• 25.05.2016, 09:35:33
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Finanzierung der Energiewende benötigt sichere Rahmenbedingungen

Nur neue Technologien und Geschäftsmodelle können die Energiewende zum Erfolg führen

Utl.: Nur neue Technologien und Geschäftsmodelle können die
Energiewende zum Erfolg führen =

Wien (OTS) - Um Klimaschutz und die Energiewende zum Erfolg zu
führen, sind neue Technologien und Geschäftsmodelle nötig. Das sagte
Gerard Reid, CEO der Investmentfirma Alexa Capital, und
Keynote-Speaker am 24. Mai beim Trendforum von Oesterreichs Energie,
das sich dem Thema „Energie, Klima, Geld - Investment-Check
Energiewende“ widmete. Reid erwartet, dass vor allem Software, Solar-
und Speichertechnologien sowie Halbleiter die Energieversorgung
grundlegend verändern werden.

Diese Entwicklung ist für den Finanzexperten, der unter anderem das
Weltwirtschaftsforum in Davos berät, bereits im Gang. So sanken etwa
die Kosten für Solarzellen in den vergangenen fünf Jahren um etwa 75
Prozent. Gleichzeitig wuchs weltweit neu installierte Kapazität von
weniger als zehn Gigawatt (GW) im Jahr 2009 auf über 50 GW im
vergangenen Jahr. Ähnliches sei bei Batteriespeichern zu beobachten.
Auch deren Kosten sanken in den vergangenen fünf Jahren um rund drei
Viertel, die jährlich neu hinzukommende Kapazität vervierfachte sich
annähernd. Reid erwartet, dass in den kommenden Jahren und
Jahrzehnten vermehrt „Mikronetze“ für die lokale Stromversorgung
errichtet werden, die von den weiträumigen Verteil- und
Transportnetzen unabhängig sind und diese weitgehend überflüssig
machen. Stromnetze würden zunehmend zu einem Teil des „Internet of
Things“, womit sich völlig neue technische und wirtschaftliche
Möglichkeiten eröffneten. „Alles wird verbunden und dezentral
steuerbar sein“, erläuterte Reid.

Diese Entwicklungen haben vier Auswirkungen. Erstens gewinnt
Elektrizität im Rahmen der Energieversorgung massiv an Bedeutung.
Reid: „Sie wird der Hauptenergieträger des 21. Jahrhunderts sein.“
Zweitens machen kostengünstigere Batteriespeicher Strom aus
erneuerbaren Energien jederzeit verfügbar und damit wertvoller als
bisher. Drittens werde die Zahl der Elektroautos wesentlich schneller
steigen als allgemein erwartet, so Reid. Tesla habe für sein Modell 3
rund 400.000 Vorbestellungen. Der Anteil des Unternehmens an den
Neubestellungen von Luxusautos in den USA lag 2015 bei 51 Prozent.
Alle anderen Marken verzeichneten dagegen Auftragsrückgänge. Viertens
würden dezentrale Stromspeicher eine große Rolle bei der
Elektrizitätsversorgung spielen. Der Grund dafür sind sogenannte
„Second-Life-Batterien“, die in Autos nicht mehr genutzt werden
können und in der Folge als stationäre Stromspeicher Verwendung
finden, etwa im Haushaltsbereich. Zu rechnen ist laut Reid mit
„bedeutenden Auswirkungen“ auf den Bedarf an fossilen Energieträgern
wie Erdöl, Erdgas und Kohle. Der Höhepunkt der Nachfrage nach diesen
könnte nach seiner Ansicht schon innerhalb der kommenden zehn Jahre
überschritten werden.

Neue Geschäftsmodelle

Aus den aktuellen Trends entstehen laut Reid eine Vielzahl neuer
Geschäftsmodelle. Statt bloßer Kilowattstunden würden künftig
umfassende Energiedienstleistungen angeboten, im Rahmen derer Strom
aus erneuerbaren Energien eine wesentliche Rolle spiele. Die
Bezahlung solcher Komplettpakete könne mittels Flatrate-Tarifen
erfolgen. Wirtschaftlich vielversprechend sind nach Ansicht Reids
Internetplattformen, die Energiekunden und Energieanbieter
zusammenbringen. Auch ist mit dem Auftreten neuer Marktteilnehmer zu
rechnen. So könnten etwa Telekommunikationsfirmen Energie verkaufen
und im Gegenzug Energieunternehmen Telekom-Dienste offerieren.
Energiedienstleistungsunternehmen (Energy Service Companies, Escos)
werden flexible Erzeugungseinheiten sowie flexible Verbraucher
bündeln und deren Leistung vermarkten. Automobilhersteller könnten
dem Beispiel Teslas folgen und Komplettangebote „von der Batterie bis
zur Stromtankstelle mit eigenem Strom“ entwickeln.

Angesichts dessen ist die Finanzierung des Klimaschutzes und der
Energiewende durchaus zu bewerkstelligen, betonte Reid:
„Grundsätzlich ist genügend Geld da. Und wenn es gute
Geschäftsmodelle gibt, wird das Kapital folgen.“ Seiner Ansicht
bietet allerdings das derzeitige Modell des „Energy-Only-Marktes“,
auf dem ausschließlich mit Kilowattstunden gehandelt wird, keine
Anreize für Investitionen in neue Kraftwerke: Die niedrigen
Strompreise würden die Errichtung von Erzeugungseinheiten aller Art
für Energieunternehmen unrentabel machen. Nötig sei eine Senkung der
Finanzierungskosten. Reid: „Der Wettbewerb am Strommarkt wird sich
von den Preisen zu den Kapitalkosten verschieben.“ Welche Rolle
Kapitalkosten spielen, könne man heute schon am Beispiel Griechenland
sehen. Dort sei die durchschnittliche Sonneneinstrahlung zwar doppelt
so hoch wie bei uns, dennoch sei der finanzielle Ertrag von
Photovoltaikanlagen geringer, weil in Griechenland die Kapitalkosten
wesentlich höher sind.

Energy-Only-Markt reformieren

Wolfgang Anzengruber, Präsident von Oesterreichs Energie,
konstatierte ein Marktversagen. Der Energy-Only-Markt könne unter den
gegebenen Bedingungen nicht funktionieren: Im Gegensatz zu
Kraftwerken, die mit Kohle oder Erdgas betrieben werden, hätten
Windparks und Solarkraftwerke faktisch keine Betriebskosten. Somit
könnten sie – wenn sie einmal vorhanden sind - zu Kosten von
annähernd Null Euro Strom erzeugen, womit die Strompreise zumindest
im Großhandel ebenfalls gegen Null tendierten. Damit sei es jedoch
keinem Stromerzeuger mehr möglich, mit dem Verkauf elektrischer
Energie allfällige Investitionskosten zu decken. Anzengruber:
„Deshalb brauchen wir neue Investoren, etwa Pensionsfonds. Diese
interessieren sich allerdings überwiegend für das regulierte
Geschäft, also den Betrieb der Stromnetze, bei dem sie sichere
Renditen erwarten können. Risikofreudige Anleger sind dagegen
selten“. Aus diesem Grund ist seiner Ansicht nach eine Reform des
Energy-Only-Marktes unvermeidbar: „Denn mit den heutigen Preisen kann
keine Technologie ohne Förderungen überleben, die Photovoltaik am
allerwenigsten.“ Anzengruber warnte auch davor, die Bedeutung der
regulatorischen Rahmenbedingungen zu unterschätzen.

Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie,
erläuterte, die E-Wirtschaft schlage im Rahmen ihrer „Stromstrategie“
vor, den Anteil elektrischen Stroms von derzeit etwa 20 Prozent bis
2035 auf rund 33 Prozent des gesamten Energiebedarfs zu erhöhen.
Kommen soll dieser Strom zu zirka je einem Drittel aus Windparks,
Solaranlagen und Wasserkraftwerken, jeweils etwa sechs bis acht
Terawattstunden pro Jahr. Um gleichzeitig die Flexibilität des
Systems zur Stromversorgung zu steigern, wolle die E-Wirtschaft auch
die Stromnetze erheblich verstärken und erweitern. Zur Finanzierung
würden etwa 50 Milliarden Euro benötigt. „Beim derzeitigen
Investitionsumfeld werden wir das nicht schaffen“, so Schmidt.

Erneuerbaren-Präsident für CO2-Steuer

Als Lösung der derzeitigen Finanzierungsprobleme schlug Peter Püspök,
Präsident des Verbandes Erneuerbare Energie Österreich eine
CO2-Steuer auf die Energieerzeugung vor. Dies würde die Produktion
elektrischer Energie mittels Kohlekraftwerken unrentabel machen und
somit klimaschädliche Überkapazitäten aus dem Markt drängen. In der
Folge reduziere sich das Stromangebot, womit die Großhandelspreise
wieder auf ein Niveau kämen, das den Verkauf elektrischer Energie und
damit auch Investitionen in neue Erzeugungsanlagen rentabel mache,
argumentierte Püspök. Überdies würde eine CO2-Steuer auch die
Einführung von Elektroautos unterstützen, da der Betrieb von
Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren tendenziell teurer werde. Um die
CO2-Steuer nicht zu einer weiteren Belastung für die Wirtschaft zu
machen, müssten im Gegenzug die Lohnnebenkosten gesenkt werden,
empfahl Püspök.
Warnend fügte er hinzu, die Gefahren durch den Klimawandel würden
noch immer unterschätzt: „Wir müssen sofort massiv investieren, wenn
wir den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf weniger als
zwei Grad Celsius und damit ein einigermaßen akzeptables Niveau
begrenzen wollen.“

Anleger meiden unkalkulierbare Risiken

Monika Rosen, Chefanalystin der Bank Austria im Bereich Private
Banking, sieht keinen Mangel an Geld für Investitionen im
Energiebereich. Überdies sei das „Niedrigzinsumfeld“ nahezu ideal für
Energieversorger. Sie warnte indessen: Seien die politischen
Rahmenbedingungen für die Energiewirtschaft ungünstig, „ist der
Anleger schnell wieder weg“. Und unter den derzeitigen Bedingungen
könnten die Energieunternehmen schwerlich die Rolle sicherer
Renditenbringer spielen, weil nicht absehbar ist, wie die Entwicklung
in einigen Jahren weiter gehen werde. Jeder potenzielle
Privatinvestor müsse sich selbst fragen, ob er für die Rettung der
Welt vor dem Klimawandel „eine geringere Rendite in Kauf nehmen
möchte und wie viel an Underperformance er zu akzeptieren bereit
ist.“

Martin Brunkhorst, der Leiter des Wiener Büros der Europäischen
Investitionsbank (EIB) ergänzte, Geld für Investitionen sei somit
offenbar sehr wohl ein Problem für die Energiewirtschaft. Gerade die
niedrigen Zinsen kämen der Branche möglicherweise nicht entgegen, da
das hohe Risiko langfristiger Investitionen nicht ausreichend
abgegolten werde. Laut Brunkhorst investiert die EIB bereits seit
langem in Energieunternehmen. Im Gefolge der Weltklimakonferenz von
Paris im vergangenen Dezember (COP 21) entwickelte sie auch eine
Strategie für Investitionen in Projekte zur CO2-Verminderung, die den
Ausbau erneuerbarer Energien, aber auch der Stromnetze, ebenso
beinhaltet wie Maßnahmen im Verkehrssektor. Jährlich stünden dafür
rund 20 Milliarden Euro zur Verfügung.

Das Trendforum von Oesterreichs Energie wurde 2012 als Plattform zur
Erörterung der Zukunftsfragen von Strom und Energie auf hochrangiger
Ebene etabliert. Es findet drei Mal jährlich in Wien statt. Bisherige
Themen waren unter anderem das unterschätzte Risiko Blackout, der
Standortfaktor Strom, die Überregulierung des Energiesektors sowie
der Weltklimagipfel von Paris.

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