• 07.04.2016, 13:26:22
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Pränataldiagnostik im Diskurs

IHS Forscherin Mariella Hager hat am renommierten Tutzinger Diskurs teilgenommen

Utl.: IHS Forscherin Mariella Hager hat am renommierten Tutzinger
Diskurs teilgenommen =

Wien (OTS) - Im Rahmen eines interdisziplinären Projekts an der
renommierten Akademie für Politische Bildung in Tutzing befasste sich
Drin. Mariella Hager, Soziologin am Institut für höhere Studien, mit
den Auswirkungen von Pränataldiagnostik aus interdisziplinärer
Perspektive. Ziel des fächerübergreifenden Tutzinger Diskurses war
es, Aspekte aus Medizin, Sozialwissenschaften, Philosophie,
Pflegewissenschaft, Journalismus, Sozialer Arbeit und mehr zu
erfassen und einander gegenüber zu stellen: Ergebnisse des Diskurses
wurden nun in einer Buchpublikation veröffentlicht.

Thema mit steigender Relevanz

Durch Pränataldiagnostik wird das ungeborene Kind auf mögliche
Behinderungen und Erkrankungen untersucht. Pränataldiagnostik ist in
Österreich nicht verpflichtend, doch gehört sie als individuelle
Gesundheitsleistung bereits zum Standardangebot der medizinischen
Schwangerschaftsbegleitung, manche Untersuchungen werden nahezu
flächendeckend bei allen Schwangerschaften durchgeführt. Durch
Ultraschall lassen sich bereits früh Auffälligkeiten entdecken, die
auf etwaige Krankheiten oder Chromosomenveränderungen hindeuten
können. In den letzten Jahren haben sogenannte NIPTs
(molekulargenetische „nichtinvasive Pränataltests“) für Aufsehen
gesorgt weil bereits wenige Milliliter mütterlichen Bluts ausreichen,
um Rückschlüsse auf die DNA des Ungeborenen und damit auf mögliche
Behinderungen oder Erkrankungen zu ziehen. Problematisch ist, dass
die Ergebnisse dieser Tests nur in Form von Wahrscheinlichkeiten
angegeben werden können, welche häufig schwer interpretierbar sind
und oftmals dazu führen, dass eine „Angst- und Untersuchungsspirale“
bei der Schwangeren ausgelöst wird.

Pränataldiagnostik gewinnt einerseits auf Grund immer genauer
werdender Diagnosemethoden an Relevanz, andererseits auf Grund eines
deutlichen Trends zur späten Mutterschaft, welcher mit einem
steigenden Risiko für Chromosomenabweichungen wie Trisomie 21 (Down
Syndrom) einhergeht.

Mögliche Handlungsoptionen und Folgen

Gesellschaftlich gibt es den unangefochtenen Druck, ein gesundes Kind
zu bekommen. Bei einer diagnostizierten schwerwiegenden Behinderung
oder Erkrankung beim Ungeborenen sind verschiedene Handlungsoptionen
denkbar. Pränataldiagnostik ermöglicht den frühzeitigen Einsatz
zielgerichteter Therapien bei Kindern vor, während oder nach der
Geburt. In wenigen Fällen kommt feto-maternale Chirurgie zum Einsatz,
d. h. bei einigen Fehlbildungen sind Eingriffe schon im Mutterleib
möglich. In der Praxis führt die Diagnose einer schwerwiegenden
Behinderung zur Frage, eine Schwangerschaft fortzusetzen oder
abzubrechen. Dies bedeutet für Betroffene einen überaus belastenden
Entscheidungskonflikt, sie müssen sich mit der Möglichkeit eines
Spätabbruchs auseinandersetzen. Entscheiden sie sich für einen
Abbruch der Schwangerschaft kann dies eine sehr traumatische
Erfahrung sein. Manche Ärzte und Ärztinnen klären daher auch über die
Möglichkeit auf, ein Kind mit infauster Prognose (Überlebensfähigkeit
nicht gegeben) bis zur Geburt auszutragen und es natürlich versterben
zu lassen. Bei der Entscheidung der Geburt eines Kindes mit
Behinderung tragen Eltern oft Sorge vor Isolation und Überforderung
und gesellschaftlicher Exklusion. Ein Ergebnis des Diskurses bezieht
sich daher auch darauf, wie betroffene Eltern und Kinder von der
Gesellschaft besser unterstützt werden müssen.

Im Tutzinger Diskurs zu Pränataldiagnostik wurden Chancen, Risiken
und Folgen aktueller Entwicklungen der Pränataldiagnostik in
regelmäßigen mehrtägigen Workshops interdisziplinär diskutiert. Das
Projekt erstreckte sich über den Zeitraum eines Jahres und mündete in
einer Abschlussveranstaltung und der Publikation "Pränataldiagnostik
im Diskurs. 23 Thesen“, welche nun helfen soll, Handlungsempfehlungen
für Gesellschaft und Politik abzuleiten.

„Der Bereich um Schwangerschaft und Geburt ist heute für Frauen und
ihre Partner zu einem anspruchsvollen Projekt geworden, bei dem es
zunehmend um Reflexion und individuelle Entscheidung geht. Der
Wunsch, alles richtig machen zu wollen, eine Zunahme
pränataldiagnostischer Untersuchungen und großer gesellschaftlicher
Druck, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, haben gestiegene
Unsicherheiten und Ängste zur Folge“, erklärt Mariella Hager,
Sozialwissenschafterin am Institut für Höhere Studien. „Das Erlebnis
einer unbeschwerten Schwangerschaft ist häufig nicht mehr gegeben,
auch wenn sich ein Verdacht auf eine Auffälligkeit im Nachhinein als
unbegründet herausgestellt hat. Aus meiner Sicht benötigen Schwangere
und ihre Partner mehr Unterstützung im Umgang mit Pränataldiagnostik.
Dies kann nur durch an den Bedürfnissen werdender Eltern orientierter
und zielgerichtete Maßnahmen erfolgen. Diese sollen einerseits dazu
dienen, die Gesundheits- und Entscheidungskompetenz Betroffener zu
fördern, andererseits die Beratungs- und Betreuungskompetenz im
gesamten professionellen Umfeld werdender Mütter und Väter zu
stärken.“

Die Publikation "Pränataldiagnostik im Diskurs. 23 Thesen“ ist auf
der Website www.tutzinger-diskurs.de als Download verfügbar und kann
auch als gedruckte Version unter der Adresse Akademie für Politische
Bildung, Buchensee 1, D-82327 Tutzing, angefordert werden.

Über das IHS

Das IHS wurde 1963 von den Exilösterreichern Paul F. Lazarsfeld und
Oskar Morgenstern gegründet. Das unabhängige Institut betreibt
Forschung zu wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen im
Interesse der Öffentlichkeit und beschäftigt derzeit rund 100
WissenschafterInnen. Vor wenigen Monaten hat es einen neuen Standort
im 8. Wiener Bezirk bezogen. Das IHS setzt – wie etwa bei der
vierteljährlichen Wirtschaftsprognose – auf Forschung zu realen
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Neben der
Anwendungsorientierung zeichnet sich das Institut durch die enge
Verbindung mit der Grundlagenforschung sowie einen konsequent hohen
wissenschaftlichen Anspruch aus. Außerdem bringt das IHS regelmäßig
renommierte WissenschafterInnen aus aller Welt nach Wien.

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