Ärztedichte: In 14 Jahren fehlen allein in Wien bis zu 4000 Ärztinnen und Ärzte

Immer weniger Mediziner für immer mehr Patienten zuständig - Etablierung weiterer, auch fächerübergreifender Pilotprojekte gefordert

Wien (OTS) - Die Ärztinnen und Ärzte der Baby-Boomer-Generation gehen in den nächsten Jahren in Pension, und die demografische Entwicklung tut das ihre dazu – Zukunftsprognosen zeigen sehr klar, dass sich dieser Zustand zu einem krisenhaften Ärztemangel auswachsen wird. ****

„Der Befund ist eindeutig: Mehr als 60 Prozent der Kassenärzte werden in den kommenden zehn Jahren das gesetzliche Pensionsalter erreichen. Derzeit sind österreichweit schon mehr als 70 Kassenordinationen unbesetzt“, betont Johannes Steinhart, Vizepräsident und Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Wien sowie der Österreichischen Ärztekammer, den Ernst der Lage.

Bei einem Blick nach Wien wird das Problem noch deutlicher: Geht man von einem Pensionsantritt mit 67 Jahren aus, gibt es von den derzeit 730 Hausärzten in Wien im Jahr 2030 wegen des fehlenden Nachwuchses nur noch 190 Hausärzte mit einem Kassenvertrag.

„Vergleicht man die Anzahl der Wiener Kassenärzte in Relation zu den anspruchsberechtigten Personen der Wiener Gebietskrankenkasse, wird klar ersichtlich, dass immer weniger Ärztinnen und Ärzte für immer mehr Patienten zuständig sind“, erklärt der Leiter des Forschungsinstituts für Freie Berufe der Wirtschaftsuniversität Wien, Leo Chini.

Die Ergebnisse für die Jahre 2005 bis 2015 sind dabei eindeutig:
Die Zahl der Anspruchsberechtigten ist in diesem Zeitraum um 14 Prozent gestiegen, während die Zahl der Vertragsärzte für Allgemeinmedizin um 12 Prozent und jene der Fachärzte mit Kassenvertrag um 3 Prozent gesunken ist.

Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil:
Bereits im Jahr 2025 kommen auf einen Allgemeinmediziner 3338 Patienten und auf einen Facharzt 2914 Patienten.

Chini kommt daher zu dem dramatischen Schluss: „Im Jahr 2030, also in nur 14 Jahren, fehlen uns allein in Wien zwischen 3000 und 4000 Ärztinnen und Ärzte. Das müssen die Verantwortlichen in der Politik endlich akzeptieren und darauf reagieren.“

Primärversorgung 2020: Gesundes Arbeiten als Arzt ermöglichen

Dass Veränderungen im niedergelassenen Bereich notwendig sind, um die Belastungen für Ärztinnen und Ärzte zu senken und ebenso den Beruf für junge Kolleginnen und Kollegen zu attraktiveren, ist auch für Steinhart unumstritten: Die Ärztekammer hält an ihrem Konzept „Primärversorgung 2020“ fest und steht auch zu ihrem Wort, sich für die Etablierung weiterer, auch fächerübergreifender Pilotprojekte einzusetzen. Die Konzepte zur erweiterten Einzelordination, der erweiterten Gruppenpraxis bis hin zur vernetzten Versorgungseinheit (PHC) liegen hierfür bereits auf dem Verhandlungstisch und sind auch für die fachärztliche Versorgung anwendbar.

Steinhart: „Wie man am Beispiel ‚PHC MedizinMariahilf‘ eindrucksvoll sieht, hat sich das Konzept sehr bewährt. Ganz entscheidend für jedes Pilotprojekt ist aber, dass es im Rahmen des Gesamtvertrags zwischen Ärztekammer und Gebietskrankenkasse vereinbart wird. Daher lehnen wir Ambulatorien, die Konzernen Tür und Tor öffnen und die Gewinnmaximierung als Priorität haben, klar ab.“

Dieser Schutz durch den Gesamtvertrag, allen voran der gesamtvertragliche Kündigungsschutz, sei für alle freiberuflich tätigen Ärztinnen und Ärzte „von äußerster Wichtigkeit“, so Steinhart. Gerade für größere Einheiten, in die beachtliche Summen investiert werden müssten, sei es enorm wichtig, durch diesen Kündigungsschutz eine Planungssicherheit zu haben. Im Falle des „PHC MedizinMariahilf“ wurden Investitionen von ungefähr 300.000 Euro getätigt.

„Der falsche Weg ist, wie vom Gesetzgeber geplant, den Kassenbereich mit unseren Einzelordinationen und Gruppenpraxen zugunsten geförderter und außerhalb des Gesamtvertrags stehender Ambulatorien oder PHC-Einheiten finanziell auszuhungern“, betont Steinhart. Stattdessen brauche gerade Wien den Ausbau des kassenärztlichen Bereichs, um den medizinischen Standard zu halten und die zusätzlichen Herausforderungen, wie das Bevölkerungswachstum sowie die Auslagerungen aus dem Spitalsbereich, zu bewältigen. Dazu gehören auch neue Leistungen für die Patienten. Steinhart: „Wir fordern endlich auch Gespräche über die Schaffung neuer Fachgebiete im niedergelassenen Kassenbereich wie Onkologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie.“

Wahlärzte für die Versorgung existenzwichtig

Die Gesundheitspolitik darf auch die immer wichtiger werdende Rolle von Wahlärzten nicht übersehen. Ohne sie würde der niedergelassene Versorgungsbereich schon jetzt nicht mehr funktionieren. Ihre Arbeit ist für die Versorgung existenzwichtig.

Um weiter 100 Prozent im Beruf geben zu können, braucht die Ärzteschaft daher neben dem passenden Umfeld auch die richtigen Bedingungen. Dazu gehört die Streichung von zeitraubenden bürokratischen Auflagen genauso wie ein Ende der Deckelungen und Degressionen im niedergelassenen Bereich. Zumutungen wie „Mystery Shopping“, bei dem Kassenspitzel Ärztinnen und Ärzte zu einem Fehlverhalten provozieren sollen, das ihnen dann zum Vorwurf gemacht werden kann, müssen ebenfalls abgeschafft werden.

„Österreich hat hier echte Probleme, vor denen die Ärztekammer schon seit Jahren warnt“, zieht Steinhart sein Fazit. Noch gibt es einen gewissen Spielraum für einen Kurswechsel und das Implementieren geeigneter Maßnahmen, um das Interesse am Medizinstudium und dem Arztberuf zu stimulieren. (lsd)

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