• 07.11.2016, 10:58:42
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  • OTS0082

Ärztedichte: In 14 Jahren fehlen allein in Wien bis zu 4000 Ärztinnen und Ärzte

Immer weniger Mediziner für immer mehr Patienten zuständig - Etablierung weiterer, auch fächerübergreifender Pilotprojekte gefordert

Utl.: Immer weniger Mediziner für immer mehr Patienten zuständig -
Etablierung weiterer, auch fächerübergreifender Pilotprojekte
gefordert =

Wien (OTS) - Die Ärztinnen und Ärzte der Baby-Boomer-Generation gehen
in den nächsten Jahren in Pension, und die demografische Entwicklung
tut das ihre dazu – Zukunftsprognosen zeigen sehr klar, dass sich
dieser Zustand zu einem krisenhaften Ärztemangel auswachsen wird.
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„Der Befund ist eindeutig: Mehr als 60 Prozent der Kassenärzte
werden in den kommenden zehn Jahren das gesetzliche Pensionsalter
erreichen. Derzeit sind österreichweit schon mehr als 70
Kassenordinationen unbesetzt“, betont Johannes Steinhart,
Vizepräsident und Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte der
Ärztekammer für Wien sowie der Österreichischen Ärztekammer, den
Ernst der Lage.

Bei einem Blick nach Wien wird das Problem noch deutlicher: Geht
man von einem Pensionsantritt mit 67 Jahren aus, gibt es von den
derzeit 730 Hausärzten in Wien im Jahr 2030 wegen des fehlenden
Nachwuchses nur noch 190 Hausärzte mit einem Kassenvertrag.

„Vergleicht man die Anzahl der Wiener Kassenärzte in Relation zu
den anspruchsberechtigten Personen der Wiener Gebietskrankenkasse,
wird klar ersichtlich, dass immer weniger Ärztinnen und Ärzte für
immer mehr Patienten zuständig sind“, erklärt der Leiter des
Forschungsinstituts für Freie Berufe der Wirtschaftsuniversität Wien,
Leo Chini.

Die Ergebnisse für die Jahre 2005 bis 2015 sind dabei eindeutig:
Die Zahl der Anspruchsberechtigten ist in diesem Zeitraum um 14
Prozent gestiegen, während die Zahl der Vertragsärzte für
Allgemeinmedizin um 12 Prozent und jene der Fachärzte mit
Kassenvertrag um 3 Prozent gesunken ist.

Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil:
Bereits im Jahr 2025 kommen auf einen Allgemeinmediziner 3338
Patienten und auf einen Facharzt 2914 Patienten.

Chini kommt daher zu dem dramatischen Schluss: „Im Jahr 2030, also
in nur 14 Jahren, fehlen uns allein in Wien zwischen 3000 und 4000
Ärztinnen und Ärzte. Das müssen die Verantwortlichen in der Politik
endlich akzeptieren und darauf reagieren.“

Primärversorgung 2020: Gesundes Arbeiten als Arzt
ermöglichen

Dass Veränderungen im niedergelassenen Bereich notwendig sind, um
die Belastungen für Ärztinnen und Ärzte zu senken und ebenso den
Beruf für junge Kolleginnen und Kollegen zu attraktiveren, ist auch
für Steinhart unumstritten: Die Ärztekammer hält an ihrem Konzept
„Primärversorgung 2020“ fest und steht auch zu ihrem Wort, sich für
die Etablierung weiterer, auch fächerübergreifender Pilotprojekte
einzusetzen. Die Konzepte zur erweiterten Einzelordination, der
erweiterten Gruppenpraxis bis hin zur vernetzten Versorgungseinheit
(PHC) liegen hierfür bereits auf dem Verhandlungstisch und sind auch
für die fachärztliche Versorgung anwendbar.

Steinhart: „Wie man am Beispiel ‚PHC MedizinMariahilf‘
eindrucksvoll sieht, hat sich das Konzept sehr bewährt. Ganz
entscheidend für jedes Pilotprojekt ist aber, dass es im Rahmen des
Gesamtvertrags zwischen Ärztekammer und Gebietskrankenkasse
vereinbart wird. Daher lehnen wir Ambulatorien, die Konzernen Tür und
Tor öffnen und die Gewinnmaximierung als Priorität haben, klar ab.“

Dieser Schutz durch den Gesamtvertrag, allen voran der
gesamtvertragliche Kündigungsschutz, sei für alle freiberuflich
tätigen Ärztinnen und Ärzte „von äußerster Wichtigkeit“, so
Steinhart. Gerade für größere Einheiten, in die beachtliche Summen
investiert werden müssten, sei es enorm wichtig, durch diesen
Kündigungsschutz eine Planungssicherheit zu haben. Im Falle des „PHC
MedizinMariahilf“ wurden Investitionen von ungefähr 300.000 Euro
getätigt.

„Der falsche Weg ist, wie vom Gesetzgeber geplant, den
Kassenbereich mit unseren Einzelordinationen und Gruppenpraxen
zugunsten geförderter und außerhalb des Gesamtvertrags stehender
Ambulatorien oder PHC-Einheiten finanziell auszuhungern“, betont
Steinhart. Stattdessen brauche gerade Wien den Ausbau des
kassenärztlichen Bereichs, um den medizinischen Standard zu halten
und die zusätzlichen Herausforderungen, wie das Bevölkerungswachstum
sowie die Auslagerungen aus dem Spitalsbereich, zu bewältigen. Dazu
gehören auch neue Leistungen für die Patienten. Steinhart: „Wir
fordern endlich auch Gespräche über die Schaffung neuer Fachgebiete
im niedergelassenen Kassenbereich wie Onkologie, Nuklearmedizin und
Strahlentherapie.“

Wahlärzte für die Versorgung existenzwichtig

Die Gesundheitspolitik darf auch die immer wichtiger werdende
Rolle von Wahlärzten nicht übersehen. Ohne sie würde der
niedergelassene Versorgungsbereich schon jetzt nicht mehr
funktionieren. Ihre Arbeit ist für die Versorgung existenzwichtig.

Um weiter 100 Prozent im Beruf geben zu können, braucht die
Ärzteschaft daher neben dem passenden Umfeld auch die richtigen
Bedingungen. Dazu gehört die Streichung von zeitraubenden
bürokratischen Auflagen genauso wie ein Ende der Deckelungen und
Degressionen im niedergelassenen Bereich. Zumutungen wie „Mystery
Shopping“, bei dem Kassenspitzel Ärztinnen und Ärzte zu einem
Fehlverhalten provozieren sollen, das ihnen dann zum Vorwurf gemacht
werden kann, müssen ebenfalls abgeschafft werden.

„Österreich hat hier echte Probleme, vor denen die Ärztekammer
schon seit Jahren warnt“, zieht Steinhart sein Fazit. Noch gibt es
einen gewissen Spielraum für einen Kurswechsel und das Implementieren
geeigneter Maßnahmen, um das Interesse am Medizinstudium und dem
Arztberuf zu stimulieren. (lsd)

(Schluss)

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