OTS0069   18. Aug. 2009, 10:34

Stabilisierung der Weltkonjunktur in Sicht



Die internationale Wirtschaftslage hat sich nach dem drastischen
Einbruch des 2. Halbjahres 2008 im II. Quartal 2009 beruhigt. Das BIP
sank in den USA und im Euro-Raum wesentlich schwächer als in den zwei
Quartalen zuvor. Auch die österreichische Wirtschaft schrumpfte im
II. Quartal 2009 gegenüber der Vorperiode real um nur mehr 0,4% (nach
-2,7% im I. Quartal). Die Unternehmensumfragen weisen auf eine
weitere Stabilisierung im III. Quartal hin. Dennoch wird die
internationale Konjunkturlage noch auf längere Sicht fragil bleiben.
Kapazitätsüberhänge und hohe Arbeitslosenquoten sowie die Probleme
des Finanzsektors dämpfen die Aussichten auf eine rasche nachhaltige
Erholung und werden in den nächsten Wochen weiter zu einer Folge
positiver und negativer Meldungen führen.

Gemäß der aktuellen Schnellschätzung des WIFO zur
vierteljährlichen VGR sank das BIP in Österreich im II. Quartal 2009
saison- und arbeitstägig bereinigt gegenüber dem Vorquartal um 0,4%.
Im I. Quartal 2008 hatte der Rückgang noch 2,7% betragen. Damit lag
die Wirtschaftsleistung im II. Quartal um 4,4% unter dem
Vorjahreswert (I. Quartal -4,7%).

Dies spiegelt hauptsächlich die beginnende Stabilisierung der
internationalen Konjunktur im Verlauf des II. Quartals wider. Der
Welthandel und die Wirtschaftleistung in den Industrieländern waren
zwar weiterhin rückläufig. Das Ausmaß des Rückgangs war nach dem
drastischen Einbruch des 2. Halbjahres 2008 jedoch relativ gering. In
den USA sank das BIP im II. Quartal 2009 gegenüber dem Vorquartal um
0,3% (I. Quartal -1,6%), im Euro-Raum um 0,1% (I. Quartal -2,5%).
Deutschland, das vom Einbruch der Industriekonjunktur besonders
betroffen gewesen war, verzeichnete sogar einen Anstieg des BIP um
0,3% (I. Quartal -3,5%).

Die Umfragen zeigen überwiegend eine weitere Stabilisierung der
internationalen Industriekonjunktur im III. Quartal an. Insbesondere
die Produktionserwartungen der Unternehmen und die Beurteilung der
Lagerbestände haben sich in den letzten Monaten stetig verbessert.
Die Anpassung der Lagerbestände war im 2. Halbjahr 2008 eine
wesentliche Ursache der Einbußen im Welthandel. Seit Anfang 2009
wurden weltweit jene Lagerbestände abgebaut, die im Herbst 2008 wegen
des überraschenden Nachfrageeinbruchs entstanden waren. Dieser
Prozess, der die Nachfrage nach Vorprodukten und Fertigteilwaren
besonders beeinträchtigt hat, dürfte nun hinreichend weit
fortgeschritten sein. Mit der Normalisierung der Lagerbestände sollte
sich daher die Produktion weiter stabilisieren.

Wenngleich sich die Aussichten auf eine Erholung der
Weltkonjunktur in der zweiten Jahreshälfte 2009 nunmehr verbessern,
dürfen die Schwierigkeiten nicht übersehen werden, die mittelfristig
einem nachhaltigen Aufschwung nach wie vor entgegenstehen. Zum einen
dürften die hohe Arbeitslosenquote und die hohe Verschuldung der
privaten Haushalte in den USA und in Großbritannien die Erholung der
Konsumnachfrage dämpfen; dies kann nicht dauerhaft durch hohe
Defizite des Staates kompensiert werden. Die Fragilität des privaten
Konsums zeigt sich u. a. darin, dass das Konsumentenvertrauen in den
USA nach der Erholung im II. Quartal im Juli und August wieder leicht
rückläufig war. Zudem dürften auch die Finanzierungsbedingungen für
Unternehmen angesichts des niedrigen Produktionsniveaus und der
Probleme des Bankensektors schwierig bleiben. Dies könnte die
Erholung der Investitionen beeinträchtigen. Schließlich sind weitere
Turbulenzen auf den Finanzmärkten und bislang versteckte Risken im
Bankensektor nicht ganz auszuschließen.

Im Einklang mit der internationalen Wirtschaftslage stabilisierten
sich auch die österreichischen Exporte von Gütern und
Dienstleistungen im II. Quartal (-1,1% gegenüber -5,7% im I.
Quartal). Die Nachfrage nach bearbeiteten Industriewaren und
Kfz-Teilen war aber noch schwach. Weil diese Güter einen hohen Anteil
an den österreichischen Exporten haben, dürfte dies - neben der
Entwicklung in einigen osteuropäischen Ländern - einer der Gründe für
die in diesem Quartal unterdurchschnittliche Entwicklung des
österreichischen BIP (-0,4%) im Vergleich zum gesamten Euro-Raum
(-0,1%) sein. Im Vorjahresvergleich liegt der Rückgang des BIP in
Österreich (-4,4%) etwas niedriger als im Durchschnitt des Euro-Raums
(-4,6%) und deutlich geringer als in Deutschland (-5,9%). Gestützt
durch das Inkrafttreten der Steuerreform und der Verschrottungsprämie
stieg zwar der private Konsum im II. Quartal um 0,4% (I. Quartal
+0,1%). Da der Importgehalt im Kfz-Handel sehr hoch ist, hatte die
Zunahme der Neuzulassungen im II. Quartal aber nur einen mäßig
positiven Effekt auf das österreichische BIP. Die
Bruttoanlageinvestitionen schrumpften dagegen im II. Quartal wegen
des Kapazitätsüberhangs weiter (-1,4%, I. Quartal -1,8%).

Der WIFO-Konjunkturtest vom Juli zeigt für Österreich ebenfalls
eine Stabilisierung der Auftragseingänge, verbunden mit einer
Verbesserung der Produktionserwartungen. Die Lage auf dem
österreichischen Arbeitsmarkt, der traditionell mit Verzögerung auf
Konjunkturschwankungen reagiert, verschlechterte sich im II. Quartal
weiterhin. Saisonbereinigt verringerte sich die Beschäftigung
gegenüber dem Vorquartal um 0,7% (I. Quartal -0,7%). Die
saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag nach österreichischer
Definition im Juli bei 7,4%, um 1,6 Prozentpunkte über dem Wert des
Vorjahres.

Die negativen Inflationsraten (Österreich Juli -0,3%, USA Juni
-1,4%, Euro-Raum Juli -0,7%) spiegeln hauptsächlich den Rückgang der
hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise im Vorjahresvergleich wider.
Die Indizes der Verbraucherpreise ohne Energie und Nahrungsmittel
sind daher derzeit bessere Indikatoren für die mittelfristige
Inflationsentwicklung. Auf dieser Basis lag die Teuerungsrate in den
USA im Juni bei 1,7%. Im Euro-Raum betrug die Teuerungsrate ohne
Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel im Juli 1,2%, in Österreich
1,4%.

Methodische Hinweise und Kurzglossar

Periodenvergleiche

Zeitreihenvergleiche gegenüber der Vorperiode, z. B. dem
Vorquartal, werden um jahreszeitlich bedingte Effekte bereinigt. Dies
schließt auch die Effekte ein, die durch eine unterschiedliche Zahl
von Arbeitstagen in der Periode ausgelöst werden (etwa Ostern). Im
Text wird von "saison- und arbeitstägig bereinigten Veränderungen"
gesprochen.

Die Formulierung "veränderte sich gegenüber dem Vorjahr . . ."
beschreibt hingegen eine relative Veränderung gegenüber der gleichen
Periode des Vorjahres und bezieht sich auf unbereinigte Zeitreihen.

Die Analyse der saison- und arbeitstägig bereinigten Entwicklung
liefert genauere Informationen über den aktuellen Konjunkturverlauf
und zeigt Wendepunkte früher an. Die Daten unterliegen allerdings
zusätzlichen Revisionen, da die Saisonbereinigung auf statistischen
Methoden beruht.

Reale und nominelle Größen

Die ausgewiesenen Werte sind grundsätzlich real, also um
Preiseffekte bereinigt, zu verstehen. Werden Werte nominell
ausgewiesen (z. B. Außenhandelsstatistik), so wird dies eigens
angeführt.

Inflation, VPI und HVPI

Die Inflationsrate misst die Veränderung der Konsumentenpreise
gegenüber dem Vorjahr. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist ein
Maßstab für die nationale Inflation. Der Harmonisierte
Verbraucherpreisindex (HVPI) ist die Grundlage für die vergleichbare
Messung der Inflation in der EU und für die Bewertung der
Preisstabilität innerhalb der Euro-Zone (http://www.statistik.at/).

WIFO-Konjunkturtest und WIFO-Investitionstest

Der WIFO-Konjunkturtest ist eine monatliche Befragung von rund
1.100 österreichischen Unternehmen zur Einschätzung ihrer aktuellen
und künftigen wirtschaftlichen Lage. Der WIFO-Investitionstest ist
eine halbjährliche Befragung von Unternehmen zu ihrer
Investitionstätigkeit (http://www.itkt.at/). Die Indikatoren sind
Salden zwischen dem Anteil der positiven und jenem der negativen
Meldungen an der Gesamtzahl der befragten Unternehmen.

Arbeitslosenquote

Österreichische Definition: Anteil der zur Arbeitsvermittlung
registrierten Personen am Arbeitskräfteangebot der Unselbständigen.
Das Arbeitskräfteangebot ist die Summe aus Arbeitslosenbestand und
unselbständig Beschäftigten (gemessen in
Standardbeschäftigungsverhältnissen). Datenbasis: Registrierungen bei
AMS und Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.

Definition gemäß ILO und Eurostat: Als arbeitslos gelten Personen,
die nicht erwerbstätig sind und aktiv einen Arbeitsplatz suchen. Als
erwerbstätig zählt, wer in der Referenzwoche mindestens 1 Stunde
selbständig oder unselbständig gearbeitet hat. Personen, die
Kinderbetreuungsgeld beziehen, und Lehrlinge zählen zu den
Erwerbstätigen, nicht hingegen Präsenz- und Zivildiener. Die
Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an allen
Erwerbspersonen (Arbeitslose plus Erwerbstätige). Datenbasis:
Umfragedaten von privaten Haushalten (Mikrozensus).

Begriffe im Zusammenhang mit der österreichischen Definition der
Arbeitslosenquote

Personen in Schulungen: Personen, die sich zum Stichtag in
AMS-Schulungsmaßnahmen befinden. Für die Berechnung der
Arbeitslosenquote wird ihre Zahl weder im Nenner noch im Zähler
berücksichtigt.

Unselbständig aktiv Beschäftigte: Zu den "unselbständig
Beschäftigten" zählen Personen, die Kinderbetreuungsgeld beziehen,
sowie Präsenz- und Zivildiener mit aufrechtem
Beschäftigungsverhältnis. Zieht man deren Zahl ab, so erhält man die
Zahl der "unselbständig aktiv Beschäftigten".

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
8/2009
(http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?fid=23923&id=36362&typeid=8&
display_mode=2)

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0069 2009-08-18 10:34 181034 Aug 09 WFO0001 1239




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Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-234 * Fax. +43 1 798 93 86
Gerhard.Ruenstler@wifo.ac.at