• 18.07.2016, 21:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 19. Juli 2016 von Peter Nindler - Landwirtschaft im Rückwärtsgang

Innsbruck (OTS) - Hilfspakete und Millionen für die Landwirtschaft
verschleiern die teilweise selbst verschuldete Konjunkturkrise. Statt
Lieferverzichtsprämien für die Milch sollte endlich ein Umdenken und
Nachhaltigkeit in Richtung Markt gefördert werden.

Die Milch ist das Gesicht der Konjunkturkrise in der Landwirtschaft.
Dieser Satz stammt vom ehemaligen Präsidenten des europäischen
Bauernverbandes Gerd Sonnleitner. Und zwar bereits aus dem Jahr 2009.
Sieben Jahre später wird trotzdem von der Milch-, aber tunlichst
nicht von Wirtschaftskrise in der Landwirtschaft geredet. Darin liegt
das Grundübel der EU-Agrarstrategie, aber auch der österreichischen
Landwirtschaftspolitik. Deshalb gibt es plötzlich
Lieferverzichtsprämien von zig Millionen Euro für die Bauern statt
nachhaltiger Konjunkturprogramme für eine Landwirtschaft im Wandel.
Da kann Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (VP) noch so sehr
von Nachhaltigkeit fabulieren, nach Ende der Milchquote haben die
Landwirte jeden sich bietenden Euter angezapft und Österreich bzw.
Europa in einem Milchsee versenkt. Die Preise sind im Keller,
Sozialversicherungsbeiträge von 170 Mio. Euro werden erlassen und
jene belohnt, die seither massiv überliefern. Jetzt erhalten sie
Geld, wenn sie die Produktion drosseln. Ist das logisch? Müssten
nicht die Förderungen an eine verträgliche Liefermenge gekoppelt
sein?
Natürlich ist Österreich nur ein kleiner Tropfen im europäischen
Milchtopf, doch steter Milchtropfen höhlt die Erzeugerpreise aus.
Aber das Verursacherprinzip wird ausgeblendet und die
Unterstützungsmaßnahmen sprudeln. Auf das Quotenende war die
österreichische Landwirtschaft in etwa so gut vorbereitet, wie sie
zuvor die jahrelangen Berechnungen der Futterflächen auf den Almen
durchgeführt hat: gar nicht und falsch.
Vielleicht sollten sich die Agrarfunktionäre einmal selbstkritisch
fragen, warum in ihrem Stall immer öfter etwas aus dem Ruder läuft.
Jahrelang wurden die Mahnungen der EU über die Almfutterberechnungen
negiert, bis plötzlich die Strafbescheide auf dem Tisch lagen. In
einem langwierigen Prozess fließen jetzt wieder Millionen zurück.
Die Leistungen der Landwirtschaft sind unverzichtbar für Tirol, der
Rückhalt in der Bevölkerung ist nach wie vor groß. Dennoch:
Hilfspakte behübschen die durch den Milchsee selbst verschuldete
Konjunkturkrise und verzögern das notwendige Umdenken in Richtung Bio
bzw. regionale Angebotsvielfalt. Als Teil des Marktes müssen die
Bauern diesen endlich beherrschen. 21 Jahre nach dem Beitritt zur EU
hat man das Gefühl, dass zuletzt der Rückwärtsgang eingelegt wurde
und der Ruf nach der öffentlichen Hand oft die einzige Strategie ist.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

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