert, auf die es adäquat zu 
reagieren gelte. Im Hinblick auf öffentlich-rechtliche Sender müsse 
bei dieser Gelegenheit auch zukünftig die Unparteilichkeit und die 
Unabhängigkeit garantiert bleiben, damit diese ihrem Kulturauftrag 
nachkommen könnten, hielt Vizard fest und erinnerte dabei an eine 
Aussage von Kommissionspräsident Barroso, wonach Kultur vor 
Wirtschaft kommen müsse.
Schächter: Konvergenz und Fragmentierung
ZDF-Intendant Markus Schächter sprach von Konvergenz und 
Fragmentierung. Im Zuge der Digitalisierung werde das Internet immer 
wichtiger und dringe dabei mehr und mehr in den Fernsehbereich ein. 
Es könne daher einem Medienanbieter nicht verboten werden, ins 
Internet zu gehen, dies umso mehr, als sich das Publikum immer 
stärker fragmentiere und Medien nutze, wo immer es sich gerade 
befinde. Es brauche also kreative Inhalte, die auf die Bedürfnisse 
des Publikums abgestellt seien.
Dabei zeichnete der Redner ein Zukunftsszenario, in dem die Privaten 
stärker zu Experimenten tendieren würden. Free-TV würde dabei in die 
Richtung "Pay-TV-Light" gehen, Werbung und das Vermieten von 
Sendefrequenzen an unterschiedliche Interessenten und Plattformen 
würden zunehmen, umso wichtige werde die Rolle öffentlich-rechtlicher 
Sender bei der Sicherung medialer und thematischer Vielfalt sein, 
prognostizierte Schächter. 
Diese Sender müssten für alle Alters- und Gesellschaftsgruppen da 
sein, müssten frei zugänglich sein und entsprechend breite 
Inhaltspaletten anbieten, konstatierte Schächter. Es gelte, die 
großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern, dabei komme den 
öffentlich-rechtlichen Sendern eine bedeutende Aufgabe zu, für welche 
sie entsprechend vorbereitet zu sein hätten. Sie müssten sich neu 
aufstellen, innovativ agieren und alle Möglichkeiten nützen, die sich 
ihnen auf diesem Weg böten, schloss der Redner.
Schmid: Faktoren zur weiteren Entwicklung
RTL-Repräsentant Tobias Schmid nannte vier Faktoren für die weitere 
Entwicklung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks: politischer 
Konsens für sein Weiterbestehen, eine integrative Stellung des 
öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der jeweiligen Medienlandschaft, 
Akzeptanz des Publikums und die Zulässigkeit des Öffentlich-
Rechtlichen in Bezug auf das Gemeinschaftsrecht.
Dabei erinnerte Schmid daran, dass eine staatliche Intervention im 
Medienbereich nur dann zulässig ist, wenn sie auch geboten sei, und 
dies hänge von den jeweiligen inhaltlichen Parametern ab. Es gehe 
hier um einen so genannten publizistischen Mehrwert, der das 
eigentliche Gebot sei, welches die Ausnahmeregelung vom europäischen 
Wettbewerbsrecht begründe. Geboten sei aber nicht alles, was möglich 
sei. Entscheidend sei vielmehr eine Abwägung zwischen publizistischen 
Mehrwert einerseits und marktlicher Auswirkung anderseits, und zwar 
für jedes spezifisches Angebot, schloss Schmid, denn Vielfalt müsse 
für das Angebot wie für die Zahl der Anbieter gelten.
Die politische Debatte
Abgeordnete Christine Muttonen (S) fühlte sich durch die Ausführungen 
der Referenten in ihrer Ansicht bestätigt, dass die Notwendigkeit 
eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks unbestreitbar sei, denn dieser 
leiste, was Private eben nicht leisten könnten. 
Insbesondere ging die Rednerin dabei auf den Kulturauftrag des ORF 
ein und unterstrich die Bedeutung des ORF für den österreichischen 
Film und für das Radiosymphonieorchester. Im übrigen beweise eine 
kürzlich publizierte Studie, dass die Bevölkerung einen starken 
öffentlich-rechtlichen Rundfunk wünsche. Es brauche also eine Lösung 
für die Erhaltung des RSO wie eine Stärkung der heimischen Kreativ- 
und Filmwirtschaft.
Abgeordneter Wilhelm Molterer (V) ortete eine strukturelle Krise im 
heimischen Rundfunk und erklärte, der ORF müsse erkennen, dass der 
öffentlich-rechtliche Auftrag für ihn eine Chance sei, seine Zukunft 
dauerhaft zu garantieren. Hier gebe es einerseits eine Aufgabe für 
die Politik, nämlich zu evaluieren, ob dieser Auftrag klar genug 
definiert ist, andererseits sei es die Aufgabe der Direktion, dem 
Auftrag entsprechend nachzukommen. Hier gebe es fraglos 
Verbesserungsmöglichkeiten. Schließlich trat Molterer für eine 
unabhängige Kontrollbehörde ein.
Eva Blimlinger (G) setzte sich mit Gender-Aspekten im Rahmen des 
öffentlich-rechtlichen Auftrages auseinander und votierte für 
Gleichbehandlung und Barrierefreiheit. Bundesrat Stefan Schennach (G) 
unterstrich die Bedeutung der Medienvielfalt, die in seinen Augen auf 
drei Säulen beruhe: dem öffentlich-rechtlichen Sektor, dem privaten 
Sektor und dem freien nichtkommerziellen Sektor, der in seiner 
Bedeutung nicht unterschätzt werden dürfe. Diese Medienvielfalt 
stärke die Demokratie, sie müsse daher mit Nachdruck gesichert und 
gestärkt werden.
Bundesrat Josef Kalina (S) meinte, es handle sich bei dieser Thematik 
auch um eine Frage der österreichischen Identität, und wer ein 
österreichisches Fernsehen und Radio wolle, der müsse dafür 
eintreten, dass der ORF nicht zerschlagen, sondern vielmehr erhalten 
und gestärkt werde. Es gehe um Qualität und um entsprechende 
Rahmenbedingungen für ein buntes Nebeneinander im Interesse der 
Demokratie. Josef Brugger (G) setzte sich mit Fragen der Finanzierung 
des ORF auseinander und verwies dabei darauf, dass nicht einmal die 
Hälfte der Gebühren wirklich für Rundfunkangelegenheiten aufgewendet 
würden. Hier brauche es eine andere Aufwendung der Mittel im 
Interesse eines heimischen Programms.
Abgeordnete Angela Lueger (S) sprach sich für die finanzielle 
Absicherung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus und nutzte die 
Gelegenheit, für die Zukunft des Ratgebers "Rat auf Draht" zu werben. 
Abgeordnete Beatrix Karl (V) wiederum beleuchtete die Thematik in 
ihrer europäischen Dimension und ging auf aktuelle Entwicklungen im 
ORF ein.
Abgeordneter Wolfgang Zinggl (G) sprach sich dafür aus, die 
Rundfunkgebühren 1:1 dem ORF zu übertragen, denn das bisherige Modell 
sei in keiner Weise nachvollziehbar. Der ORF könnte allein mit den 
Gebühren wirtschaftlich unabhängig sein und so unbesorgt seinem 
gesellschaftlichen Auftrag nachkommen. Insofern sei die Politik hier 
gefordert, diese Unabhängigkeit zu garantieren. Abgeordnete Silvia 
Fuhrmann (V) beklagte ein Verschwinden des intellektuellen Niveaus im 
Medienbereich und bezweifelte, dass die Quotenjagd dem eigentlichen 
Programmauftrag entspreche. Es gehe hier um die Glaubwürdigkeit des 
öffentlich-rechtlichen Rundfunks, mahnte Fuhrmann.
Bundesrat Gerhard Klug (S) trat gegen eine "Berlusconisierung" der 
Medienlandschaft ein und votierte für landestypische Spezifika im 
Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Abgeordneter Werner 
Amon (V) wies auf die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen 
Akzeptanz für ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen hin und 
betonte, die Quote sei hier ein durchaus nennenswertes Kriterium, was 
auch die Führung des ORF nicht außer Acht lassen dürfe.
Gerald Grünberger beleuchtete den Medienmarkt aus der Sicht der 
Printmedien, Franz Josef Huainigg aus der Sicht von Menschen mit 
Behinderung. Georg Weißmann brachte Standpunkte des Publikumsrates in 
die Debatte ein. 
Abgeordneter Peter Westenthaler (B) wünschte sich eine konstruktive 
Kooperation zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten. Diese müsse 
freilich im Sinne der Zuschauer sein. Im Interesse der Vielfalt müsse 
den Privaten gegenüber Fairness geübt werden. Die Werbezeiten sollten 
daher nicht neu diskutiert werden, allerdings sollte es auch keine 
Zwangsgebühren geben. Hier seien mehr Phantasie und innovative 
Konzepte gefragt. Abgeordneter Peter Fichtenbauer (F) plädierte 
erneut für die Erhaltung des RSO und äußerte sich sodann zum 
Themenkomplex der ORF-Gebühren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk 
sollte zur Gänze aus Budgetmitteln und ohne Werbung finanziert 
werden, dies würde den ORF von seiner Spannungslage zwischen Anspruch 
und kommerziellem Zwang befreien und der Qualität des Angebots 
dienen, zeigte sich Fichtenbauer überzeugt. (Fortsetzung)
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